Ein Weckruf

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

Abgeordneter verteilt Grundgesetze. Man mag ihn belächeln, den gutherzigen CSU-Mann Martin Neumeyer, wie er in der Innenstadt Grundgesetze und Bayerns Verfassung verteilt wie sonst die Salafisten ihre Kampfschriften.

Der Abgeordnete wird die Radikalen kaum vertreiben damit. Trotzdem verdient seine Aktion Aufmerksamkeit. Sie ist ein mehrfaches Signal. Eines an Agitatoren, dass ihnen öffentliche Plätze eben nicht ungeteilt für die Verbreitung von Hass und Verachtung überlassen werden dürfen. Aber auch eines an uns – ein Weckruf. Neumeyers Auftritt enthält einen ungemütlichen Subtext: Wer auf Werte-Einhaltung durch Zugewanderte pocht, sollte seine eigenen Werte bitteschön kennen, leben und offensiv vertreten können.

Tun wir das? Die Verrohung der Debattenkultur auf den Straßen und im Netz spricht nicht voll dafür. Drohungen und Pöbelei sind kein Teil des Wertekanons, den mancher mit wütenden Internet-Kommentaren zu verteidigen glaubt. Und wer sich aufregt über die aus missverstandener Toleranz erfolgte Umbenennung von Weihnachts- in Wintermärkte, sollte vorab kurz hinterfragen: Kann er ohne Google erklären, was wir an Pfingsten feiern? Wenn Neumeyers Verteilaktion nicht als Aufruf zum Kulturkampf aufgenommen wird, sondern als Anstoß zum Nachdenken, lohnt sich das Projekt schon.

Christian Deutschländer

Sie erreichen den Autor unter

Christian.Deutschlaender@ovb.net

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare