„Sie sind bereit zu sterben“

Friedlicher Protest: Ein Demonstrant hebt vor anrückenden Polizeikräften die Arme.
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Friedlicher Protest: Ein Demonstrant hebt vor anrückenden Polizeikräften die Arme.

Nie zuvor haben prodemokratische Kräfte in Hongkong die Führung in Peking derart herausgefordert. Peking verurteilt „illegale“ Aktionen. Die Zahl der Demonstranten wächst.

Aufruhr in Hongkong

Nie zuvor haben prodemokratische Kräfte in Hongkong die Führung in Peking derart herausgefordert. Peking verurteilt „illegale“ Aktionen. Die Zahl der Demonstranten wächst.

Von Joanna Chiu und Andreas Landwehr

Hongkong – Die Massenproteste haben in Hongkong die schwerste politische Krise seit Rückgabe der früheren britischen Kronkolonie 1997 an China ausgelöst. Die Demonstrationen für mehr Demokratie in der heutigen chinesischen Sonderverwaltungsregion weiteten sich gestern aus. Zehntausende blockierten nicht nur den Finanzdistrikt, sondern erstmals auch andere Teile der asiatischen Wirtschaftsmetropole. Ein Ende der Proteste ist nicht in Sicht.

Die Organisatoren riefen die Hongkonger auf, die Demonstrationen so lange fortzusetzen, bis ihre Forderung nach mehr Demokratie erhört werde. Die Bundesregierung ermahnte China dazu, friedliche Kundgebungen zu tolerieren. „Die Meinungsfreiheit hat in Hongkong eine große Tradition“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Chinas Regierung gab sich kompromisslos. Die Sprecherin des Außenministeriums in Peking, Hua Chunying, verurteilte die „illegalen Aktivitäten“. Andere Länder warnte Hua vor einer „Einmischung in interne Angelegenheiten“, indem sie die Demonstranten unterstützten. Chinas Staatsmedien sahen „radikale Oppositionskräfte“ am Werk. Vergleiche mit der 1989 blutig niedergeschlagenen Demokratiebewegung in China wurden zurückgewiesen. „China ist nicht mehr die gleiche Nation wie vor 25 Jahren“, kommentierte die „Global Times“.

Chinas Regierung zeigte „volles Vertrauen“ in die Regierung der autonomen Sonderverwaltungsregion, wieder Herr der Lage zu werden. Die Proteste entzündeten sich an einer Wahlreform, mit der Peking für 2017 zwar direkte Wahlen, aber keine freie Nominierung der Kandidaten zulassen will. Die ehemalige britische Kronkolonie wird heute nach dem Grundsatz „ein Land, zwei Systeme“ als völlig eigenständiges chinesisches Territorium mit Landesgrenzen autonom regiert.

In einer Fernsehansprache rief Regierungschef Leung Chun-ying die sieben Millionen Hongkonger zu Ruhe und Ordnung auf. Er dementierte Gerüchte, dass seine Regierung die chinesische Volksbefreiungsarmee um Hilfe gebeten habe. Leung forderte die Demonstranten vergeblich auf, nach Hause zu gehen. „Wir wollen kein Chaos in Hongkong.“ Kommentatoren sahen besondere Symbolik, als eine rote chinesische Nationalflagge auf einem Behördengebäude bei Admiralty – Absicht oder Zufall – falsch herum gehisst worden war.

Im Laufe des Tages wuchs die Menge der Demonstranten weiter an. Wegen der vielen Schirme, die Demonstranten sowohl zum Schutz vor Tränengas und Pfefferspray als auch vor der Sonne mitgebracht hatten, war scherzhaft von einer „Regenschirm-Revolution“ die Rede. Offenbar um die Lage zu beruhigen, kündigte die Polizei an, ihre speziell gegen Unruhen ausgerüsteten Einsatzkräfte zurückzuziehen. Als Grund wurde angegeben, dass sich die Demonstranten friedlich verhielten. Bis zum Abend wurde die Polizeipräsenz stark reduziert.

Tausende Demonstranten saßen auf den Straßen und schwenkten die Leuchten an ihren Handys zu einem Lichtermeer. In der Nacht zuvor war die Polizei teilweise gewaltsam mit Tränengas, Schlagstöcken und Pfefferspray gegen die Demonstranten vorgegangen, ohne die Massen auflösen zu können. „Ich habe keine Angst, weil Hongkong viele Leute hat, die mutig genug sind, die Stadt und unsere Freiheit zu verteidigen“, sagte der 18-jährige Andrew Ngang. Der langjährige Oppositionspolitiker Martin Lee sagte in einem CNN-Interview: „Die ganze Welt kann sehen, dass Hongkong Demokratie will.“ Die Bewegung sei friedlich. „Sie wollen dafür kämpfen – und sie sind bereit, dafür zu sterben.“

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