Interview mit Horst Möller

Von wegen AfD! „Franz Josef Strauß würde sicher CSU wählen“, sagt FJS-Biograph

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Franz Josef Strauß 1976 während des Wahlkongresses der CSU.

Ein AfD-naher Verein behauptet auf Plakaten, dass Franz Josef Strauß heute die AfD wählen würde. Der renommierte Historiker und Strauß-Experte Prof. Horst Möller meint: „Franz Josef Strauß würde sicher CSU wählen.“

Der AfD-nahe „Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten“ hatte bereits im Bundestagswahlkampf ein Plakat mit der Aufschrift „Franz Josef Strauß würde AfD wählen“ aufgehängt. Auch vor der Bayern-Wahl am 14. Oktober 2018 kommen die Strauß-AfD-Plakate zum Einsatz. 

Suggeriert wird dabei: Die heutige CSU ist so weit nach links gerückt (unausgesprochen schwingt auch der Name Angela Merkel mit), dass Franz Josef Strauß mit seinen politischen Ansichten keinen Platz mehr hätte. Zumal ein Fall eingetreten ist, vor dem Strauß in den 1980er Jahren angesichts der Wahlerfolge der Republikaner warnte: „Rechts von der CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben!“ 

Diese Partei stellt mittlerweile die größte Oppositionsfraktion im Bundestag und könnte laut den jüngsten Umfragen auch in Bayern über 10 Prozent der Stimmen holen.

Auch Alexander Gauland, AfD-Fraktionschef im Bundestag, hält den Slogan, wonach Strauß heute die AfD wählen würde, für „eine kluge Idee“, wie er bei einem Wahlkampfauftritt im September 2017 in Garmisch-Partenkirchen meinte. Für Gauland stand angesichts einer gemeinsamen Protestkundgebung von CSU und Grünen gegen seinen Auftritt ohnehin fest: „Ich kenne Franz Josef Strauß noch, der würde nicht akzeptieren, dass die CSU gemeinsame Sache mit der grünen Bagage macht.“ 

„Franz Josef Strauß würde AfD wählen“, behauptet ein AfD-naher Verein im bayerischen Landtagswahlkampf.

Strauß-Kinder und Waigel: „Niemals hätte FJS die AfD gewählt!“

Nun kann man Franz Josef Strauß in der AfD-Angelegenheit nicht mehr selbst fragen, der frühere Ministerpräsident, CSU-Chef und Bundesminister ist seit über 30 Jahren tot.

Dessen Kinder allerdings halten die Plakate für eine Frechheit. Strauß-Tochter und Europaabgeordnete Monika Hohlmeier sagte im Interview mit der Bild am Sonntag: „Niemals hätte mein Vater die AfD gewählt! Er war ein Freund der klaren Worte, aber ein Gegner von Hetze. Niemals hätte Franz Josef Strauß die Geschichtsvergessenheit der AfD toleriert.“

Ähnlich äußerte Strauß-Sohn Franz-Georg sich im Bundestagswahlkampf gegenüber dem Münchner Merkur: „Mein Vater würde auf gar keinen Fall AfD wählen“, stellte Franz Georg Strauß klar. „Denn er hatte das, was er selbst einen ,moralischen Violinschlüssel‘ nannte.“ Die Erfahrungen von Barbarei in der Zeit des Nationalsozialismus hätten FJS geprägt, wie seine gesamte Generation. „Er hat politisch draufgehauen, was geht – aber er hat sich stets an das christliche Sittengesetz gehalten.“ Das gehe der AfD offensichtlich komplett ab.

Auch der frühere CSU-Chef und heutige Ehrenvorsitzende Theo Waigel sagte dem Garmisch-Partenkirchner Tagblatt: „„Franz Josef Strauß hätte die AfD nicht umarmt oder überholt. Er hätte sie konsequent bekämpft.“

Man kann diese Einschätzungen der Strauß-Kindern und des Strauß-Vertrautem als Überzeugungen von Menschen sehen, die ihm persönlich nahe standen. Nur muss man festhalten: Es sind auch Aussagen von CSU-Mitgliedern vor einer Landtagswahl, bei der ihre Partei aller Voraussicht nach Federn lassen wird. Würden sie eine Partei in irgendeiner Form aufwerten, die eben jene Prozente holen könnte, die der CSU am Ende zur absoluten Mehrheit fehlen?

Strauß-Experte Horst Möller: Darum würde FJS sicher die CSU wählen 

Sucht man ein Urteil, das nicht im Verdacht steht, parteipolitisch eingefärbt zu sein, sollte man lieber bei einem renommierten Historiker und ausgewiesenen FJS-Experten nachfragen: Bei Horst Möller, emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der LMU und früherer Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, der 2015 eine mehr als 800 Seiten umfassende Strauß-Biographie vorgelegt hat. Im Interview erklärt er, was er von der Behauptung hält, Franz Josef Strauß würde AfD wählen.

Horst Möller

Herr Prof. Möller, w as halten Sie von der Behauptung, wonach ein im Jahr 1988 verstorbener Politiker im Jahr 2018 irgendeine Partei wählen würde?

Horst Möller: „Generell ist es natürlich schwierig, einen Politiker, der seit 30 Jahren tot ist, für gegenwärtige Wahlentscheidungen in Anspruch zu nehmen. Dies bleibt spekulativ, im Falle von Strauß kann man allerdings aus seiner grundlegenden politischen Wertorientierung und seinem politischen Handeln einige Schlussfolgerungen für die aktuelle Situation ziehen.“

Und wie schätzen Sie die Behauptung ein, wonach Franz Josef Strauß heute die AfD wählen würde? 

Möller: „Franz Josef Strauß würde sicher CSU wählen.“

Stand Franz Josef Strauß der AfD also inhaltlich nicht so nahe, wie die umstrittenen Plakate glauben machen wollen?

Möller: „In zentralen Politikfeldern existieren fundamentale Unterschiede zur AfD: Strauß war zwar ein Patriot, aber das Gegenteil eines engstirnigen Nationalisten. Sein Satz: ‚Bayern ist unsere Heimat, Deutschland unser Vaterland, Europa unsere Zukunft‘ klingt zwar nach Wahlkampfparole, enthält jedoch eindeutige Abgrenzungen, in den beiden ersten Punkten gegen Partikularisten, damals etwa die Bayernpartei, im letzten Punkt ein Bekenntnis zu Europa. So hat er unter anderem ein Buch geschrieben ‘Plädoyer für Europa‘, hat intensive europäische und weltweite Kontakte unterhalten und war schon in den 1960er Jahren der Meinung, die deutsche Frage könne nur im europäischen Kontext gelöst werden. Das heißt natürlich nicht, dass er jede Form der Integration und jede EU- bzw. Euro-Entscheidung für gut gehalten hätte.“

AfD-Politiker wie Alexander Gauluand und Björn Höcke haben mit Relativierungen der NS-Zeit für Diskussionen gesorgt. Strauß war zwar das Feindbild vieler Linker - aber war er nicht auch ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus? 

Möller: „Den Nationalsozialismus lehnte er bereits während der NS-Diktatur entschieden ab und hätte jede Verharmlosung verabscheut. Vor allem war Franz Josef Strauß ein entschiedener Demokrat. Innen-, wirtschafts- und finanzpolitisch war er ein Mann klarer Zielsetzungen, die nichts mit der AfD gemein haben. Er selbst ordnete sich nicht bloß als Konservativer ein, sondern als liberalkonservativ.“

Franz Josef Strauß betonte ja, dass es in Bayern keine Partei rechts von der CSU geben dürfe. Hat sich die CSU inhaltlich zu weit von den Strauß-Positionen entfernt?

Möller: „Sein vielzitiertes Wort lautete: Rechts von der CSU dürfe es keine demokratisch legitimierte - also durch Wahlen legitimierte - Partei geben und richtete sich damals gegen die Republikaner und gegen die NPD. Auch daraus wird klar, dass er nicht AfD wählen würde. Aber tatsächlich scheint es so, dass ein Teil der Unionswähler sich - auch wegen der bundespolitischen Komponente - von der Union abwendet, weil sie das konservative Element nicht mehr hinreichend vertreten sehen.“

Wie würde Strauß auf den Aufstieg der AfD reagieren? 

Möller: Die AfD lebt vom Protest, Strauß würde sie zwar entschieden bekämpfen, ihr aber nicht ständig Publicity verschaffen, indem alle Parteien sie geradezu täglich nennen. Tatsächlich gewinnt die AfD ja Wähler von allen Parteien, in Ostdeutschland zum erheblichen teil auch von der Linken. Im übrigen haben die Rechtspopulisten in den meisten europäischen Staaten erhebliche Erfolge erzielt, es handelt sich also keineswegs nur um ein deutsches oder bayerisches Problem.“

Auch wenn diese Aussage jetzt so hypothetisch ist, wie die Aussage „Franz Josef Strauß würde AfD wählen!“ Würde es heute überhaupt eine AfD geben, wenn es einen Franz Josef Strauß geben würde?  

Möller: Möglicherweise - aber das ist spekulativ - würde es die AfD mit protestierendem Massenanhang nicht geben, wenn nicht in der Euro-Krise, in der die AfD ursprünglich entstanden ist, ein so starkes Hilfsprogramm und eine so ausgeprägte Schuldenpolitik wie der EZB gegeben hätte. Den zweiten Schub erhielt die AfD durch die Flüchtlingspolitik, die zweifellos besser durchgeführt und erklärt hätte werden müssen. Sie hat Ängste geschürt, von der die AfD profitiert.

Als solider Finanzpolitiker und ehemaliger höchst erfolgreicher Bundesfinanzminister, der damals nach vielen Jahren erstmals wieder einen Bundeshaushalt ohne Neuverschuldung vorlegte, hätte Strauß sich wahrscheinlich entschieden gegen jede - tatsächlich ja vertragswidrige - Vergemeinschaftung nationaler Schulden in der EURO-Zone sowie die ihre Kompetenzen überschreitende Null-Zins Politik der EZB gewendet. Damit hätte er schon hier der Gründung der AfD den Boden entzogen. Eine unkontrollierte Massenzuwanderung mit ungewisser Integrationsperspektive hätte der illusionslose Realpolitiker Strauß vermutlich ebensowenig akzeptiert. Aber natürlich gab es beide Probleme damals noch nicht, so dass man auch hier nur analog zu seiner früheren Politik Schlussfolgerungen ziehen kann.“

Hätte Angela Merkel mit Franz Josef Strauß also einen ähnlichen Widersacher wie seinerzeit Helmut Kohl?

Möller: „Vermutlich hätte Strauß in der Großen Koalition ein größeres Gegengewicht gebildet.“ 

Video: 30. Todestag von Franz-Josef Strauß

Interview: Franz Rohleder

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