Als der Uhrknall begann

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Den einen fehlt die Stunde Schlaf, andere genießen die langen Sommerabende: Vor 100 Jahren drehte Deutschland als erstes Land der Welt an der Zeit – und stellte die Uhren mitten im Krieg eine Stunde vor. Seitdem sorgt das Thema für Knatsch, alle Jahre wieder.

100 JAhre Zeitumstellung

Den einen fehlt die Stunde Schlaf, andere genießen die langen Sommerabende: Vor 100 Jahren drehte Deutschland als erstes Land der Welt an der Zeit – und stellte die Uhren mitten im Krieg eine Stunde vor. Seitdem sorgt das Thema für Knatsch, alle Jahre wieder.

Von Stefan Sessler Und Nina Schmedding

München – Die Geschichte der Zeitumstellung ist lang, genau 100 Jahre lang, seitdem wird in Deutschland jetzt schon an der Uhr gedreht. Aber einen der schönsten Zeitumstellungsmomente bescherte uns Howard Carpendale. Der Schlagersänger hat der Sommerzeit einen eigenen Song gewidmet. „Eine Stunde für Dich“ heißt die Schallplatten, die 1980 in den Handel kam. Verkaufte Exemplare: 250 000 Stück. 1980, das war das Jahr, als die Sommerzeit hierzulande wieder eingeführt wurde, nachdem sie zuvor abgeschafft, wieder eingeführt und wieder abgeschafft wurde. Was für ein Durcheinander.

In Sachen Sommerzeit drehen wir Deutschen nicht an der Uhr, sondern am Rad. Irgendwie haben wir einen Uhrknall. Schaut man sich die letzten Jahrzehnte an, dann soll die Zeitumstellung entweder gerade abgeschafft oder wieder eingeführt werden. So wie es ist, darf es jedenfalls nie bleiben. Das ist auch heute noch so. Die vehementeste Gegnerin der Sommerzeit in Bayern heißt Ilse Aigner. Beruf: CSU-Wirtschaftsministerin. Es ist ein ewiges Hin und Her. Man kann sich eh schon kaum merken, ob man die Uhr jetzt vor- oder zurückstellen muss, wenn Sommerzeit ist. Bei Howard Carpendale ist das anders, er hat immer den Durchblick, was die Sommerzeit betrifft. „Ich kann eine Stunde länger Golf spielen“, sagte er kürzlich er in einem Interview. Schlauer, ewig blonder, eselsbrückenbauender Howie.

So läuft das heute. Aber schauen wir doch mal, wie alles begann mit dieser Zeitumstellerei – nämlich mit einer Verordnung im „Deutschen Reichsgesetzblatt“, die die Zeitumstellung in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 1916 festlegte. Sogar Postkarten wurden verteilt, um den Deutschen die Zeit-Zauberei zu erklären.

Grund für das Uhrendrehen: Die deutsche Regierung, die sich mitten im Ersten Weltkrieg befand, wollte Energie sparen – oder vielmehr das „kriegswichtige“ Material dazu wie Kohlen und Petroleum. Deutschland war das erste Land der Welt, das die Uhren eine Stunde vorstellte.

Was auch heute am Umstellungstag immer wieder für Verwirrung und wiederkehrende Diskussionen sorgt, war für die Menschen damals vor allem ein historisches Ereignis. Ein eindrückliches Zeitzeugnis findet sich in einem nach dem Zweiten Weltkrieg lange verbotenen Band der deutsch-jüdischen Kinderbuchautorin Else Ury (1877-1943), den sie 1922 veröffentlichte: Ein ganzes Kapitel hat sie in dem Kinderroman „Nesthäkchen und der Weltkrieg“ der Einführung der Sommerzeit gewidmet. Sie erzählt, wie dieses Ereignis eine Berliner Arztfamilie durcheinanderbrachte: „Großmama fand sich nicht mehr in der Welt zurecht. Sie hatte sich in vieles fügen gelernt, was sie ihr ganzes Leben lang anders gewohnt war. Aber dass der Krieg nun auch die Zeit noch verändern sollte, das wollte ihr nicht in ihren alten Kopf.“ Und auch die Köchin Hanne machte ihrem Herzen Luft: „Ich bin altmodisch, ich lebe ruhig weiter, wie ich nun schon fast siebzig Jahre gelebt habe.“

Hanne befindet sich damit bis heute in guter Gesellschaft. Denn wie sinnvoll die Maßnahme ist, bleibt umstritten: Laut Bundesumweltamt etwa spart man während der Sommerzeit zwar abends elektrisches Licht, jedoch wird dann morgens mehr geheizt, besonders in den kalten Monaten März, April und Oktober.

Weitere negative Auswirkungen der Umstellung stellen Experten immer wieder fest: Mediziner bemängeln, dass die Stunde fehlenden Schlafs besonders für Menschen mit Schlafstörungen schädlich ist. Aus der Landwirtschaft ist bekannt, dass Kühe bis zu zwei Wochen benötigen, um sich auf die neuen Melkzeiten umzustellen – deshalb haben sich einige Allgäuer Bauern Jahrzehnte später einfach geweigert, eine neuerliche Umstellung mitzumachen.

Verkehrsunfälle sollen sich am Montagmorgen nach der Zeitumstellung von Winter- auf Sommerzeit besonders häufen. Sogar auf die Religion hat die Zeitumstellung Auswirkung, da sich jüdische und muslimische Gebetszeiten nach dem Sonnenstand richten. Und die Öffnungs- und Gebetszeiten der Jerusalemer Grabeskirche und der Geburtskirche Bethlehem richten sich auch im Sommer unverändert nach der Normalzeit, während außerhalb der Kirche die Sommerzeit gilt.

Dem deutschen Vorbild von 1916 folgten unzählige Länder: Drei Wochen nach der Einführung in Deutschland drehten etwa auch die Briten an der Zeit, ebenso Frankreich. 1919 schaffte Deutschland die ungeliebte Kriegsmaßnahme wieder ab, bis sie im Zweiten Weltkrieg 1940 erneut in Erwartung einer Energieeinsparung eingeführt wurde. Nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 demonstrierten die Alliierten ihre Macht, indem sie an der Uhr drehten – und für ein Zeitchaos in Deutschland sorgten. Der russische Sektor von Berlin wurde an die mittlere Zeit des europäischen Russlands angepasst – also mussten die Menschen die Uhr um zwei Stunden vorstellen. Einzelne Teile der sowjetischen Besatzungszone blieben bei der Mitteleuropäische Zeit, im britischen Sektor herrschte Westeuropäische Sommerzeit.

In seinem berühmten Tagebuch geht der deutsch-jüdische Romanist Victor Klemperer auch auf das Zeitchaos ein: „Bei jeder Sendung, dutzendemale täglich, gibt Radio Berlin die Zeit an, und das ist ein Segen. Aber wenn Berlin 20 h. sagt, ist es bei uns 19 h. und in Bremen 21 h.: die Russen haben in Berlin Moskauer, in Dresden Sommerzeit, die Engländer in ihrem Rayon mitteleuropäische. Ich frage unterwegs immer wieder: wieviel Uhr? Antwort regelmäßig: ich habe auch keine mehr.“

Es folgte nach dem Krieg eine lange Phase, da ließen die Politiker die Finger von der Uhr. Erst 1980 führten beide deutschen Staaten – als Reaktion auf die Wirtschaftskrise – wieder die Sommerzeit ein, 1996 wurden die Regelungen in der Europäischen Union vereinheitlicht. Seitdem wird immer mal wieder auf die Sommerzeit geschimpft, aber weder die CSU hat sie bisher abschaffen können, noch hat sich Howard Carpendale seitdem jemals wieder in die Diskussion eingemischt. Mal sehen, wie lange der Frieden hält.

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