Wenn aus Kindern Smombies werden

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Die Seele leidet. Trost gibt der PC.

WhatsApp, Selfies, Zocken: Das Kind hat immer das Smartphone in der Hand, sitzt zu Hause ständig vor dem Rechner. Die Eltern machen sich Sorgen. Doch wann wird es gefährlich? Und welche Wege aus der Mediensucht gibt es?

exzessiver Medienkonsum

von aglaja Adam

München – Es ist dieses Spiel, das Henry* zum Verhängnis wird. Im echten Leben ist der 14-Jährige schüchtern, hat kaum Freunde. In der Schule wird er gemobbt. Zu Hause flüchtet er in die virtuelle Welt. Zockt Tage und Nächte durch. In seinem Spiel bringt er es weit, er ist der General. Im Internet bekommt er Anerkennung, in Chats feiern ihn Fremde für seine Erfolge.

„Das ist ein Sog, in den Jugendliche hineingeraten“, sagt Oberärztin Petra Sobanski, die am Klinikum Schwabing Kinder und Jugendliche mit psychosomatischen Erkrankungen behandelt. Die Patienten, deren exzessiver Medienkonsum sie ins Krankenhaus führt, sind durchschnittlich 13 bis 18 Jahre alt. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten, Jungs sind genauso häufig betroffen wie Mädchen. In den meisten Fällen hat sich die Situation über Jahre zugespitzt. „Die Mediensucht ist oft nur ein Symptom“, sagt Sobanski. Meist stecken schwere Krankheiten wie Depressionen, Essstörungen oder Sozialphobien dahinter.

Auch bei Henry beginnt alles vor Jahren. Bereits in der Grundschule ist er ein Außenseiter. Gute Leistungen, angepasst, aber zu sensibel für den rauen Ton auf dem Pausenhof. Immer öfter klagt er über Bauchschmerzen. Die Eltern ziehen mit ihm von Kinderarzt zu Kinderarzt. Körperlich ist alles in Ordnung. Doch die Seele leidet. Und Trost gibt der PC. Die Tage häufen sich, an denen Henry vermeintlich krank zu Hause bleibt, dort vertreibt er sich die Zeit mit Computerspielen. Nach dem Übertritt ans Gymnasium wird es noch schlimmer. Die Schulleistungen lassen nach, der Junge geht überhaupt nicht mehr gerne aus dem Haus. „Die Eltern sind nicht mehr an ihn herangekommen“, sagt Ärztin Sobanski. Drohen und schimpfen hilft nichts. Schaltet der Vater Internet und Computer aus, macht Henry auf dem Smartphone weiter, hackt sich in fremde Wlan-Netze ein. Muss er das Handy abgeben, tobt er.

„Viele holen sich zu spät Hilfe“, sagt Sobanski. Denn die Grenze zum Zuviel wird meist schleichend überschritten. „Medienkonsum in Maßen lässt junge Menschen an ihrer Umwelt teilhaben und ist nicht mehr wegzudenken.“ Auch das eigene Smartphone gehöre heute ab etwa zwölf Jahren dazu. „Die reine Handysucht ist es meistens nicht, das Smartphone ist nur Ersatzdroge.“

Auf diese Ersatzdroge müssen auch die Jugendlichen, die stationär im Klinikum Schwabing behandelt werden, nicht ganz verzichten. Von 17 bis 21 Uhr dürfen sie ihre Handys haben, der Computer steht eine Stunde am Tag zur Verfügung. „Viele werden dennoch bleich, wenn sie das hören.“ Drei Monate bleiben die jungen Patienten durchschnittlich. Vormittags gehen sie in die „Schule für Kranke“, nachmittags machen sie Therapien. „Für viele sind die festen Strukturen ungewohnt“, sagt Sobanski. Sie beobachtet die fehlende Konsequenz in vielen Elternhäusern. „Eltern müssen Regeln aufstellen und für die Durchsetzung kämpfen.“ Und ein Vorbild sein. „Wer selbst beim Essen das Smartphone nicht weglegt und die Abende vor dem Internet verbringt, kann seinen Kindern die Gefahren nicht vermitteln.“ Gleichzeitig kritisiert sie, dass viele Eltern den Anschluss an die virtuelle Welt mit seinen Spielen, den sozialen Medien und Video-Plattformen verpassen. „Viele wissen gar nicht, mit was sich ihr Kind beschäftigt“, sagt sie. Womit die Jugendlichen beim Surfen konfrontiert werden, kann auch krank machen.

Sophia* ist durch ihr Smartphone immer tiefer in die Magersucht gerutscht. Die 15-Jährige kam vor zwei Jahren neu nach München, fand in ihrer Klasse keinen Anschluss. Als sich ihr Körper verändert, fühlt sie sich unwohl. Sie isst kaum noch und verschanzt sich hinter ihrem Handy. Sie wird ein „Smartphone-Zombie“, ein „Smombie“. Das „Jugendwort des Jahres 2015“ bezeichnet Menschen, die mit ihrem Handy verwachsen zu sein scheinen. Sophias Eltern sehen, dass es der Tochter schlecht geht. Sie vermuten, dass sie Kontakt mit ihren alten Freunden hält. Doch das reicht Sophia bald nicht mehr. Sie sucht neue „Freunde“, findet sie bei „Pro Ana“. Auf dem Blog gründen Teenager WhatsApp-Gruppen, um sich gegenseitig in die Magersucht zu steigern. Abgemagert und sozial isoliert kommt Sophia schließlich in die Klinik.

„Es ist ein Teufelskreis“, sagt Sobanski. Psychisch labile Jugendliche seien besonders anfällig für Foren mit kritischen Inhalten. „Da werden Selbstmordgedanken ausgetauscht, Bilder von angeritzten Armen hochgeladen, es findet ein Austausch über sexuelle Gewalt statt.“ Erfahren die Eltern davon, sind sie schockiert. „Beim eigenen Kind hört der Datenschutz auf“, sagt die Expertin. Sie empfiehlt, aufmerksam zu bleiben, den Jugendlichen immer wieder über die Schulter zu schauen. „Auch wenn es ihnen unangenehm ist.“ Denn nur, wer nicht wegsieht, kann die Flucht in die virtuelle Welt aufhalten.

*Namen geändert

Ein Info-Abend

zum Thema „Krummer Rücken, Medien-Stress“ findet heute, um 17.30 Uhr, im Hörsaal der Kinderklinik Schwabing statt. Referentinnen: Dr. Petra Sobanski, Kinder und Jugendpsychosomatik, und Dr. Cora Behnisch-Gärtner, Kinderorthopädie.

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