Solange noch die Rosen blühen

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Die Flut ist weg. Doch die Zerstörung bleibt – und auch die Frage: Wie geht es jetzt weiter? Viele Menschen haben fast alles verloren. So wie Katja Treml aus Deggendorf. Unsere Zeitung wird die 34-Jährige begleiten: auf ihrem langen Weg zurück in die Normalität. Der Auftakt.

Erste Schritte nach Dem Hochwasser

Die Flut ist weg. Doch die Zerstörung bleibt – und auch die Frage: Wie geht es jetzt weiter? Viele Menschen haben fast alles verloren. So wie Katja Treml aus Deggendorf. Unsere Zeitung wird die 34-Jährige begleiten: auf ihrem langen Weg zurück in die Normalität. Der Auftakt.

von Barbara Nazarewska

Deggendorf – Dieses Bild hat sich Katja Treml ins Gedächtnis gebrannt, für immer: Damals, als das Wasser drei Meter hoch stand, fuhr sie in einem Boot an ihrem Haus vorbei, direkt am Esszimmer im ersten Stock. Katja Treml, 34, schaute vorsichtig zum Fenster. Und dort, in einem Blumentopf, sah sie – die Orchideen. Sie blühten. Ein Stück Leben in all der Trostlosigkeit, die das Hochwasser mitgebracht hatte. „Es war der einzige Lichtblick“, sagt Katja Treml noch heute. Die Gegenwart sieht düsterer aus.

Die Orchideen konnte Katja Treml retten – das meiste aus ihrem Haus in Natternberg, einem Ortsteil von Deggendorf, nicht. Tagelang hatte hier, in der Siedlungsstraße, die Flut getobt. Als das Wasser endlich zurückging, als die Menschen nach Hause kehren durften, wartete das „pure Chaos“ auf sie. Überall stand die braune Brühe, knöchel-, stellenweise sogar kniehoch. Umgestürzte Möbel und aufgeschwemmte Öltanks versperrten den Weg. Und zwischendrin: immer wieder Familienfotos, zerstört vom Schlamm. „Man hat jetzt irgendwie keine Vergangenheit mehr“, sagt Katja Treml. Die sei „einfach abgesoffen“. Und die Zukunft will noch nicht auftauchen.

Auch Katja Treml, alleinerziehende Mutter, weiß nicht, wie es weitergeht. Und vor allem nicht: wann es weitergeht. Sie und ihre achtjährige Tochter Marie wohnen derzeit bei einer Tante. Katja Treml hat die vergangenen Tage damit zugebracht, das gemeinsame Zuhause leer zu räumen. Im Erdgeschoss, das sie an eine Anwaltskanzlei vermietet hatte, „war alles hin“. Im ersten Stock, wo Marie und sie einst lebten, „konnte ich noch ein paar Sachen retten“. Einzelne Möbel, etwas Kleidung, nicht mehr. 1500 Euro Soforthilfe hat Katja Treml inzwischen bekommen, weitere 300 Euro gab es von der Caritas. Erst kürzlich stellte sie einen Antrag über 5000 Euro an die Hausratversicherung – und einen zweiten über 10 000 Euro wegen Ölschäden am Gebäude. Und dann gibt es ja noch den acht Milliarden schweren Hilfsfonds der Bundesregierung für die Flutopfer 2013. Aber wann das Geld tatsächlich kommt? Katja Treml zuckt mit den Schultern. „Das alles wird sicher dauern“, sagt sie. „Die müssen das doch prüfen.“ Eine Versicherung hat sie nicht. „Die hätte ich mir nicht leisten können als alleinerziehende Mutter.“ Nun also hängt sie in der Warteschleife.

„Alles, was ich noch habe, ist Zeit“, sagt sie. Kein Zuhause mehr, keinen Job. Katja Treml ist Rechtsanwaltsgehilfin – und ihre Kanzlei, die im Erdgeschoss des Hauses, gibt es nicht mehr seit der Flut.

Dafür ein neues, unangenehmes Gefühl: Wenn es wieder anfängt zu regnen, wird Katja Treml nachts wach. Dann kreisen ihre Gedanken – und in ihrem Kopf pocht es: „So hat es damals auch angefangen.“ Damals, als die Natternberg-Siedlung evakuiert werden musste, als zwei Dämme brachen, an Donau und Isar, und die Wassermassen die Häuser überrollten. Als niemand gedacht hätte, „dass es schlimmer kommen könnte als 1954“ – bei der Jahrhundertflut. Doch es kam schlimmer. Irgendwann floss sogar der kleine Bach hinter der Siedlung in die verkehrte Richtung – weil das ganze Hochwasser das Flüsschen aus seinem Lauf verdrängt hatte. Bis heute stehen die Menschen in der Natternberg-Siedlung unter Schock. „Ich konnte bisher nie weinen“, sagt Katja Treml. „Vielleicht liegt es auch daran, dass ich es immer noch nicht fassen kann.“

Das Haus, in dem sie mit ihrer Tochter bisher gelebt hat, gehörte früher dem Opa. 1952 hatte er es gebaut – und sogar manchen Stein dafür selbst geformt. Ein echtes Herzblutprojekt – das sogar die Jahrhundertflut zwei Jahre darauf überstand. Da machte nämlich das Wasser an der Türschwelle Halt.

Katja Treml war sich also sicher: So würde es auch diesmal sein. Und wenn es schlimmer kommt, „dann steigt das Wasser höchstens einen halben Meter hoch“. Als sie den Koffer für sich und ihre Tochter Marie packte – die Einsatzkräfte hatten die Menschen in der Natternberg-Siedlung dazu aufgerufen, sich in Sicherheit zu bringen – da war Katja Treml fest davon überzeugt, bald wieder zuhause zu sein. Das Zuhause sah sie erst Tage später – vom Boot aus. Da entdeckte sie auch die blühenden Orchideen. Und bat die Wasserwachtler, dringend nach dem Familienhasen zu schauen, der seit der Evakuierung im ersten Stock festsaß. Ob er überhaupt noch lebte? Ein Helfer fuhr kurz darauf in einem Boot vorbei, schlug die Fensterscheibe im Esszimmer ein – und rettete das Tier. „Später hat sich der Mann bei mir entschuldigt, dass er die Scheibe einschlagen musste“, erzählt Katja Treml. Sie antwortete ihm damals: „Ich glaube, das ist der geringste Schaden.“ Katja Treml sollte Recht behalten.

Als sie gut zwei Wochen später endlich wieder in ihrem Haus stand, als sich zu diesem Zeitpunkt das Wasser bis auf 20, 30 Zentimeter zurückgezogen hatte – da konnte sie nicht glauben, was sie sah. „Man findet keine Worte, um diese Gefühle zu beschreiben“, sagt sie heute.

Inzwischen ist das Haus an der Siedlungsstraße 3 leer. An den Wänden sieht man noch die Schlammspuren. Überall riecht es modrig – und in manchen Zimmern sogar nach Öl. „Mir hat es die Öltanks total aufgeschwemmt“, erzählt Katja Treml. Und wer weiß, wo das jetzt alles drinsteckt? Die Decken sind an vielen Stellen eingestürzt. Steht man im Erdgeschoss, kann man zum Beispiel in das Bad im ersten Stock schauen. Katja Treml hat lange überlegt, was sie machen soll. Sie hat mit Architekten gesprochen und mit Bauingenieuren. Und nach vielen kurzen Nächten hat sie beschlossen: „Ich reiße das Haus ab. Es geht nicht anders. Es lohnt sich einfach nicht.“

Es war keine leichte Entscheidung. Der Opa hat es doch gebaut – das Haus ist also ein Stück Familiengeschichte. Und: 2004 hatte Katja Treml noch alles modernisiert – neue Heizung, neue Wasserleitungen, neues Bad. „Da zahle ich noch heute den Kredit ab“, sagt sie.

Der Abriss ist der erste Schritt. Nächste Woche soll es so weit sein – höchstwahrscheinlich. Nach der Flut gibt es nun mal keine Sicherheiten mehr in der Natternberg-Siedlung.

Der zweite Schritt wird dann ein neues Haus sein – und ein neuer Anfang. Das Erdgeschoss will Katja Treml wieder vermieten – und oben, im ersten Stock, erneut mit ihrer Tochter einziehen. Wie sie das neue Zuhause finanziert? Sie weiß es nicht. „200 000 Euro wird das Ganze schon kosten“, sagt sie. Eine horrende Summe, vor allem für eine alleinerziehende Mutter. Katja Treml will es trotzdem schaffen.

Sie steht jetzt vor dem Haus, das ihr Opa gebaut hat und das bald nicht mehr da sein wird. Es fängt an zu regnen, Katja Treml blickt gen Himmel. „Wissen Sie, was komisch ist“, sagt sie plötzlich. „Seit dem Hochwasser blühen hier überall die Rosen.“ Ein hoffnungsvoller Anblick – in all der Trostlosigkeit.

Liebe Leser

Beim nächsten Mal berichten wir, wie sich Katja Treml nach dem Hausabriss fühlt.

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