Sündenböcke suchen

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Wenn kritische KöpfeChristian Ude (SPD) und Peter Gauweiler (CSU) liefern sich jeden Donnerstag an dieser Stelle einen Schlagabtausch. Heute: Christian Ude.

DonnerstagsKolumne

Lieber Peter,

das war ja eine respektable europäische tour d’horizon, die Du da in Deinem letzten Brief absolviert hast: Erst verheißt Du den Bulgaren ein blühendes Land, wenn sie brav zu Hause bleiben (obwohl das mit den blühenden Landschaften gar nicht so einfach ist, wie Dir Helmut Kohl gerne bestätigen wird, nicht einmal in Deutschlands Osten). Dann beklagst Du, dass es nicht nur mit dem Liebesleben, sondern auch mit der Industrie in Frankreich bergab geht (was jedenfalls bei der Industrie auch stimmt), und schließlich vergleichst Du Dich mit Odysseus, weil Du seit Deinem Ausstieg aus der Berufspolitik vor zwei Jahrzehnten am Aschermittwoch nicht in Niederbayern auftrumpfen durftest, sondern zwischen Seekopf und Madloch herumgeistern musstest wie der große Grieche dereinst zwischen Skylla und Karyptis – allerdings auf Skibrettern und nicht auf den Planken eines Mittelmeerschiffes. Wow!

Das war ein imposanter Sprung aus den Niederungen des hiesigen Politikbetriebes auf die kontinentale Bühne. Ja, die Europa-Wahl steht vor der Tür. Da soll sie aber auch vorerst bleiben, weil ich als Kommunalpolitiker erst einmal die volle Konzentration auf die vorher stattfindenden Rathaus-Wahlen einfordern möchte. Es ist seit undenklichen Zeiten der erste Wahlkampf dieser Art, bei dem ich nicht selbst im Schaufenster stehe, sondern als Passant die Auslagen der Parteien-Landschaft bewundern kann. Die CSU verspricht, den Verkehr (den gesamten?) unter die Erde zu legen. Das dürfte bei unserem 7000 km-Straßennetz eine Kleinigkeit kosten! Aber die Bauindustrie hätte wenigstens wirklich ausgesorgt. Die SPD ist da wieder einmal sehr viel bescheidener und verspricht nur, dass München München bleibt. Das dürfte sich doch irgendwie machen lassen. Eine helle Freude ist nur jedes FDP-Plakat, ganz gleich, was draufsteht. Enthält es doch stillschweigend die frohe Botschaft: Uns gibt es auch noch! Wer hätte das gedacht? Einen radikalen Kurswechsel vollziehen die Grünen. Sie wollen künftig mit grünen Projekten „schwarze Zahlen schreiben“. Wäre ihnen das doch nur früher eingefallen!

Mehr als alle Plakate bewegen mich zur Zeit die Versuche einstmals „kritischer Köpfe“, den Ärger über weltweite Entwicklungen an der Rathauspforte abzuladen, als ob dort die Weltachse geschmiert werden würde. Eigentlich müssten ja alle mitbekommen haben, wie in den letzten Jahrzehnten die Finanzmärkte entfesselt, die Aktiengewinne gesteigert, die Spitzengehälter samt Prämien und Bonuszahlungen unermesslich in die Höhe getrieben und die Gewinne vermehrt wurden, während gleichzeitig immer mehr Menschen in prekäre Arbeitsverhältnisse abgedrängt und regelrecht ausgeplündert wurden.

Um es kurz und bündig zu sagen: Die Reichen werden immer reicher, die Armen nur zahlreicher. Und während die vagabundierenden Milliarden nach missglückten Finanzabenteuern mit „innovativen Produkten“ nach soliden Anlagemöglichkeiten suchen und ins „Beton-Gold“ florierender Städte fliehen, suchen die Menschen auf der Schattenseite nach Orten mit besserem Job-Angebot und besseren Sozialleistungen. So treibt die Zuwanderung des Reichtums die Immobilienpreise hoch, während die Armut ferner Regionen im Stadtbild immer deutlicher sichtbar wird.

Früher wäre das kritischen Köpfen ein gewichtiger Anlass gewesen, um über Entgleisungen des digitalen Kapitalismus nachzudenken und die immer tiefere und breitere Kluft zwischen Arm und Reich anzuprangern. Heute hingegen reicht es vielen schon, das Wachstum von Reichtum und Armut ausgerechnet der Baubehörde oder dem Gemeinderat anzulasten, als ob diese kommunalen Stellen die Gesetze des Kapitalismus nach Belieben aufheben und seine Auswirkungen mit einem Federstrich beseitigen könnten. Ach, wenn die Welt doch nur so einfach wäre, wie es sich die „kritischen“ Köpfe vorstellen, um sich nicht mit der komplizierten Realität beschäftigen zu müssen, sondern schnell greifbare Sündenböcke zu finden. Auch wenn sie damit nur von den weltweiten Entwicklungen und ihren wahren Ursachen ablenken, die unsere Gesellschaft zunehmend in die Irre und immer mehr Bevölkerungsgruppen in schwierige Lebenslagen bringen.

Die richtigen Impulse kommen anderswo her, heute zum Beispiel von der Bundesbank: Sie plädiert doch tatsächlich für eine neue Abgabe, die künftig die Vermögenden eines Landes heranziehen soll, wenn ein Euro- Staat in die Krise gerät. Die Reichen des eigenen Landes sollen drohende Staatspleiten abwenden, nicht die Lohnsteuerzahler anderer Länder. So eine richtige Einsicht, so eine klare Position hätte ich der Bundesbank gar nicht zugetraut. Na bitte: Geht doch!

Es grüßt Dich herzlichst

Dein Christian

PS 1: Vielen Dank für Deinen Tipp, Deinen Parteifreund Thomas Zimmermann, den früheren Münchner Gesundheitsreferenten und langjährigen Vorsitzenden des bayerischen Gesundheitsrates, in den Lenkungskreis für die städtischen Kliniken aufzunehmen. Er hat schon einen guten Einstand gehabt.

PS 2: Sieh Dich vor am Aschermittwoch! Du siehst an mir, dass eine grandiose Kundgebung an diesem Tag auch ein Auftakt zum Finale sein kann.

Briefwechsel

Wenn kritische Köpfe

Christian Ude (SPD) und Peter Gauweiler (CSU) liefern sich jeden Donnerstag an dieser Stelle einen Schlagabtausch. Heute: Christian Ude.

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