Warum Verliebtheit nichts mit Liebe zu tun hat Ein Paartherapeut erklärt, warum die Schmetterlinge im Bauch irgendwann weg sind – und was dann zu ...

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Holger Kuntze ist Paartherapeut in München und Berlin.

Warum Verliebtheit nichts mit Liebe zu tun hat. Ein Paartherapeut erklärt, warum die Schmetterlinge im Bauch irgendwann weg sind – und was dann zu tun ist.

Geht der Gesellschaft die Liebe verloren? Geben wir in Beziehungen zu schnell auf, weil wir dem Gefühl des Verliebtseins hinterherrennen? Ja, findet Bestseller-Autor Holger Kuntze, der seit 2001 als Paartherapeut und -berater tätig ist. Der 51-Jährige, der in München und Berlin lebt und praktiziert, offenbart in seinem Buch „Lieben heißt wollen“ eine ganze neue Sicht auf Partnerschaften und die Liebe – und die hat viel mit Freundschaft zu tun...

Sie sind mit Ihrem Buch bei einem großen Online-Händler auf Platz 1 unter der Rubrik „Scheidung“. Dabei ist die doch gar nicht Ihre Intention...?

Ich bin auch in den Rubriken „Ehe“ und „Sexualität“ auf Platz eins. Ich denke, dass viele, die in der Krise sind, bei „Scheidung“ landen: um dort Hilfe zu finden, um eine Scheidung zu vermeiden.

Sie sagen, ein Kardinalfehler, den viele machen, ist, Verliebtheit mit Liebe zu verwechseln...

Wir erleben im Moment eine Gesellschaft, die eher vom Adrenalinkick, von der Aufregung und den kurzen Vergnügungen lebt. Auch die Werbung suggeriert, dass selbst ein langes Leben eine Achterbahnfahrt nach der nächsten ist. Dabei haben wir vergessen, dass es nach der Verliebtheit in einer gelingenden Paarbeziehung Liebe gibt. Und oft können wir dieses Gefühl der Liebe gar nicht mehr zuordnen, weil wir total darauf aus sind, der Verliebtheit hinterherzurennen.

Sind Verliebtheitssucht und Liebesfrust ein junges Phänomen?

Das ist ein Phänomen, das in den letzten 30 Jahren immer mehr um sich gegriffen hat. Die Generation unserer Großeltern hatte dieses Thema bestimmt nicht auf dem Tapet. In den letzten 15 Jahren habe ich in meiner Praxis immer häufiger festgestellt, dass sehr viele Paare eigentlich in funktionalen Beziehungen sind, aber trotzdem glauben, irgendwas würde nicht stimmen. Das zeigt mir, dass das Gefühl von Liebe, das an ganz andere Botenstoffe und Hirnaktivitäten gekoppelt ist als das Verliebtsein, in der Wahrnehmung der Menschen gar nicht mehr vorhanden ist. Natürlich ist Verliebtheit die stärkere Emotion. Aber Verliebtheit kann nicht das sein, was in einer fünf-, zehn-, 20- oder 30-jährigen Beziehung anhaltend vorhanden ist.

Und das macht die Liebe für viele so schwierig?

Die Liebe ist nicht schwierig. Man muss sie nur wahrnehmen und zulassen. Die Liebe an sich ist leicht und toll und etwas, das sehr wertvoll ist – aber man muss sie wertschätzen. Liebe ist nicht die Non-stop-Bacardi-Werbung. Wenn ich Paaren das vermitteln kann, ist schon viel Druck rausgenommen.

Die Geheimwaffe für die Liebe, sagen Sie, ist die Freundschaft.

Ich nutze da einen sehr spezifischen Freundschaftsbegriff. Freundschaft heißt in diesem Fall nicht, dass wir uns gut verstehen im Sinne von: Wir lachen über die gleichen Witze und haben zu Politik, Zeitgeschehen, Kindererziehung und Kultur immer die gleiche Meinung. Freundschaft heißt hier in einem vielleicht auch etwas altmodischen Sinn, dass ich mich für das Wohlergehen des anderen interessiere und mich dafür einsetze. Es ist ein empathischer loyaler Freundschaftsbegriff, dem ich meine Ich-Verwirklichung hintanstelle, um eine gemeinsame Wir-Verwirklichung und Du-Verwirklichung zu initiieren – und den Partner dabei unterstütze, der zu sein, der er sein möchte. Und das, ohne etwas aufzurechnen. Dass ich ihm Zeit und Aufmerksamkeit schenke, ohne etwas dafür zu erwarten.

Das hört sich nach ziemlicher Selbstaufgabe und harter Arbeit an...

Das ist es zum Teil auch. Aber ich wünsche mir in paartherapeutischen Prozessen diese Selbstaufgabe von beiden Partnern. Und dann wird ja wieder ein Schuh draus. Nur mit Ego-Verwirklichung kommt man in einer Partnerschaft nicht weiter. Wir können als Paar nur aufgehen in etwas, das größer ist als wir, wenn wir begreifen, wie viel Wohlempfinden man spüren kann, wenn man sich für einen anderen engagiert. Und das ist in unserer Gesellschaft wirklich gerade am Wegrutschen.

Und wie sieht es mit Sex unter „Freunden“ aus?

Auch hier versuche ich mit einer sprachlichen Unterscheidung Hilfe zu leisten: In einer Liebesbeziehung sprechen wir von einer Sexualität der Intimität, der Zuwendung, des Füreinanderdaseins. Eine Sexualität, die auf Verabredung stattfindet. Eine Sexualität ohne Drogen und Alkohol. Eine Sexualität des „vorher Besprechens“, um die Wünsche beider Seiten zu erfüllen. Das ist eine tiefe verbindende Sexualität, die ich auch nur in einer langjährigen vertrauensvollen Partnerschaft haben kann. Die kann ich nicht mit dem Fremden haben, der gerade um die Ecke gekommen ist.

Aber Sie sagen selbst: Auch mit Ihren Methoden ist nicht jede Beziehung zu retten...

Das muss ein Paar entscheiden. Ein Paar muss sagen, ob das, was sie haben, funktional oder dysfunktional ist. Wenn sie für sich zu dem Schluss kommen, dass sie zu weit auseinanderleben, sodass es für einen nur noch unerträglich ist, dann muss ein Paar auseinandergehen.

Das kommt in den besten Ehen vor...

Ich habe wirklich überhaupt nichts dagegen, wenn ein Paar entscheidet, in Zukunft getrennte Wege zu gehen, aber ich möchte noch mal drauf hinweisen, dass viele Paare eine Trennung initiieren unter einem völlig falschen Blick auf das, was sie wirklich haben. In einer Zeit, in der wir alle immer älter werden, müssen wir unsere Vorstellung von Partnerschaft ändern – sie wertschätzen. Es ist sinnlos, sich nach 20 Jahren zu beschweren, dass die Schmetterlinge im Bauch verschwunden sind. Die können neurowissenschaftlich nach 20 Jahren schlicht und ergreifend nicht mehr da sein. Da kann ich nur immer wieder sagen: Sucht nicht die Schmetterlinge – findet das andere!

Interview: Claudia Muschiol

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