KANZLERIN WILL WIEDER AUF WÄHLER ZUGEHEN

Weniger Angela, mehr Annegret

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Das Beständigste an Angela Merkel ist ihre Wandelbarkeit.

„Reformkanzlerin“ wollte sie einst werden, bis die Wähler 2005 „nein“ sagten; danach war davon nicht mehr die Rede. „Klimakanzlerin“ wurde sie sodann und „Flüchtlingskanzlerin“ – bis sie auch diese Rollen abstreifte, als sie ihr nicht mehr nützten. Jetzt also die „Kanzlerin der Einheit“: Ihre Kritiker einbinden will sie und verlorene, manche sagen verstoßene, Wähler zurückgewinnen. „Die Verluste spornen uns an, die richtigen Antworten auf Sorgen und Unzufriedenheiten zu geben“, sagte Merkel gestern auf dem CDU-Parteitag, bei der Verteidigung der inneren Sicherheit werde sie „null Toleranz“ walten lassen. Das klang bemerkenswert anders als der zum Tiefpunkt ihrer Kanzlerschaft gewordene Satz, sie könne nicht „erkennen, was wir jetzt anders machen müssten“. Dieser wurde nach dramatischen Wahlverlusten, nach Zuwanderungschaos und wachsender Terrorangst zum Sinnbild der Abgehobenheit einer der Realität entrückten Regierungschefin.

Wer wollte, konnte jetzt aus den Worten der sonst eher zur Rechthaberei neigenden Angela Merkel wenigstens Spurenelemente von Selbstkritik heraushören. Mit ihrer doppelten Volte – Jens Spahn ins Kabinett, zugehen auf enttäuschte Wähler – hat sie ihrer Partei die Putschgelüste erst mal ausgetrieben. Sie, die Getriebene, hat jetzt die Chance, einen Abschied in Ruhe und Würde vorzubereiten. Indem sie mit Annegret-Kramp Karrenbauer, Jens Spahn und Julia Klöckner drei annähernd gleich starke Kandidat(inn)en ins Rennen um ihre Nachfolge schickt, sorgt sie für ein Gleichgewicht, das zuallererst ihr selbst hilft, aber auch der Partei endlich die ersehnte Alternative bietet. Die Merkel-müde CDU hat ihr das gestern gedankt, auch wenn in den 99 Prozent für die neue Generalsekretärin vor allem die Erleichterung über weniger Angela und mehr Annegret mitschwang.

Sei’s drum: Wenn Angela Merkel es schafft, anders als Adenauer und Kohl ihr Erbe zu regeln, würde ihr am Ende doch noch jener große Wurf gelingen, den ihre Politik seit Jahren so schmerzlich vermissen lässt.

Georg Anastasiadis

Sie erreichen den Autor unter

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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