Tschechien geht auf Vertriebene zu

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Bedeutender Besuch: Tschechiens Vizepremier Pavel Belobradek (M.) legt einen Kranz zu Ehren sudetendeutscher Opfer nieder. An seiner Seite stehen Kultusminister Ludwig Spaenle (l.), und Sudetendeutschen-Sprecher Bernd Posselt . foto: Reinhard Kurzendörfer

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Wiederannäherung. 70 Jahre nach den Benes-Dekreten legt der Vize-Premier der Tschechischen Republik im Sudetendeutschen Haus einen Kranz nieder.

Prager Vize-Premier im münchner Haus der Sudetendeutschen

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Wiederannäherung. 70 Jahre nach den Benes-Dekreten legt der Vize-Premier der Tschechischen Republik im Sudetendeutschen Haus einen Kranz nieder.

von sebastian Horsch

München – „Historisch“, ein großes Wort. Bernd Posselt benutzt es oft an diesem brütend heißen Nachmittag im Sudetendeutschen Haus in München. Er hält es für angemessen. Denn der Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft hat Pavel Belobradek zu Gast – Christdemokrat, tschechischer Wissenschaftsminister und Vize-Premier seines Landes. Es ist der erste offizielle Besuch eines Regierungsmitglieds der Tschechischen Republik in der Hochstraße 6-8. Und was das sudetendeutsch-tschechische Verhältnis angeht, so sieht es Posselt, ist das ein Meilenstein. Dass Belobradek dabei auch einen Kranz niederlegt, zu Ehren sudetendeutscher Opfer, das macht es für den ehemaligen CSU-Europaabgeordneten gar zum „größten Schritt in den vergangenen 20 Jahren“. Noch vor Wochen habe er so etwas überhaupt nicht für möglich gehalten.

Natürlich stehen zwischen Tschechien und den Sudetendeutschen noch immer die Benes-Dekrete, die 1945 die Grundlage für deren Vertreibung bildeten und bis heute unwidersprochen sind. Und natürlich wird sich das so schnell wohl nicht ändern. Doch herrschte noch unter Bayerns Ministerpräsidenten Edmund Stoiber jahrelang eisiges Schweigen, so begann vor einigen Jahren ein sudetendeutsch-tschechischer Frühling. Ein Tauwetter, dessen vorläufiger Höhepunkt die Kranzniederlegung ist.

Es hat sich seither viel getan zwischen den Sudetendeutschen und der Regierung ihrer einstigen Heimat. Auf der politisch großen Bühne, als Seehofer 2010 als Ministerpräsident – aber auch als Schirmherr der Sudetendeutschen Volksgruppe – nach langer bayerisch-tschechischer Eiszeit wieder nach Prag reiste. Und zuletzt, etwas weiter abseits des Rampenlichts, als die Landsmannschaft sich dazu überwand, ihre Satzung zu ändern und alte Sätze wie den von der „Wiedergewinnung der Heimat“ neu zu formulieren. Zwischen diesen beiden Ereignissen lagen vor allen Dingen Versicherungen der gegenseitigen Wertschätzung. Ein beständiges Annähern in vielen kleinen Schritten auf politischer und kultureller Ebene. Der damalige tschechische Premierminister Petr Necas sprach 2013 im Landtag von der gemeinsamen Identität und der Schicksalsgemeinschaft der Böhmen und der Bayern, im vergangenen Winter eröffnete Bayern eine politische Vertretung in Prag, Belobradek wiederum wandte sich im Mai dieses Jahres in einer Videobotschaft an die Menschen auf dem Sudetendeutschen Tag in Augsburg.

All diese Ereignisse, so sieht es Posselt, haben die jüngste symbolträchtige Geste des tschechischen Vizepremiers überhaupt erst möglich gemacht. Belobradek und sein Begleiter und Vizeminister Arnost Marks seien „zwei antipopulistische Politiker mit großem Mut“, sagt Posselt. Man kann tatsächlich davon ausgehen, dass der tschechische Regierungsvertreter für diesen Besuch in seiner Heimat attackiert werden wird. Und auch Sudetendeutschen-Sprecher Posselt stößt mit seinem Annäherungskurs gegenüber Tschechien auf Widerstände im eigenen Lager.

Zustande gekommen ist das Treffen der beiden kurzfristig. Der geplante Besuch des tschechischen Premierministers Bohuslav Sobotka in Bayern musste wegen der anstehenden Entscheidungen in der Griechenland-Krise in den Herbst verschoben werden. Da habe er Belobradek gefragt, ob er denn nicht kommen könnte, sagt Posselt. „Und er hat gesagt: ,Für dich mache ich das.‘“

Einen Strauß für die Niederlegung hatte Posselt übrigens vorbereitet – der allerdings wurde nicht gebraucht. Der tschechische Vize-Ministerpräsident hatte selbst einen mitgebracht. In den Farben seines Landes.

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