Der verwundbare „Superman“

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Heute Mittag blickt die ganze Fußballwelt auf München: Josep „Pep“ Guardiola, 42, der als begehrtester Trainer der Erde gilt, tritt erstmals als Coach des FC Bayern auf. Nach der Triple-Saison steht er vor einer heiklen Mission: Wie soll er eine makellose Mannschaft noch besser machen?

Pep Guardiola tritt beim FC Bayern an

Heute Mittag blickt die ganze Fußballwelt auf München: Josep „Pep“ Guardiola, 42, der als begehrtester Trainer der Erde gilt, tritt erstmals als Coach des FC Bayern auf. Nach der Triple-Saison steht er vor einer heiklen Mission: Wie soll er eine makellose Mannschaft noch besser machen?

Von Andreas Werner

München – Das Mikrofon funktioniert nicht, Pep ist nervös. Die Situation behagt ihm wenig, aber er hat sie ja selbst heraufbeschworen: Abschied nehmen vom FC Barcelona. Ein letztes Mal muss er besser sein als perfekt, muss etwas toppen, was eigentlich nicht zu toppen ist.

Vier Jahre lang hat er das Team befehligt, es zum besten Team der Welt modelliert. Er hat dabei immer die richtigen Worte gefunden, immer die richtigen Mittel und Wege. Jetzt klopft er prüfend auf sein Mikrofon, er steht mitten auf dem Rasen im Camp Nou, seine Spieler um sich geschart, von den vollbesetzten Rängen richten sich die Augenpaare von 88 044 Fans auf ihn. Bis eben hat das ganze Stadion „Que tinguem sort“ gesungen, eines seiner Lieblingslieder. „Ich hoffe, wir haben Glück“, heißt es, eigentlich ist durch den Text schon alles gesagt, sind die richtigen Worte gefunden. Doch Pep Guardiola weiß, sobald das Mikro funktioniert, muss er das alles noch übertreffen. Er hat dieses Gefühl nun einmal, vielleicht redet er es sich nur ein, es steckt aber tief in ihm drin. Dieses Gefühl, besser als perfekt sein zu müssen. Das schuldet er ihnen allen.

Als das Mikrofon endlich bereit ist, sagt Guardiola: „Wir machen das jetzt kurz – die Spieler brauchen eine Dusche.“ Er dankt dem Team, den Fans und dem Klub, er habe vier Jahre lang ein Spektakel genossen und werde viel Liebe mit nach Hause nehmen, man könne sich ja gar nicht vorstellen, wie viel. „Der Einzige, der verliert, bin ich“, sagt er. Dann packen ihn seine Spieler, werfen ihn in die Luft, ein letztes Mal, so wie sie es nach den Champions League-Siegen in Rom und Wembley getan haben. Er geht im Guten. Auch das hat er besser hinbekommen als seine hochdekorierten Vorgänger Johan Cruyff und Frank Rijkaard.

Erst später, als die Lichter im Stadion erloschen sind, die Ränge längst verwaist und die Putzkolonnen bereits auf dem Heimweg, kehrt Pep Guardiola noch mal auf den Rasen zurück. Mit seiner Familie, Brüdern, Schwestern, Cousins, Cousinen und Freunden. So, ganz unter sich, machen sie ihre letzten Erinnerungsfotos.

Wieso geht einer, wenn er alles hat? Wenn ihm das Loslassen schwerfällt? Es gibt im Fußball Figuren, die sind untrennbar mit einem Klub verbunden, in der heutigen Zeit übrigens gar nicht mehr so viele, aber man hat sie präsent, sofort: Uli Hoeneß – FC Bayern. Pele – FC Santos. Sir Alex Ferguson – Manchester United. Raul – Real Madrid. Javier Marias hat ein schönes Büchlein verfasst, „Alle unsere frühen Schlachten“ heißt es, und darin vertritt der spanische Autor die These, dass jeder Fußballklub wenigstens einen Mann in seinen Reihen braucht, der alles, was den jeweiligen Klub ausmacht, verkörpert. Er nennt als Beispiel Pep Guardiola. Das Büchlein erschien im Jahr 2000, damals dirigierte das Eigengewächs das Mittelfeld der Katalanen. Marias schreibt auch, im Leben eines Mannes ändere sich alles: Lieblingsessen, Hobbys, Wohnort, Freunde, die Frauen – aber eines bleibe eine ewige Konstante: Der Fußballverein, in den du dich als Sechsjähriger verliebt hast.

Pep Guardiola, 42, ist in Santpedor, 70 Kilometer nördlich von Barcelona aufgewachsen. Alle hier sind „Cules“, Anhänger von Barca, lediglich ein Mann in diesem Dorf sympathisiert mit dem Stadtrivalen Espanyol, kurioserweise sein Opa. Der kleine Pep, der seinen Lederball immer dabei hat, wenn er in den Jahrhunderte alten verwinkelten Straßen des 7000-Seelen-Orts unterwegs ist, träumt bereits als Kind vom FC Barcelona. Als er 13 ist, wird sein Traum war. Talentspäher sind begeistert, er zieht in die Jugendakademie La Masia. Er wird später Ikone, Aushängeschild, Kapitän, gewinnt sechs Meisterschaften und die Champions League. Als Trainer der Katalanen wird er noch erfolgreicher. 14 von 19 möglichen Titeln holt er mit dem Verein, der schlicht und einfach „sein“ Verein ist.

Warum geht er?

In drei Teufels Namen?

Weil er musste.

Weil es ihm zu viel wurde. 

Sie haben ein Bild von Pep Guardiola gemalt in der Stadt von Joan Miro, sie haben aus ihm eine Skulptur gemacht, die in Barcelona auch mit den berühmtesten Kreationen des Architekten Antoni Gaudi konkurrieren könnte – dabei wollte er all das nie. Er wird als Philosoph beschrieben, die Leute sehen in ihm einen Leitstern. Er wurde ein Pop-Star, inzwischen gilt er sogar als das Sinnbild neuer Männlichkeit, denn schön melancholisch ist er ja auch – dabei überhörten die Leute Warnungen wie die seines guten Freundes David Trueba: „Er will nicht als Mensch gesehen werden, der indoktriniert, als Guru oder Leitfigur. Er will nur als Trainer anerkannt werden. Als guter Trainer.“

Trueba, ein Regisseur, äußert sich inzwischen nicht mehr öffentlich über Guardiola, so sehr hat ihn der Kult um seinen Freund erdrückt. Guardiola klagte mehr als einmal im vertrauten Kreis, in seine Person werde so viel hineingedichtet, dass es für ihn fast nicht mehr möglich sei, die Balance zwischen Wirklichkeit und Wunschbild zu moderieren. Er wurde in Barcelona auf ein Podest gehoben. Am Schluss bekam er Schwindelgefühle, er stieg hinunter, bevor er Gefahr lief, herabzustürzen. Dann verließ er die Fußballbühne für ein Jahr, lebte anonym in New York. Nun kehrt er zurück, für ein komplett neues Kapitel, erstmals als Trainer fern der Heimat. Beim FC Bayern.

Dummerweise steht dort bereits das nächste Podest. Dabei ist er noch nicht mal da.

Am Donnerstag kam „Superman“ in die Münchner Kinos, heute landet Pep Guardiola – ein Mann, der von seiner Zunft zum Außerirdischen hochstilisiert wurde, der über den Dingen steht, nicht mehr von dieser Welt scheint. Dabei vergessen die Leute, dass ihn die große Frage begleitet: War er so gut – oder waren es seine Spieler in Barcelona? Zudem ist es überliefert, dass der „Superman“ des Fußballs keineswegs aus Stahl angefertigt ist.

Er ist verwundbar.

„Ihr seid die Besten, und ich bin stolz auf euch“, sagte er seinen Spielern, als er ihnen seinen Abschied erklärte. „Aber mir fehlt die Energie, um weiterzumachen. Ich bin erschöpft, ich habe alles gegeben, es ist nichts mehr übrig.“ In den letzten Monaten seiner Amtszeit brauchte Guardiola Tabletten, um Schlaf zu finden. Einen Bandscheibenvorfall ignorierte er solange, bis er nicht mehr stehen konnte.

Die Nachricht, dass er aufhört, war ein Schock für alle bei Barca – und dennoch geriet das Spiel gegen Espanyol, zwei Tage nach Bekanntgabe seiner Demission, zur Fiesta. Guardiolas Team gewann das Derby. Nicht irgendwie. Sondern 4:0. Lionel Messi, der Mann, den Guardiola zum besten Spieler der Welt gemacht hat, erzielte dabei alle vier Tore. Nach seinem ersten Treffer deutete er auf den Coach, weil der Ball exakt nach der Freistoßvariante, die die beiden Tage zuvor ausgetüftelt hatten, ins Tor gelangt war. Nach dem 4:0 umarmte sich das Duo, als würde es nie mehr loslassen wollen. Fußball kann eine Seifenoper sein, eine kitschige Angelegenheit jenseits von Todesgrätschen und schmierigen Transfergeschäften, doch diese Umarmung zeigte, dass der FC Barcelona eine geraume Weile anders gewesen war als der Rest. Vielleicht wollten die beiden den Moment festhalten. Aber so was geht ja nicht.

Kurz darauf, als Guardiolas Lieblingslied verklungen war und es trotzdem noch weiterer Worte bedurfte, verdichteten sich die letzten Monate seiner Arbeit in Barcelona auf diese eine Szene: Wenn man immer besser sein muss als perfekt, sollte man gehen.

Es frisst einen auf.

Nur aufmerksame Beobachter entlarvten bei Guardiolas Abschiedsworten, dass er von einem Kollegen abgekupfert hatte, den er sehr schätzt. Als sich Marcelo Bielsa einst von Chiles Nationalteam trennte, meinte der ebenfalls, er werde sich kurzfassen, um die Spieler schnell unter die Dusche zu lassen. Und er sagte auch, dass er der Einzige sei, der verliere. Es ist typisch für Guardiola, dass er sich beim Fundus anderer bedient, um eine Situation aufzulösen. Als Trainer arbeitet er genauso, denn seine Stärke ist nicht, eigene Ideen zu entwickeln, sondern vielmehr, die Strategien der anderen zu perfektionieren. Bei seiner Verabschiedung waren ihm Marcelo Bielsas Worte eine Stütze in einem hochemotionalen Moment. Und Stützen braucht selbst ein Pep Guardiola.

Er kann kaltblütig sein, wenn ein Spieler seinen Weg nicht teilt. Ronaldinho und Deco rasierte er, Samuel Eto’o sortierte er aus, Zlatan Ibrahimovic fiel in Ungnade. Aber Pep sehnt sich auch nach der Liebe seiner Profis. Wenn einer nur halbherzig trainiert, demoralisiert es den Coach. Konflikte trägt er nie offen aus, und belesen, wie er ist, sieht er in Lobeshymnen auch immer den Stein, an dem die Beile geschliffen werden, die bei einer Hinrichtung eingesetzt werden. Die Fallhöhe mutet bei ihm atemberaubend an: Das Jahr Auszeit hat ihn noch mehr zu einer Ikone verklärt, und nachdem der FC Bayern in der letzten Saison das Triple gewonnen hat, ist die Faktenlage brutal: Mehr in einer Saison gewinnen als das Triple kann auch ein Pep Guardiola nicht.

Dafür viel verlieren.

Auf den ersten Blick – auch auf den zweiten und dritten – sieht aber alles danach aus, als könne aus der Symbiose bester Verein plus bester Trainer nur das Allerbeste wachsen. Guardiola hat sich nicht zufällig für den FC Bayern entschieden. Kein anderer Klub ähnelt seinem FC Barcelona mehr, dazu gibt es Parallelen zwischen dem Freistaat und seiner Heimat. Auch die Katalanen stehen gerne früh auf und sind fleißig, und sie verstehen es gut, wenn jemand auf seine Traditionen pocht. Schon als Spieler wollte Guardiola nach München, zur Horizonterweiterung. Bloß kam kein Angebot. Er musste sich woanders fortbilden.

Zum Ende der aktiven Karriere unterschrieb Guardiola 2006 beim mexikanischen No-Name-Klub Dorados de Sinaloa. Er hatte unter Cruyff bei Barcelona viel gelernt, war zu Fabio Capellos AS Rom gewechselt, um dort noch mehr zu lernen. In Mexiko trainierte er unter Juanma Lillo, einem Coach, den er fast mehr als alle anderen verehrte. Nächtelang diskutierten die beiden über den Fußball, sie loteten alle Geheimnisse aus, und als sie sich nach sechs Monaten Studium trennten, hatte der Spieler Guardiola, der unbedingt ein Coach werden wollte, noch immer nicht genug.

Er reiste nach Argentinien, besuchte dort die Startrainer Ricardo la Volpe und Cesar Luis Menotti. Eines Tages setzte er sich in Buenos Aires ins Auto, fuhr 300 Kilometer nach Rosario zu einem weiteren Fachmann. Die beiden recherchierten am Computer und lieferten sich hitzige Debatten. Beim Abschied fragte der Gastgeber: „Du bist jemand, der über die negativen Dinge im Fußball so gut Bescheid weiß. Warum willst du zurück und Trainer werden – hast du so viel Blut geleckt?“ Guardiola sagte: „Ich brauche dieses Blut.“ Der Gastgeber hieß Marcelo Bielsa. Damals hatte Guardiola selbst die richtigen Worte gefunden. Seine eigenen.

Ziemlich perfekte Worte.

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