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Wie viel Furcht bleibt?

Nach den Silvestervorfällen in Köln herrscht Verunsicherung in Deutschland. Muss man jetzt plötzlich mehr Angst haben? Und auch einige Asylbewerber fragen sich, was sich nun für sie ändern könnte.

nach der Silvesternacht von Köln

Nach den Silvestervorfällen in Köln herrscht Verunsicherung in Deutschland. Muss man jetzt plötzlich mehr Angst haben? Und auch einige Asylbewerber fragen sich, was sich nun für sie ändern könnte.

von L. Witte, K. Stolzenbach und M. Reimann

Köln – Reisende mit Rollkoffern hetzen durch die Bahnhofshalle, Touristen mit Rucksäcken strömen hinaus Richtung Dom. Sie bleiben stehen, knipsen die Kathedrale, die sich vor ihnen auftürmt, oder posieren für Selfies. Eigentlich ist alles wie immer. Wären da nicht die vier Übertragungswagen mitten auf dem Bahnhofsvorplatz. Reporter des belgischen Fernsehens sind da, ebenso die „Tagesschau“.

Drei einsame Blumentöpfchen mit weißen Primeln stehen auf der Domtreppe und lassen sich nassregnen. Daneben hat jemand auf einen Zettel geschrieben: „Solidarität mit den Opfern der Übergriffe in der Silvesternacht. So etwas darf sich NICHT wiederholen!“

Inzwischen wird wieder gekichert im Bahnhof. Eine Gruppe Mittfünfzigerinnen ist aus dem Ruhrgebiet mit dem Zug nach Köln gekommen. Die Frauen bleiben zwei Tage in Köln, besuchen eine Karnevalssitzung. Sie trinken Schnaps, die Stimmung ist ausgelassen. Angstraum Hauptbahnhof? Fehlanzeige. „Wir haben das ausgeblendet“, sagt eine Frau, die als Kinderriegel verkleidet ist. Aber ihre Ehemänner zu Hause, die nicht. „Wir mussten versprechen, dass keine von uns allein durch den Bahnhof läuft.“ Doch man dürfe sich auch nicht verrückt machen lassen, sagt sie und nimmt einen Schluck aus ihrem Plastikbecher.

Die Verunsicherung ist groß, allerorten. Auch gut eine Woche nach den Gewalttaten rund um den Kölner Hauptbahnhof weiß die Öffentlichkeit noch nicht allzu viel. Wie konnte es passieren, dass sich gleichzeitig so viele Männer an Frauen vergreifen? Wer sind die Täter? Am Freitag wird bekannt, dass die Polizei zwei Verdächtige festnimmt, die den Angaben zufolge Asylbewerber sind. Gegen weitere wird ermittelt. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums sind der Bundespolizei inzwischen 32 Verdächtige namentlich bekannt – was nicht automatisch heißt, dass sie Frauen belästigt haben. Bei der Bundespolizei wurden nach den Angaben eines Sprechers des Bundesinnenministeriums im Zusammenhang mit der Silvesternacht in Köln 76 Straftaten registriert, Zwölf davon seien Sexualdelikte, davon sieben Fälle sexueller Nötigung. Weitere Vorwürfe betreffen vorwiegend Eigentumsdelikte sowie Körperverletzung. Neun der Verdächtigen stammen demnach aus Algerien, acht aus Marokko, fünf aus dem Iran, vier aus Syrien, einer aus dem Irak, einer aus Serbien, einer aus den USA und drei aus Deutschland. Mindestens 22 sind Asylbewerber. Die separate Ermittlungsgruppe der Kölner Polizei identifizierte bislang 16 Verdächtige.

Es gibt hitzige Diskussionen über Abschiebungen von straffällig gewordenen Asylbewerbern sowie Hetze in den sozialen Netzwerken. Dort kursieren Fotos und Videos mit Frauen anpöbelnden Männern – Fälle, die sich angeblich in Köln zugetragen haben, tatsächlich aber wohl aus dem Ausland stammen. Es gibt in diesen Tagen nicht wenige Menschen, die von einem Wendepunkt in der Flüchtlingspolitik sprechen.

Lassen sich davon die Leute beeindrucken, die in Asylbewerberheimen helfen, Flüchtlingskindern Deutsch beibringen oder Behördenpost übersetzen? „Ich hoffe, dass das keine Rolle spielt“, sagt Susanne Rabe-Rahman, die bei der Kölner Caritas für den Bereich Integration verantwortlich ist. Die Abteilungsleiterin für Migration bei den Malteser Werken, Bettina Höfer, meint, dass Helfer die Situation nicht auf ihre Arbeit übertragen würden. Ihr seien keine Helfer bekannt, die sich nun zurückgezogen hätten.

Rabe-Rahman berichtet, dass auch viele Asylbewerber das Gefühl hätten, dass die Kölner Übergriffe „das Fass zum Überlaufen“ gebracht hätten. Junge Syrer erzählten, dass Menschen sie in auffälliger Weise anschauten oder mehr auf ihr Gepäck achteten. Sie hat beobachtet, dass männliche Flüchtlinge oft Probleme haben, sich in Deutschland zurechtzufinden: „Männer haben ihre Rolle zunächst verloren, die sie in der Familie hatten.“

Das mache sie teilweise auch anfällig für die Umtriebe von Kriminellen. Manche Flüchtlinge fühlten sich verpflichtet, ihre zurückgelassene Familie finanziell zu unterstützen. Andere hätten zudem hohe Schulden bei Schleppern. Es komme vor, dass Asylbewerber in den Heimen für illegale Arbeiten angeheuert würden. Mit Blick auf Köln sagt die Expertin jedoch: „Das hatte was an Organisation, was neu ist.“

Laut dem deutsch-ägyptischen Publizisten Hamed Abdel-Samad hat manches auch mit dem Islam zu tun. Die strenge Sexualmoral, die Hierarchisierung und „Geschlechterapartheid“ schlage oft ins Gegenteil um, schreibt er in einem Beitrag für das politische Magazin „Cicero“. „Eine Religion, die die Frau entweder als Besitz des Mannes oder als eine Gefahr für seine Moral sieht, ist mitverantwortlich“, so der Politikwissenschaftler. Ein Problem entstehe, wenn jemand mit dieser Erfahrung nach Europa komme und ihm dann die Gemeinschaft fehle, die sein moralisches Verhalten überwache. „Ich wünsche mir mehr Ehrlichkeit in Bezug auf die Sexualmoral und das Gewaltpotenzial im Islam.“ Es dürften jedoch nicht alle Muslime und Flüchtlinge für das Verbrechen einer kleinen Gruppe verantwortlich gemacht werden.

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