„Da war überall Blut“

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Ein extrem schwieriger Einsatz für die Rettungskräfte. Hier bringen sie einen Verletzten weg.

Das schwere Zugunglück bei Bad Aibling hat eine ganze Region in einen Schockzustand versetzt. Die Familien der Opfer müssen eine Tragödie ertragen, aber auch die Rettungskräfte haben den schwersten Einsatz ihres Lebens hinter sich.

Eine Region steht unter schock

Das schwere Zugunglück bei Bad Aibling hat eine ganze Region in einen Schockzustand versetzt. Die Familien der Opfer müssen eine Tragödie ertragen, aber auch die Rettungskräfte haben den schwersten Einsatz ihres Lebens hinter sich.

Von Carina Zimniok Und Marcus Mäckler

Bad Aibling – Kreisbrandinspektor Klaus Hengstberger ist seit 45 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr, er sagt: „Ich habe schon viel gesehen – aber noch nichts in diesem Ausmaß.“ Als Hengstberger am Dienstagmorgen alarmiert wird, heißt es: „Zusammenstoß Zug“. Er kann es sich nicht vorstellen, nicht bei der heutigen Technik. Was ihn dann am Unglücksort, auf der Zugstrecke zwischen Bad Aibling und Kolbermoor, erwartet, ist „katastrophal“.

Zwei Meridian-Züge, ineinander verkeilt, einer entgleist, mehrere Waggons liegen auf der Seite. Die Unfallstelle ist zwar nur ein paar hundert Meter vom Bad Aiblinger Bahnhof entfernt, aber sehr ungünstig gelegen: Auf einer Seite der Schienen geht es einen Hang mit Bäumen hinauf, auf der anderen fließt der Mangfall-Kanal. Die Rettungskräfte kommen nur über einen schmalen Damm zwischen Schienen und Wasser an die Züge heran, sie schleppen ihre Ausrüstung zu Fuß von der Mangfallbrücke zu den Zügen. Hier ist gerade Platz für drei, vier Einsatzfahrzeuge. Gleichzeitig bringen Boote des Technischen Hilfswerks Material über den Kanal. Und immer wieder stehen Hubschrauber hoch oben über der Unfallstelle, einer, zwei, fünf zugleich. Sie fliegen die Opfer an Seilen aus wie sonst bei Unglücken in den Bergen – anders geht es nicht, sie können nirgendwo landen. Erst bringen sie die Verletzten zu einer Wiese in der Nähe, wo weitere Helikopter warten, von dort aus werden die Opfer weiterverteilt an die Krankenhäuser in einem Umkreis von bis zu 100 Kilometern, je nach Verletzung. Rosenheim, Agatharied, Murnau, München.

Es ist bedrückend ruhig an der Unfallstelle, nur die Rotorblätter der Hubschrauber durchbrechen die Stille; und die Motoren der Boote. Auf dem Damm stehen Feuerwehrleute Mann an Mann, als würden sie einen Sichtschutz bilden wollen. Dabei warten sie nur auf ihren Einsatz, jeder muss jederzeit eingreifen können. Denn die Bergung der zum Teil schwer verletzten Passagiere ist ein einziger Kraftakt. Und eine enorme psychische Belastung.

Ein Feuerwehrkamerad von Kreisbrandinspektor Hengstberger, der ebenfalls als einer der ersten am Unglücksort ist, soll Leben retten – und bangt zugleich um das seines Sohnes. Er weiß, dass der jeden Morgen genau diesen Zug nimmt, um in die Arbeit zu fahren. Zum Glück erreicht er die Mutter: Der Bub ist einen Zug früher gefahren.

Geschichten wie diese gibt es an diesem schwarzen Dienstag viele, in der ganzen Region. Die Zugverbindung ist beliebt, wichtig, von vielen genutzt, von vielen täglich. Jeder, der die Schreckensnachricht hört, denkt sofort an Angehörige, Bekannte. Hengstberger weiß von zwei Mitarbeitern der Stadtverwaltung, die am Dienstag mit dem Auto zur Arbeit gefahren sind – ausnahmsweise, sonst nehmen sie den Zug. Vermutlich gäbe es noch mehr Todesopfer, wenn nicht Faschingsferien gewesen wären. „Normalerweise ist der Zug gesteckt voll mit Kindern“, sagt die Mitarbeiterin einer Tankstelle in der Nähe des Unglücksorts, sie hat Tränen in den Augen. Auch ihre sind früher damit zur Schule gefahren.

Während die Rettungskräfte sich um die Verletzten kümmern, werden überall Faschingsfeiern abgesagt, auch im nahen Ebersberg und Rosenheim. Am Rathaus in Bad Aibling wehen Fahnen mit Trauerflor, überall in der Stadt sammeln sich Grüppchen, Menschen sprechen leise über das, was sie nicht fassen können. „Wie kann das passieren?“, fragt Stefan Eck, 50, ein Ingenieur. „Der Zug ist doch ein sicheres Verkehrsmittel.“

Die Kriminalpolizei Rosenheim, die Bundespolizei und die Staatsanwaltschaft Traunstein haben die Ermittlungen aufgenommen. Fest steht, dass sich die beiden Lokführer wohl nicht gesehen haben, bevor ihre Züge aufeinanderprallten – das Gleis macht an dieser Stelle eine Kurve. Beide Bahnhöfe sind so weit von einander und von der Unglücksstelle entfernt, dass die Züge vermutlich schon gut Tempo hatten. Alexander Dobrindt, Bundesverkehrsminister, sagt: „Die Züge müssen mit sehr hoher Geschwindigkeit aufeinandergeprallt sein.“

Der Zusammenstoß, die Sekunden davor, die Schreie, Blut – Stefano K., 25, hat das miterlebt. Er war in dem Unglückszug Richtung Rosenheim. Nach dem Unfall sagt er der tz: „Ich dachte, jetzt ist es vorbei.“ Eigentlich will der junge Vater aus Bruckmühl einen Zug früher nehmen, wie jeden Morgen. Aber er ist spät dran, es hilft nichts. Um 6.33 Uhr steigt er in einen der Waggons, schaut gedankenverloren aus dem Fenster. Dann ein Knall: „Um mich herum sind die Menschen durch die Luft geflogen“, sagt K. Er selbst schleudert gegen eine Metall-Haltestange, dann gegen eine Trennscheibe – und bricht zusammen. Als er sich aufrappelt, helfen ihm zwei Männer auf die Beine. Die Lichter im Zug sind aus, trotzdem sieht er, was er nicht sehen will. „Da war überall Blut“, sagt er. „Die Menschen bluteten aus der Nase, aus dem Mund, aus Wunden am Kopf.“ Die, die es nicht so schwer getroffen hat, schlagen mit Hämmern gegen die Scheiben, von außen versuchen es andere mit Steinen. Obwohl er selbst starke Schmerzen hat, hilft K. einem Mann, der eine klaffende Wunde am Bauch hat. Er drückt die Wunde mit seinem Pulli zu, bis ihn zwei Rettungskräfte aus dem Waggon holen. Später, im Krankenhaus in Bad Aibling, diagnostizieren die Ärzte bei Stefano K. eine Gehirnerschütterung, einen verstauchten Fuß, eine gebrochene Rippe. Dann erkundigt sich K. nach dem Mann mit der Bauchwunde. Er hat es nicht geschafft.

An viele Verletzte kommen die Retter nur schwer heran. Michael Riffelmacher, der Leitende Notarzt, sagt: „Ich will Ihnen Einzelheiten ersparen.“ Von einem der Schwerverletzten können die Retter erstmal nicht viel mehr sehen als das Gesicht und eine Hand. Die Feuerwehr schneidet ihn Stück für Stück frei, die Notärzte versorgen den Verletzten mit Schmerzmitteln, Infusionen, Sauerstoff. Die Bergung dauert zweieinhalb Stunden.

Je später es wird, desto höher klettert die Zahl der Toten. Erst sollen es fünf sein, dann acht, da wird noch ein Zugführer vermisst. Ob er es geschafft haben könnte? Das glaubt hier niemand. Irgendwann gegen Mittag halten die Feuerwehrleute auf dem Damm eine Sichtschutzplane nach oben, wie sie es bei schweren Unfällen auf der Autobahn tun, um in Ruhe die Leichen wegbringen zu können. Der Lokführer? Ein Polizist nickt nur stumm.

Gegen 12.30 Uhr rollen vier schwarze Limousinen über den schmalen Damm, sie steuern auf die Unfallstelle zu. In einer sitzt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, in der anderen Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt. Eigentlich sollten sie jetzt schon bei der Pressekonferenz im Bad Aiblinger Rathaus sein. Doch die wurde kurzfristig verschoben. Die Minister wollen sich zuvor die Tragödie mit eigenen Augen anschauen, bevor sie sich dazu äußern, als könnten sie erst dann glauben, dass das alles wirklich passiert ist. Herrmann steigt zuerst aus dem Wagen und geht sehr langsam auf die Unfallstelle zu. Dann Händeschütteln, es muss ja sein; jeder Anwesende bekommt zwei Ministerhandschläge, während auf der anderen Seite des Kanals die Kameras der Fotografen blitzen.

20 Minuten sprechen Dobrindt und Herrmann mit den Einsatzkräften. Inzwischen setzen die Limousinen auf dem Damm zurück und drehen, damit die Minister schnell einsteigen und los können. Alles muss schnell gehen. 20 Minuten sind wenig Zeit, um diese Tragödie zu verstehen. Später sagt Dobrindt, der eine schwarze Krawatte und einen dunklen Anzug trägt: „Ein erschreckendes Bild.“ Dies sei eine schwere Stunde in der Geschichte des Zugverkehrs in Deutschland. Zehn Tote, das ist die offizielle Zahl bis Redaktionsschluss am späten Abend.

Ist menschliches Versagen schuld? Oder die Technik? Es war wohl menschliches Versagen. Viele Gerüchte kursieren, vielleicht auch, weil dieses Unglück schwer greifbar ist. In mindestens einem Zug sei ein Praktikant im Führerstand gewesen. Stimmt nicht, teilt ein Meridian-Sprecher mit. Im Gegenteil: Ein sogenannter Lehr-Lokführer, der ausbildet, aber auch Kontrollfahrten durchführt, war in einem Zug an Bord. Gestern war es eine Kontrollfahrt.

Noch am Dienstagvormittag werden Spezialkräne der Deutschen Bahn aus Fulda und Leipzig angefordert. Aber die können nur mit maximal 100 Stundenkilometern über die Autobahn transportiert werden, das dauert. Am Nachmittag macht sich ein Fahrzeug der DB Netzinstandhaltung auf den Weg zur Unfallstelle, Bergungsmaßnahmen mit schwerem Gerät verschiebt die Polizei jedoch auf Mittwoch, wenn es wieder hell ist. Wenn die Kräne die Wrackteile anheben, sagt Kreisbrandinspektor Hengstberger, „hoffen wir, dass uns keine traurige Überraschung erwartet“. Denn niemand weiß genau, wie viele Fahrgäste tatsächlich in den Zügen saßen. „Das ist nicht wie im Flugzeug.“

Hengstberger hat genug Erfahrung, um zu wissen, dass der Einsatz lange nachwirkt: „Sorgen machen uns die jungen Kameraden, die müssen wir in den kommenden Wochen genau beobachten.“ Schon am Unfallort sind nach Auskunft von BRK-Chef Leonhard Stärk Seelsorger und Psychologen im Einsatz. Auch die Menschen in der Region müssen das Unglück erst verarbeiten.

Über den Rathausplatz in Bad Aibling gehen jetzt Eva und Harald Wellens aus Passau. Die beiden sind vor wenigen Tagen Großeltern geworden, ihre Tochter lebt in Rosenheim und liegt jetzt mit ihrem Mädchen in Bad Aibling im Krankenhaus. „Bis kurz vor der Entbindung ist unsere Tochter jeden Tag mit dem Zug nach München gefahren“, sagt Eva Wellens. „Man sieht, wie nah Tod und Leben beinander sind.“

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