Unterföhring – Turbo-Gemeinde im Speckgürtel

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Keine Gemeinde wächst schneller, keine hat mehr Geld auf der hohen Kante als Unterföhring. Ein Besuch in der oberbayerischen Rekord-Kommune Unterföhring, die wächst wie der Teufel – aber weiterhin ein gemütliches Dorf sein will. Trotz allem.

Bayerns Gemeinde der Rekorde

Von Stefan Sessler

Unterföhring – Unterföhrings Ortschronist Heinrich Frey, 80, arbeitet bei der massenhaften Integration von Zuagroasten aus München oder sogar Westfalen-Lippe mit ausgebufften Tricks, die er im Laufe der Jahrzehnte in Richtung Perfektion verfeinert hat. Keine andere Gemeinde im Speckgürtel ist in den letzten Jahrzehnten so schnell gewachsen wie Unterföhring. Keine andere Gemeinde in Deutschland wächst laut einer Bertelsmann-Studie so schnell wie dieses ehemalige Bauerndorf im Münchner Nordosten. Im Jahr 1900 lebten genau 684 Menschen hier, vor 30 Jahren waren es 5105, inzwischen sind es 11 500.

Deswegen konnte Frey seine Methoden in den letzten Jahren lange und oft am lebenden Neubürger-Objekt verbessern. Frey, früher Flight Manager bei der Lufthansa und Unterföhrings wandelndes Lexikon, nimmt diese Neu-Unterföhringer bei seinen Führungen mit in die katholische Pfarrkirche St. Valentin im alten Ortskern. Dort erzählt er, dass er als Bub schon hier drin saß, damals, als Unterföhring noch drei Schmieden, mehrere Metzger, zwei Schlosser und fünf Schuster hatte. Ewig her.

Dann deutet er auf die prachtvollen Figuren im Altarraum – und erklärt, wie die alten Unterföhringer noch heute ihre Heiligen nennen. Der Heilige Dionysius heißt Schädelweh-Donisl, weil er gegen Kopfschmerzen angerufen wird. Der Heilige Augustinus ist der Schmuser-Gustl, weil er ein brennendes Herz in der Hand hält. Der Heilige Valentin ist der Heilige Fall-Ned-Hi. Hahaha, Unterföhringer Humor, seit Generationen überliefert. Die Neu-Bürger, die eine Ortsführung machen, lachen gerne mit – und ohne, dass sie es so recht merken, bekommen sie von Heinrich Frey ein Gefühl für ihre neue Heimat eingeimpft. Unterföhring ist nämlich möglicherweise gar nicht diese gigantische, steinreiche Medien-und-Versicherungs-Kommune, für die sie von der restlichen Republik gehalten wird.

Heinrich Frey sagt: „Wir sind halt noch ein Dorf.“ Nun ja, das kann man so sehen, muss man aber nicht. Für die Dorf-These spricht immerhin, dass es hier den Gebirgstrachten-Erhaltungsverein Edelweiß Unterföhring gibt, urige Wirtshäuser, eine katholische Frauengemeinschaft, einen prächtigen Maibaum und natürlich die Schützengesellschaft Immergrün. Dagegen spricht, dass es sagenhafte 22 000 Arbeitsplätze im Ort gibt. Die großen Arbeitgeber heißen Sky, Bayerischer Rundfunk, ProSiebenSat.1, Vodafone oder ZDF. Erst kürzlich hat die Allianz ihre Zentrale mit 8000 Angestellten im Gewerbegebiet gebündelt. Zuletzt hat Unterföhring 150 Millionen Euro Gewerbesteuern eingenommen, auf der hohen Kante liegen 490 Millionen Euro. Damit dürfte es das reichste Dorf weit und breit sein. Und das sieht man auch. Heinrich Frey steht vor dem riesigen, futuristischen, verglasten, roten Bürgerhaus am Ortseingang. Es sieht nach Metropole aus, nicht nach Provinz. „Es ist hässlich wie die Nacht“, sagt Frey. „Aber innen ist es toll.“ Sitzplätze: über 600. Für viele ist es der Stolz des Ortes, für manche der Ausdruck von Großmannssucht. Kosten: 30 Millionen Euro.

Es ist ein Spagat, an dem gerade viele Kommunen in Oberbayern verzweifeln. Wie viel Wachstum geht noch, ohne dass die Tradition und das gewachsene Selbstverständnis eines Ortes verloren geht?

In Unterföhring gehen sie das Problem maximal offensiv und selbstbewusst an – sie weisen ein Wohngebiet nach dem anderen aus. Und lassen die Bürger gleichzeitig am Gewerbesteuer-Reichtum teilhaben. „Wir sind keine Bank“, sagt Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer, Jahrgang 1966. Sprich: Die Gewerbesteuer-Millionen werden investiert. Hallenbad, Gymnasium, Volkshochschule, Ortsmitte, Sportpark, Bürgerhaus, Parkhaus – irgendwas wird immer neu gebaut.

Aber es ist was anderes, das junge Familien aus ganz Oberbayern, aus ganz Deutschland in die Gemeinde im Landkreis München lockt: die kostenlose Kinderbetreuung. Kita, Kindergarten, alles ist gratis. Ein deutschlandweit einzigartiges Angebot. Andere Dörfer in der Republik sind vom Aussterben bedroht, in Unterföhring gibt es dieses Problem nicht. „Zwei bis drei Kinder pro Familie sind im Ort inzwischen Standard“, sagt Kemmelmeyer. Jeder neugeborene Unterföhringer bekommt einen eigenen Geburtsbaum, das ist der Willkommengruß der Gemeinde. Der Bürgermeister ist immer selbst mit dabei, wenn die Mamas und Papas den Baum einpflanzen. Wenn es mit den Geburten so weitergeht, dann hat Unterföhring schon bald seinen eigenen Wald. Noch so ein Nebeneffekt: Unterföhring wird Schätzungen zufolge in einigen Jahren die jüngste Kommune der Republik sein.

„Unsere Schallgrenze liegt bei 14 000 Einwohnern“, sagt Kemmelmeyer. Vorher sieht er keinen Grund zur Sorge. Auch er findet – trotz der riesigen Konzernzentralen gleich drüber in der Medienallee: „Wir bewahren weiterhin unseren Gemeinde-Charakter.“ In Notfällen stellen sie im Rathaus den Reisepass, der gerade abgelaufen ist, auch am Samstag neu aus, wenn die Familie am Sonntag in den Urlaub fliegt. Was der Bürgermeister damit sagen will: In München klappt so was eher nicht, auf dem Dorf schon.

Ortschronist Heinrich Frey sitzt inzwischen im Gasthof zur Post. Er erzählt, von den Bauern, die hier früher riesige Äcker hatten. Jetzt stehen Reihenhaussiedlungen drauf. Er erzählt von den zehn Ziegeleien, die hier vor dem Ersten Weltkrieg standen. Von der Pferdewechselstation, die es hinter dem Gasthof zur Post gab. Alles längst Geschichte. „Das Tempo ist schon arg hier“, sagt er, „aber es ist noch Platz bei uns. Der Unterföhringer kennt es gar nicht anders, als dass die Gemeinde wächst.“ Noch gibt es Menschen wie Heinrich Frey, die für das alte Unterföhring stehen. Sie haben mitbekommen, wie das Dorf wie ein Hefekuchen aufgegangen ist. Und trotzdem ihre Heimat geblieben ist.

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