Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten

Steinmeier fordert in Weihnachtsansprache: „Wir müssen wieder lernen, zu streiten“   

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seiner Weihnachtsansprache.

In seiner Ansprache zu Weihnachten hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu respektvollem Dialog aufgerufen - mahnte aber auch, kontroverse Diskussionen nicht zu scheuen.

Update vom 25. Dezember: Frank-Walter Steinmeier widmete seine Weihnachtsansprache in diesem Jahr dem Miteinander-Reden und Diskutieren. Doch auch zu Gesprächen über kontroverse Themen und sogar zum Streiten forderte der Bundespräsident die Deutschen auf. 

„Wir alle gehören zu diesem Land – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe, von Lebensanschauung oder Lieblingsmannschaft,“ so Steinmeier. Das sei das Schöne und das Anstrengende an der Demokratie zugleich. An diesem Punkt in seiner Rede mahnte Steinmeier, dass wir wieder lernen müssen zu streiten - „allerdings ohne Schaum vorm Mund, und lernen, unsere Unterschiede auszuhalten.“ Wer Streit hat, könne sich auch wieder zusammenraufen. „Das kennen wir von Weihnachten mit der Familie“, sprach der Bundespräsident vielen Menschen wohl aus der Seele. 

Anschließend sendete der Bundespräsident noch einen Appell, der die Kernbotschaft seiner Weihnachtsansprache 2018 auf den Punkt bringt: „Aber wer gar nicht spricht und erst recht nicht zuhört, kommt Lösungen kein Stück näher. Sprachlosigkeit heißt Stillstand.“

Die Weihnachtsansprache von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird am ersten Weihnachtsfeiertag unter anderem ab 20.10 Uhr in der ARD übertragen. 

Ursprungsmeldung von 24. Dezember: Frank-Walter Steinmeier: „Auch bei uns im Land gibt es Ängste, gibt es Wut“

Berlin - Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Deutschen zu Gesprächen über kontroverse Themen aufgefordert. "Sprechen Sie mit Menschen, die nicht Ihrer Meinung sind", appellierte Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache, die am Dienstag ausgestrahlt werden soll. "Sprechen Sie ganz bewusst mal mit jemandem, über den Sie vielleicht schon eine Meinung haben, mit dem Sie aber sonst kein Wort gewechselt hätten." Dies sei "mein Weihnachtswunsch an Sie" und auch sein eigener Vorsatz für 2019.

Seinem Eindruck nach sprächen die Deutschen immer seltener miteinander, sagte Steinmeier. "Und noch seltener hören wir einander zu." Insbesondere in den sozialen Medien werde "gegiftet, da ist Lärm und tägliche Empörung", beklagte Steinmeier. "Wir müssen wieder lernen zu streiten, ohne Schaum vorm Mund." Schweigen dagegen sei keine Lösung: "Sprachlosigkeit heißt Stillstand."

Steinmeier: „Wir alle gehören zu diesem Land - unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe“

Steinmeier rief zugleich zum Zusammenhalt auf. "So sehr wir uns über andere ärgern oder sie uns gleich wegwünschen, eines gilt auch morgen noch: Wir alle gehören zu diesem Land - unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe, von Lebensanschauung oder Lieblingsmannschaft."

Was passiere, wenn Gesellschaften auseinander driften, sei "in der Welt um uns herum" gut zu beobachten, mahnte Steinmeier. "Wir haben brennende Barrikaden in Paris erlebt, tiefe politische Gräben in den USA, Sorgen in Großbritannien vor dem Brexit, Zerreißproben für Europa in Ungarn, Italien und anderswo." Auch Deutschland sei "natürlich nicht geschützt gegen solche Entwicklungen", warnte der Bundespräsident. Denn „auch bei uns im Land gibt es Ungewissheit, gibt es Ängste, gibt es Wut.“ Doch wer Streit habe, könne sich auch wieder zusammenraufen.

Die Weihnachtsansprache 2018 des Bundespräsidenten im Wortlaut

Lesen Sie hier die komplette Weihnachtsansprache 2018 des Bundespräsidenten im Wortlaut nach:

„Frohe Weihnachten Ihnen allen!

Ich hoffe, Sie finden an den Feiertagen ein bisschen mehr von dem, wovon es sonst im Jahr zu wenig gibt: Zeit.

Zeit zum Durchatmen. Zum Lesen vielleicht, zum Entspannen oder einfach mal zum Ausschlafen. Zeit auch zum Nachdenken – über das, was wichtig war in diesem Jahr, und was wichtig wird im kommenden.

Und, auch das gehört zu Weihnachten: Endlich Zeit zum Reden! Mit unseren Liebsten daheim natürlich, aber gerade auch mit denen, die wir im Trubel des Jahres vernachlässigt haben. Zeit für ein Telefonat mit der alten Schulfreundin. Für einen Kaffee mit den Nachbarn.

Bei vielen von uns kommt zum Weihnachtsessen die Familie – vielleicht auch wieder die ganz bestimmten Verwandten, bei denen man schon vorher weiß, dass wir uns über Politik in die Haare kriegen. Ja, es wird nicht nur gesungen an Weihnachten, sondern manchmal auch gestritten.

Ich finde: Wie gut, dass wir diskutieren; wie gut, dass wir miteinander reden! Wenn ich mir für unser Land eins wünschen darf, dann: mehr davon!

Ich habe den Eindruck, wir Deutsche sprechen immer seltener miteinander. Und noch seltener hören wir einander zu. Wo immer man hinschaut, erst recht in den Sozialen Medien: Da wird gegiftet, da ist Lärm und tägliche Empörung.

Und mehr noch als der Lärm von manchen besorgt mich das Schweigen von vielen anderen. Immer mehr Menschen ziehen sich zurück unter ihresgleichen, zurück in die eigene Blase, wo alle immer einer Meinung sind – auch einer Meinung darüber, wer nicht dazugehört. Nur, so sehr wir uns über andere ärgern oder sie uns gleich ganz wegwünschen, eines gilt auch morgen noch: Wir alle gehören zu diesem Land – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe, von Lebensanschauung oder Lieblingsmannschaft.

Das ist das Schöne und das Anstrengende an der Demokratie zugleich. Wir müssen wieder lernen, zu streiten, ohne Schaum vorm Mund, und lernen, unsere Unterschiede auszuhalten. Wer Streit hat, kann sich auch wieder zusammenraufen. Das kennen wir von Weihnachten mit der Familie. Aber wer gar nicht spricht und erst recht nicht zuhört, kommt Lösungen kein Stück näher. Sprachlosigkeit heißt Stillstand.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wir haben es, Sie haben es in der Hand: Sprechen Sie mit Menschen, die nicht Ihrer Meinung sind! Sprechen Sie ganz bewusst mal mit jemandem, über den Sie vielleicht schon eine Meinung haben, mit dem Sie aber sonst kein Wort gewechselt hätten. Ein Versuch ist das wert. Das ist mein Weihnachtswunsch an Sie. Und das ist auch mein eigener Vorsatz für das nächste Jahr. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft mit sich im Gespräch bleibt!

Was passiert, wenn Gesellschaften auseinanderdriften, wenn eine Seite mit der anderen kaum noch reden kann, ohne dass die Fetzen fliegen – das sehen wir in der Welt um uns herum. Wir haben brennende Barrikaden in Paris erlebt, tiefe politische Gräben in den USA, Sorgen in Großbritannien vor dem Brexit, Zerreißproben für Europa in Ungarn, Italien und anderswo. Und wir, in der Mitte Europas, sind natürlich nicht geschützt gegen solche Entwicklungen. Auch bei uns im Land gibt es Ungewissheit, gibt es Ängste, gibt es Wut.

Und vielleicht ist all das auch ein Thema bei Ihnen heute Abend zuhause. Umso deutlicher will ich Ihnen sagen, was ich als Bundespräsident jeden Tag erfahre: Unsere Demokratie ist stark! Millionen Menschen sorgen dafür. Sie sorgen dafür. Viele von Ihnen engagieren sich, in der Nachbarschaft, in Vereinen oder im Stadtrat. Im Haupt- oder Ehrenamt. Auch jetzt gerade übrigens: in Krankenhäusern oder Polizeiwachen, bei der Feuerwehr oder im Altenheim, im In- und im Ausland. Allen, die heute Abend ihren Dienst leisten, danke ich ganz besonders herzlich.

Sie machen uns stark! Unsere Demokratie ist immer so stark, wie wir sie machen. Sie baut darauf, dass wir unsere Meinung sagen, für unsere Interessen streiten. Und sie setzt uns der ständigen Gefahr aus, dass auch der andere mal Recht haben könnte. Am Ende einen Kompromiss zu finden, das ist keine Schwäche, sondern das zeichnet uns aus! Die Fähigkeit zum Kompromiss ist die Stärke der Demokratie.

Also: Trauen wir uns doch! Und vertrauen wir diesem Land! Es ist unser Land, es ist unsere Demokratie.

Ich bin zuversichtlich für das, was kommt im nächsten Jahr. Und Zuversicht wünsche ich auch Ihnen ganz persönlich. Gesegnete Weihnachten!“

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afp/tz

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