Demokraten nehmen Favoriten in die Mangel

TV-Debatte der US-Demokraten: Kennt Joe Biden seine eigene Website nicht?

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Joe Biden sorgte bei der TV-Debatte der US-Demokraten mit seinem Abschlussstatement für Verwunderung.
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Die US-Demokraten haben sich eine heftige TV-Debatte zu den Vorwahlen 2020 geliefert - Favorit Joe Biden zeigte, dass er das Internet nicht ganz versteht. Freuen darf sich womöglich Donald Trump.

Update vom 1. August 2019: „Sei nicht zu hart zu mir, Kind“ - schon unmittelbar vor Beginn des zweiten Teils der TV-Debatte der US-Demokraten am Mittwochabend bat Favorit Joe Biden seine Kontrahentin Kamala Harris um Milde. Ein ungewöhnlicher Schritt. Der allerdings keine Früchte trug: Biden, einst Vizepräsident von Barack Obama, geriet heftig ins Kreuzfeuer seiner Mitbewerber um die Präsidentschaftskandidatur. Am Ende unterlief ihm gar ein peinlicher Patzer, bei dem sich mancher Wähler fragen könnte: Wie viel Ahnung hat Joe Biden vom Internet?

Bei der zweiten Fernsehdebatte der Demokraten in Detroit wurde es für Biden eindeutig ungemütlich. Mehrere Mitbewerber konfrontierten ihn mit seiner Vergangenheit in der US-Regierung. Sie kritisierten unter anderem die damaligen Massenabschiebungen illegal eingewanderter Migranten. Auch bei anderen Themen setzten die Konkurrenten Biden unter Druck. Der wehrte sich mit Gegenangriffen - und zahlreichen Ausweichmanövern.

Der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio etwa bedrängte Biden mehrfach mit der Frage, ob dieser die Massenabschiebungen in den Obama-Jahren im Nachhinein für einen Fehler halte und Obama davon abgeraten habe. New Jerseys Senator Cory Booker erklärte mehrfach, Biden könne sich mit Blick auf seine Vergangenheit in der Obama-Administration nicht wegducken. Julian Castro, früher Arbeitsminister in Obamas Regierung, sagte mit Blick auf Biden, nicht alle würden aus Fehlern der Vergangenheit lernen.

Biden bei Demokraten-Debatte unter Beschuss - Verbalclinch mit Kamala Harris

Biden wich aus und betonte, er sei damals Vizepräsident gewesen, nicht Präsident. Seine damaligen Ratschläge behalte er für sich. Zugleich verteidigte er Obamas Migrationspolitik insgesamt und versicherte, unter ihm würde es keine Massenabschiebungen geben. Zugleich attackierte er Castro und sagte, dieser habe damals in der Regierung keine Einwände zu dem Thema vorgebracht.

Kamala Harris am Dienstag bei der Demokraten-Debatte in Detroit.

Beim Thema Gesundheitspolitik geriet Biden vor allem mit der kalifornischen Senatorin Kamala Harris aneinander, die Biden bereits in der ersten Runde der TV-Debatten Ende Juni in Miami schwer unter Druck gesetzt hatte. Harris warf Biden vor, mit seinem Konzept für die Krankenversicherung Millionen Amerikaner außen vor zu lassen. Biden wiederum hielt Harris entgegen, ihr Gesundheitsprogramm sei unbezahlbar.

In Miami hatte Harris gegen Biden gepunktet, als sie ihn für seine früheren Positionen zur Gleichbehandlung von Schwarzen angriff. Nach der Debatte hatte Biden in Umfragen an Zustimmung eingebüßt. Auch in Detroit kritisierte sie ihn erneut dafür, dass er zu Beginn seiner Karriere im Senat mit zwei Abgeordneten, die Befürworter der Rassentrennung waren, zusammengearbeitet habe.

TV-Debatte mit Biden und Co.: Konkurrenten steigen nicht auf Trump-Seitenhiebe ein

Auch bei anderen Themen - etwa der Diskussion über Justizreformen oder Gleichstellungsfragen - setzten die demokratischen Präsidentschaftsanwärter ihrem Parteikollegen zu. Biden versuchte mitunter, die Aufmerksamkeit durch Attacken auf den Amtsinhaber im Weißen Haus, US-Präsident Donald Trump, in eine andere Richtung zu steuern - allerdings ohne echten Erfolg.

In seinen Schlussworten appellierte Biden an die Wähler, sich für ihn zu entscheiden, um vier weitere Trump-Jahre zu verhindern. „Wir wählen Wissenschaft anstatt Fiktion, Hoffnung anstelle von Angst, Einigkeit anstelle von Spaltung“, lautete sein Credo. 

Joe Biden will der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden - trotz seiner 76 Jahre kandidiert er zum dritten Mal bei den US-Vorwahlen der Demokraten.

TV-Debatte der Demokraten: Biden unterläuft Patzer beim Schlusswort - Internet ist für ihn wohl Neuland

Dann sorgte der Favorit der Demokraten allerdings noch für Verwirrung beim Publikum: „Wenn Sie mir zustimmen, gehen Sie auf Joe 30330 und helfen Sie mir in diesem Kampf“, forderte er seine Unterstützer auf, wie unter anderem CNN selbst in einem Artikel hervorhob. Die entsprechende Webseite hat mit Biden allerdings nichts zu tun - der Ex-Vizepräsident meinte eine Telefonnummer, über die SMS-Spenden abgegeben werden können - hatte die technischen Zusammenhänge aber offenbar nicht so ganz im Blick.

In Anbetracht der Tatsache, dass der bisherige Favorit nach der Debatte angeschlagen schien, könnte sich am Ende Donald Trump als Gewinner der TV-Debatte fühlen. Der US-Präsident blieb für seine Verhältnisse allerdings moderat im Tonfall: „Die Leute die heute, und gestern, auf der Bühne standen, waren nicht die, die Amerika wieder großartig machen oder es großartig halten werden!“, erklärte er vergleichsweise nüchtern. Trump hatte Biden zuvor bereits wesentlich heftiger attackiert.

Wie die erste Debatten-Runde der US-Demokraten gelaufen ist, lesen Sie im folgenden Text:

Erster Abend der Debatten: Bernie Sanders wird linke „Märchen-Politik“ vorgeworfen - Geheimfavorit lauert auf Chance

US-Wahlkampf: Sanders gilt als ein Favorit bei den Demokraten für den kommenden Präsidentschaftswahlkampf. Geheimfavorit Pete Buttigieg (links neben ihm) trat gemäßigter auf.

Detroit - Bei der zweiten Fernsehdebatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber in Detroit haben sich Linke und Moderate einen intensiven inhaltlichen Schlagabtausch auf der Bühne geliefert. Die linken Senatoren Bernie Sanders und Elizabeth Warren verteidigten kämpferisch ihre Konzepte, während eher gemäßigte Kandidaten aus den hinteren Reihen diese zum Teil als unrealistisch und weltfremd abtaten. Besonders beim Thema Gesundheitspolitik kam es zu einem heftigen inhaltlichen Schlagabtausch. Sanders und Warren stellten sich ihren Kritikern geschlossen entgegen. Auf persönliche Angriffe verzichteten die Kandidaten dabei bewusst.

„Ich weiß, wie man kämpft - und ich weiß, wie man gewinnt“, versprach Senatorin Elizabeth Warren (70), die zu den aussichtsreichsten Kandidaten zählt. Sie werde sich mit Konzernen und Lobbyisten anlegen, um das Leben der Bürger in den USA zu verbessern. „Wir haben ein korruptes System, das die Wohlhabenden bevorzugt“, erklärte sie.

US-Vorwahlkampf: Sanders will staatliche Krankenversicherung für alle - Kritiker: „Märchen-Politik“

Auch Senator Bernie Sanders (77) gab sich kämpferisch. Er warb für die von ihm vorgeschlagene universelle Krankenversicherung. „Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht, kein Privileg“, sagte er. Weniger prominente Präsidentschaftsanwärter in der Runde - und Vertreter des moderaten Flügels - machten sich dagegen für eine Verbesserung des bestehenden Systems stark. Das heißt den Bürgern die Möglichkeit zu geben, selbst zu entscheiden, ob sie sich privat oder staatlich versichern wollen. Sie warnten davor, Dinge zu versprechen, die nicht umsetzbar seien. 

Der ehemalige Gouverneur von Colorado John Hickenlooper versuchte Sanders zu erklären, dass seine Ideen zu links seien um die Mitte der Gesellschaft zu überzeugen und brachte ihn damit in Rage. Der Ex-Kongressabgeordnete aus Maryland, John Delaney, mahnte, die Demokraten müssten realistische Lösungen anbieten und nicht unmögliche Ideen und „Märchen-Politik“.

Warren und Sanders riefen jedoch zu mehr Mut auf. Warren sagte, sie verstehe nicht, warum jemand sich als Präsident bewerbe, „nur um darüber zu sprechen, was wir wirklich nicht tun können und wofür wir nicht kämpfen sollten“. Bei anderen Themen wie dem Klimaschutz und der Immigration sind sich die Kandidaten weitestgehend einig.

Demokraten suchen Trump-Gegner: Geheimfavorit Pete Buttigieg zeigt sich pragmatisch

Ein weiterer Favorit im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten für die Wahl 2020, der aufstrebende Bürgermeister Pete Buttigieg (37), gab sich als gemäßigter und pragmatischer Kandidat. Er verurteilte die jüngsten rassistischen Bemerkungen von US-Präsident Donald Trump. Buttigieg versprach, sich für Aussöhnung einzusetzen, räumte aber auch ein, dass es keine schnelle Patentlösung gebe. „Wenn heute ein Schwarzer in die Notaufnahme kommt, werden seine Klagen über Schmerzen weniger ernst genommen“, sagte er. Auch auf dem Arbeitsmarkt seien Schwarze weiter benachteiligt.

US-Wahlkampf bei Demokraten: Joe Biden und die Kamala Harris in zweiter TV-Runde

Wegen des großen Bewerberfeldes bei den Demokraten sind für die TV-Debatte zwei Abende angesetzt mit je zehn Bewerbern. In der Nacht zu Donnerstag steht in Detroit der zweite Teil der zweiten Runde an: Dann werden unter anderen Ex-Vizepräsident Joe Biden und die Senatorin Kamala Harris aufeinandertreffen. Die beiden hatten sich schon bei der ersten Runde in Florida eine emotionale Auseinandersetzung geliefert. Harris konnte damals punkten, als sie Biden scharf für dessen Positionen bei der Integration von Afroamerikanern angriff.

Biden führt die Umfragen unter den demokratischen Bewerbern seit Wochen an. Derzeit liegen Sanders, Warren und Harris hinter ihm. Danach folgt der aufstrebende Bürgermeister Pete Buttigieg aus Indiana. Die übrigen Kandidaten erreichen im Schnitt nur Zustimmungswerte von unter drei Prozent.

US-Wahlkampf: TV-Debatte der Demokraten im September mit nur noch der Hälfte der Bewerber

Für mehrere Demokraten wird mit den TV-Debatten nach Runde zwei aber Schluss sein. Für die Teilnahme an der nächsten Runde müssen die Anwärter mindestens zwei Prozent in vier Umfragen und mindestens 130.000 verschiedene Spender vorweisen. Vermutlich wird nur die Hälfte der Bewerber diese Hürde nehmen.

Die TV-Debatten sind eine wichtige Gelegenheit für die Bewerber, sich dem Publikum im ganzen Land zu präsentieren - und sich zu profilieren. Die parteiinternen Vorwahlen, bei denen die Demokraten ihren Kandidaten für die Präsidentenwahl im November 2020 festlegen, beginnen allerdings erst im Februar 2020. Trump will bei der Wahl für eine zweite Amtszeit antreten. Schon länger bahnt sich in den USA die heiße Wahlkampfphase an. Zehn demokratische Kandidaten treten im kommenden TV-Duell gegeneinander an. Wer wird Trumps Gegner? Der News-Ticker. 

Bernie Sanders ist noch mit im Rennen, aber fast brachte ihn eine Herz-OP aus dem Konzept. Doch der Präsidentschaftsbewerber gibt sich auch ohne Pause siegessicher. 

dpa/md

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