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„Unentschlossene blendet man aus“

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Rüdiger Schmitt-Beck

Die Wahllokale in Bayern öffnen erst in 31 Tagen, manche Wähler setzen ihr Kreuz aber schon deutlich früher – mit Hilfe der Briefwahl.

Rüdiger Schmitt-Beck, 61, arbeitet als Professor am Lehrstuhl für Politische Wissenschaft der Universität Mannheim. Der Wahlforscher erklärt, wie das Abstimmen mit der Post den Wahlkampf beeinflusst – und wie sich die Unentschlossenheit vieler Wähler auf die aktuellen Umfragen auswirkt.

Herr Schmitt-Beck, bei der letzten Landtagswahl 2013 stimmte schon jeder dritte Bayer per Brief ab. Warum ist das so beliebt?

Es ist einfach viel bequemer. Die Briefwahl erhöht aber vor allem die Flexibilität. In der mobilen Gesellschaft weiß man nicht immer, wie das Zeitbudget am Wahlsonntag aussieht. Mit der Briefwahl schränkt man sich nicht ein: Man kann sichergehen, seine Stimme abzugeben – und sich trotzdem alle Optionen offenhalten.

Wer per Brief abstimmt, entscheidet zum Teil deutlich früher, wem er seine Stimme gibt. Wird die Wahl schon jetzt mitentschieden?

Klar. Je größer der Anteil der Briefwähler ist, desto stärker wird das Wahlergebnis vorher schon festgelegt.

Wie passen die Parteien ihre Wahlkampfstrategien daran an?

Bei der letzten Bundestagswahl gab’s von der CDU eine richtige Wahlkampfkampagne für Briefwähler. Sie hatte sogar einen eigenen Claim: „Falls mal was dazwischenkommt.“ Das kalkuliert genau auf diese Motivlagen. Die Strategie kann für eine Partei klug sein, wenn sie den Eindruck hat, bis zum Wahltag noch an Zuspruch zu verlieren. Dann versucht sie, ein Hoch in der öffentlichen Meinung, das sie wahrzunehmen glaubt, in dieser Form abzuschöpfen. Sie will die Stimmen einsammeln, ehe es sich die Leute anders überlegen.

In Bayern sind sehr viele Wähler noch unentschlossen. Wie wirkt sich das auf die Aussagekraft der Umfragen aus?

Ziemlich dramatisch. Die Umfrageforschung operiert dann nämlich mit Faustregeln. Etwa: Die Unentschlossenen werden sich so verteilen wie diejenigen, die jetzt schon bekennen, was sie wählen möchten. Das heißt: Man blendet sie einfach aus. Damit kann man auch gute Schätzungen erreichen – sofern die Annahme der Gleichverteilung stimmt. Wenn sie nicht stimmt – und das kann sehr wohl der Fall sein –, dann steigert das die Chance, dass die Umfrage neben dem Wahlergebnis liegt, und zwar umso mehr, je größer der Anteil der Unentschlossenen noch ist.

Interview: Christopher Meltzer

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