Verfemt, verraten, verfolgt ANTISEMITISMUS Eine kleine Gemeinde rekonstruiert, was aus ihren ehemaligen jüdischen Bürgern wurde

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Überleben im Exil: Die aus Pullach stammende Familie Berlin bei einem Wiedersehen in Mexiko 1946. Foto: aus dem bespr. Buch

Verfemt, verraten, verfolgt. ANTISEMITISMUS Eine kleine Gemeinde rekonstruiert, was aus ihren ehemaligen jüdischen Bürgern wurde.

VON DIRK WALTER

Pullach – Einer, Wladimir Eliasberg, war hochdekorierter Offizier im Ersten Weltkrieg und später berühmter Psychiater – sein spektakulärster Patient hieß Karl Valentin. Ein weiterer, Philipp Borchardt, arbeitete als Chemiker bei der Firma Linde Eismaschinen. Ein dritter, Hanns Kirchbach, avancierte zum Studienprofessor am Oskar-von-Miller-Polytechnikum, Spezialgebiet Maschinenbau. Sie waren Schriftsteller, Kunsthändler, Unternehmer, Hausmädchen, Pensionäre – ganz normale Menschen. Bis 1933 die Nazis an die Macht kamen und die Lebensläufe der rund drei Dutzend jüdischen Bürger in der kleinen Gemeinde Pullach im Süden von München gründlich aus der Bahn warfen. Für einige endete die Verfolgung 1941 an den Erschießungsgräben von SS und SD im litauischen Kaunas.

Die Historikerin Susanne Meinl hat im Auftrag der Gemeinde die Biografien der Juden in Pullach recherchiert und ein Buch geschrieben. Heute Abend wird es in Pullach vorgestellt. Zahlreiche Nachfahren sind dazu angereist – aus Deutschland, Österreich, ja selbst aus den USA. Für eine kleine Gemeinde – Pullach hat 9000 Einwohner – war das Buch, das als Auftragsarbeit entstand, ein ungewöhnlicher Aufwand. Aber er hat sich gelohnt. Meinl spürte selbst entlegenen Lebenswegen nach. Die Historikerin reiste in die USA und recherchierte in 49 Archiven – im Archief Eemland Amersfoort in den Niederlanden, im Ordnungsamt Utting, selbst im Fotoarchiv der Universität von Chicago fanden sich Dokumente zu Pullacher Juden.

Pullach war in der NS-Zeit kein Ort wie jeder andere. In den 1930er-Jahren hatte die NS-Elite den Ort am Isarhochufer für sich entdeckt. Unter dem NS-Fanatiker Martin Bormann entstand die Siedlung „Sonnenwinkel“ für hochgestellte NS-Bedienstete. Nach 1945 siedelte sich dort der BND an. Dass Bormann selbst auf das Verschwinden der Juden aus Pullach gedrungen hätte, ist nicht nachweisbar. Das erledigten lokale Machthaber. Der Bürgermeister Hans Keis machte Druck, damit Juden keine Baugrundstücke verkauft würden. Am Ortsrand standen Schilder „Juden sind hier unerwünscht“. Jüdische Frauen wurden als „Judenhure“ beschimpft, jüdische Mitglieder der Großhesseloher Feuerwehr aus dem Verein geekelt.

Auch die Pogromnacht im November 1938 hatte ihre lokale Ausprägung – Unbekannte schmissen die Fensterscheiben im Haus der Familie von Hugo Strauss ein.

Die NS-Gesetze setzten die Juden in Pullach zusätzlich unter Druck: Durch das „Berufsbeamtengesetz“ von 1933 verlor Arthur Cohen seine Professur. Und die „Nürnberger Gesetze“ von 1935 definierten jetzt auch jene als „Juden“ oder „Halbjuden“, deren Familie schon vor Jahrzehnten zum Christentum übergetreten waren.

Bei Robert Borchardt, Sohn des Linde-Wissenschaftlers Philipp Borchardt, war eben dies der Fall. Er hatte sich für eine Offizierslaufbahn entschieden. In der NS-Zeit wurde der Soldat zu seinem Entsetzen erst zum „Halbjuden“ gestempelt, ehe ihm über eine sogenannte „Deutschblütigkeitserklärung“ der Wehrmacht dennoch eine erstaunliche Karriere gelang: Er brachte es bis zum Ritterkreuzträger und geriet mit Rommels Afrika-Korps in britische Kriegsgefangenschaft. Nach England transportiert, stieß er dort 1944 auf seinen Vater Philipp. Dieser war 1938 zunächst ins KZ Dachau verschleppt worden, hatte Deutschland dann aber verlassen können, weil sich sein Arbeitgeber Linde für ihn einsetzte. Philipp Borchardt ging nach 1945 zurück nach Deutschland und brachte es noch bis zum Abteilungsleiter beim BND. Dass dieser bis heute die Personalakte nicht freigibt, hält Meinl für ein Ärgernis. Erstaunlich genug, dass sich solche verschlungenen Lebenswege überhaupt recherchieren lassen.

Anderen Juden aus Pullach gelang es hingegen nicht, sich der Verfolgung zu entziehen: Jakob Dreifuss: deportiert nach Piaski/Polen 1942; Hilde Strauß: erschossen November 1941 in Kaunas. Darüber liest man mit Schaudern.

Andere überlebten im Exil, strandeten wie die Familie Berlin in Mexiko oder den USA. Manche fassten wieder Fuß, die meisten nicht. Der von Pullach zunächst nach Spanien emigrierte Eisengroßhändler Gustav Adolf Dreifuss rettete sich nach Kolumbien. 1948 erschoss er sich dort. Vereinsamt, verzweifelt und fern der Heimat.

Pullacher Lebenswege

Geschichte der antisemitisch verfolgten Bevölkerung, 25 Euro, zu erhalten im Rathaus, Tel. 089/744 744 0

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