„Verrat an der eigenen Geschichte“ Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe Als der serbische Diktator ...

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CSU-Politiker Bernd Posselt, 59, lebt in München. Foto: dpa

„Verrat an der eigenen Geschichte“ Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe Als der serbische Diktator Slobodan Milosevic 1999 fast alle Kosovo-Albaner aus deren Heimat vertrieb, entdeckten auch Teile der politischen Linken und Kommentatoren, die bislang den deutschen Heimatvertriebenen mit großer Skepsis gegenüberstanden, plötzlich das Thema Vertreibung. „Verrat an der eigenen Geschichte“.

Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe

Als der serbische Diktator Slobodan Milosevic 1999 fast alle Kosovo-Albaner aus deren Heimat vertrieb, entdeckten auch Teile der politischen Linken und Kommentatoren, die bislang den deutschen Heimatvertriebenen mit großer Skepsis gegenüberstanden, plötzlich das Thema Vertreibung. Prominentestes Beispiel war der sudetendeutsche Sozialdemokrat Peter Glotz, der – obwohl selbst betroffen – lange Zeit von dieser Problematik nichts wissen wollte, aber jetzt mit Bildern wie aus seiner Kindheit konfrontiert wurde und gemeinsam mit seiner CDU-Kollegin Erika Steinbach ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin forderte.

Dessen Befürworter stellten den gewaltsamen Exodus von 15 Millionen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst in einen internationalen Zusammenhang – vom Völkermord an den Armeniern 1915 im Osmanischen Reich bis hin zu ähnlichen Grausamkeiten auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien Ende des 20. Jahrhunderts. Es ging dabei nicht ums relativieren, wie immer wieder unterstellt wurde, sondern um ein „Nie wieder!“. Im 21. Jahrhundert sollte Schluss mit der millionenfachen Praxis sein, unschuldige Menschen kollektiv zu entrechten und aus ihrer Heimat zu verjagen.

Leider musste der UN-Flüchtlingskommissar António Guterres im Februar bei der Münchner Wehrkundetagung feststellen, dass heute das Gegenteil der Fall ist. Niemals seit 1945 gab es weltweit so viele Heimatvertriebene wie momentan. Bei allen historischen Unterschieden: Auch gegenwärtig müssen etwa in Syrien, im Irak oder in Teilen Afrikas ganze Gruppen von Menschen ihre Heimat verlassen, bloß weil sie anders sprechen, anders glauben, anders denken oder sonstwie missliebig sind. Ziel der Vertreiber ist meist, eine homogene Staatlichkeit zu errichten, die niemand „stört“, weil er anders ist.

Freilich: Wer heute aus inzwischen sicheren Drittstaaten des Balkans kommt, ist kein Vertriebener, und auch in Teilen Afrikas ist es eher geboten, den Menschen durch einen groß angelegten Marshall-Plan der EU eine Perspektive auf dem eigenen Kontinent zu bieten, als alle Probleme in Europa zu lösen.

Doch wer unter entsetzlichen Bedingungen als Flüchtling zu uns kommt oder mit knapper Not dem Vertreibungs-Terror in seiner Heimat entgehen konnte, muss zunächst einmal als Opfer betrachtet werden. Dies bedeutet herzliche Aufnahme, rasche und korrekte bürokratische Abläufe sowie menschenwürdige Lebensbedingungen und ehrliche Bemühungen um Integration.

Selbstverständlich muss zwischen denen, die bleiben können, und denen, bei denen dies nicht der Fall ist, unterschieden werden. Selbstverständlich ist eine gerechte Aufteilung der Flüchtlinge zwischen den EU-Mitgliedstaaten überfällig. Doch niemals dürfen solche Streitpunkte auf dem Rücken von ohnehin traumatisierten Menschen ausgetragen werden, von inakzeptablen Hassausbrüchen, wie sie jüngst vorkamen, ganz abgesehen. Wer Parolen gegen Vertriebene und Flüchtlinge skandiert oder im Internet verbreitet, wo viele Menschen anscheinend besonders enthemmt sind, ist kein Patriot, sondern ein Verräter an der eigenen Geschichte.

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