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Vatikan: Spekulationen um Kardinal Müller

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Kardinal Müller

Rom – Kaum eine Jahreszeit ist in und um den Vatikan herum so dankbar für Gerüchte wie die Sommermonate Juli und August.

Und das liegt nicht nur an der Hitze: Im September werden traditionell die neuen Ernennungen und personellen Wechsel an der römischen Kurie bekannt gegeben. Der ideale Zeitpunkt also für Positionierungskämpfe aller Art. Dass die Spekulationen diesmal besonders ins Kraut schießen liegt an der Tatsache, dass diesmal gleich mehrere Revirements anstehen.

So geht im Herbst die neu gegründete Kongregation für Laien, Leben und Familie an den Start, auf die Papst Franziskus seit Beginn seines Pontifikats gedrängt hatte; als heißer Tipp für den Chefposten wird der honduranische Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga genannt, ein enger Franziskus-Vertrauter und bislang Vorsitzender des „C9“ genannten Kardinalsrates, dem auch der Münchner Erzbischof Marx angehört. Weitere Personalrochaden sind Medienberichten zufolge an der Spitze der Kongregation für die Heiligsprechungen und im vatikanischen Staatssekretariat geplant.

Die wildeste Spekulation rankt sich um den Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, den deutschen Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Papst Franziskus plane, den Hüter der Doktrin durch den Wiener Kardinal Christoph Schönborn zu ersetzen: ein versierter Theologe, dem hohe integrative Fähigkeiten zugesprochen werden. Der gebürtige Mainzer Müller solle im Gegenzug mit dem – seit dem altersbedingten Rückzug des beliebten Kardinals Karl Lehmann – vakanten Bischofsstuhl zu Mainz abgefunden werden. Es wäre eine Sensation, die nicht überall Begeisterung auslösen würde. Doch die Gerüchte, die sich in mehreren katholischen Internetportalen verbreitet haben, sind mit Vorsicht zu genießen; verifizieren lassen sie sich kaum.

Hinter vorgehaltener Hand geben Prälaten jedoch zu, dass die Überlegungen durchaus plausibel scheinen. Der Papst sei, bei aller Leutseligkeit, kein Chef, der sich Illoyalität lange gefallen lasse. Und Hardliner Müller sei dem Pontifex bereits mehr als einmal in die Parade gefahren. So soll er vor kurzem dem Redenschreiber des Papstes intern gar „Häresie“ (Abfall von der Lehre) vorgeworfen haben – starker Tobak. Ein andermal hatte er verlauten lassen, dass seine Kongregation den Papst „theologisch strukturieren“ müsse – ein Affront. „In der Politik wäre Müller mit einem solchen Verhalten schon aus jedem Kabinett geflogen“, sagt ein Insider aus der Kurie.

Ob es sich nun um bösartige Gerüchte handelt, die Müller diskreditieren sollen, einen Versuchsballon oder Sumpfblüten im Sommerloch, sei dahingestellt. Auffällig ist, dass alle wichtigen Papiere aus der Kurie seit geraumer Zeit am obersten Glaubenshüter vorbeigehen. Auf Beobachter macht der Kardinal seit Monaten einen zunehmend resignierten Eindruck. Das päpstliche Lehrschreiben „Amoris Laetitia“ zur Familiensynode hatte im April übrigens Kardinal Schönborn der Weltpresse vorgestellt. Ingo-Michael Feth

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