Wettbewerb um Russlanddeutsche

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Hunderte Russlanddeutsche zeigten sich schon auf Demos für mehr Sicherheit. foto:dpa

Die Heimat ist für Russlanddeutsche essenziell. Bislang verband sie das mit der CSU. Jetzt versucht die AfD, der Union die konservativen Spätaussiedler abspenstig zu machen.

Kampf zwischen CDU und Afd

Von Sophie Rohrmeier

München – Deutschland müsse Deutschland bleiben, das hört Bernd Fabritius oft. Gerade wenn er, CSU-Bundestagsmitglied und Chef des Bunds der Vertriebenen, zu Debatten reist. Seine Partei ist traditionell die Heimatpartei der Bayern, deshalb gehörten Russlanddeutsche im Freistaat lange Zeit zu ihren Stammwählern. Doch jetzt, vor der Bundestagswahl, kämpft noch ein Konkurrent um diese Wählergruppe: die Alternative für Deutschland (AfD).

Diese Partei greift nämlich genau an der Angst vieler Deutscher aus Russland an: Deutschsein zähle nicht mehr in Deutschland. „Das trifft die Russlanddeutschen besonders“, sagt Fabritius. Denn sie hätten die Ex-Sowjetunion verlassen, weil es genau da Defizite gab. „Weil Deutschsein dort nicht zählte.“

Die AfD werbe sehr deutlich und populistisch um die Deutschen aus Russland, sagt Fabritius. Die CSU müsse offensiv gegensteuern – und tue das auch. Die Mittel: eine Wahlkampagne in russischer Sprache in sozialen Netzwerken, zum Beispiel; Joachim Herrmann, der höhere Renten für Russlanddeutsche und andere Spätaussiedler fordert; und Fabritius, der mit seinen Leuten spricht. „Es ist kein Selbstläufer“, sagt er. Aufklärung ist offensichtlich nötig. Denn viele Spätaussiedler sind verunsichert, und die CSU kann es nicht ignorieren. Rund 1,5 Millionen Russlanddeutsche sind bundesweit wahlberechtigt. Seit 1990 kamen dem bayerischen Integrationsministerium zufolge rund 230 000 Spätaussiedler nach Bayern. Und ein Blick zu den Nachbarn warnt die CSU. In Baden-Württemberg sitzt der Schock bei der Union offensichtlich tief: 24,2 Prozent holte die AfD im vergangenen Jahr bei der Landtagswahl im Wahlkreis Pforzheim, wo allein im Stadtteil Haidach rund 5500 Deutsche aus Russland leben. Für die CDU gab es dort im Vergleich zu 2011 ein Minus von mehr als 20 Prozentpunkten auf 22,4 Prozent. Gerade Russlanddeutsche hatten sich von der Union entfernt.

Darum sagt Fabritius auf seinen Reisen: „Dass Deutschland auch Deutschland bleibt – das ist ein urkonservativer Wert.“ Und die Union vertrete ihn. Die aber, die schon zur AfD abgewandert sind, halten das für unglaubwürdig. Da war man endlich angekommen, in Deutschland, der Heimat. Und da ändert sich dieses Land genau in die Richtung, wegen der man gegangen war: So beschreibt Vadim Derksen die Angst jener Russlanddeutschen, die sich nun in Bayern von der CSU ab- und der AfD zuwenden. Er ist ein bayerischer Vertreter der neuen AfD-Interessengemeinschaft der Russlanddeutschen. „Die linke Ideologie, die Vorgaben, wie man zu denken hat“, sagt er, gefalle ihnen nicht. Merkel sei die Personifizierung dessen.

„Die Bindung von Russlanddeutschen an die CDU geht stark zurück“, sagt Forscherin Sabrina Mayer von der Universität Duisburg-Essen, die das Wahlverhalten von Migranten untersucht. Wie viele aus dieser Wählergruppe im Freistaat zur AfD wechseln, wird sich erst bei der Wahl zeigen. Aber dass sich viele nicht mehr repräsentiert fühlen von der Union, ist schon offenbar geworden, etwa 2016 auf Anti-Flüchtlings-Demos auch in Bayern. Eine große Rolle bei der Meinungsbildung spielen auch oft Falschmeldungen in den sozialen und klassischen Medien. Etwa über den von Russland unterstützten Sender RT (früher Russia Today), der sich aber nicht an Journalismus-Standards hält, wie sie etwa bei der britischen öffentlich-rechtlichen BBC oder beim deutschen Auslandssender Deutsche Welle gelten.

Die Aktivitäten der AfD in den sozialen Netzwerken machen auch BdV-Chef Fabritius Sorgen. Die Partei verfolge eine „perfide Strategie“: Sie teile dort etwa Veranstaltungen der Landsmannschaften und tue so, als ob es AfD-Angebote wären. „Dadurch entsteht der Eindruck, die AfD habe dort eine große Basis.“ Das, sagt Fabritius, sei aber in weiten Teilen Wunschdenken.

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