Schweißperlen, Armbanduhren und Liebeserklärungen

Das erste TV-Duell: John F. Kennedy (l.) gewann 1960 gegen Richard Nixon (r.). dpa
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Das erste TV-Duell: John F. Kennedy (l.) gewann 1960 gegen Richard Nixon (r.). dpa

München – In Deutschland gehören Fernsehduelle erst seit kurzem zum Bundestagswahlkampf. 2002 trat erstmals der amtierende Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) gegen seinen bayerischen Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) an.

Damals fanden noch zwei getrennte Sendungen für die privaten und die öffentlich-rechtlichen Fernsehkanäle mit den beiden Spitzenkandidaten statt. Stoiber konnte punkten, weil zuvor die Mehrheit der Zuschauer davon ausgegangen war, dass der eloquentere und als „Medienkanzler“ bezeichnete Schröder das Duell klarer für sich entscheiden könnte. Bei den beiden Sendungen sahen 2002 jeweils mehr als 15 Millionen Menschen zu.

Vier Jahre später im knappen Wahlkampf zwischen Schröder und seiner damaligen Herausforderin Angela Merkel (CDU) schalteten sogar mehr als 20 Millionen Zuschauer ein – und erlebten einen der wenigen Momente der ersten deutschen TV-Duelle, die in Erinnerung bleiben: Schröder setzte überraschend zu einer spontanen Liebeserklärung an seine Ehefrau an, als er ihre Äußerungen zur Familienpolitik verteidigte und mit den Worten schloss: „Und das ist nicht zuletzt der Grund, warum ich sie liebe.“ Deutschland debattierte, ob man das darf, ob Schröder seine Ehefrau instrumentalisiert hatte. Am Ende verlor er die Wahl trotzdem.

In den USA, wo das Format erfunden wurde, gibt es eine deutlich längere Tradition der TV-Debatte – und entsprechend mehr historische Momente. Zum ersten Mal diskutierten schon 1960 Richard Nixon und John F. Kennedy im Präsidentschaftswahlkampf vor Kameras. Das Medium Fernsehen war damals noch neu, und Kennedy wusste es besser zu nutzen. Zwar waren die Kandidaten inhaltlich gleichauf, zumindest wertete die Mehrheit derjenigen, die das Duell am Radio verfolgt hatten, die Debatte als ein Unentschieden. Doch Nixon ging gesundheitlich angeschlagen und wenig ausgeruht in die Debatte. Er wirkte im Vergleich zum jungen Kennedy fahrig, sah schlecht aus – die Zuschauer, die Nixon schwitzen sahen, erklärten Kennedy im Gegensatz zu den Zuhörern zum Sieger. Er gewann später auch die Wahl.

Doch auch Jahrzehnte später im Wahlkampf 1992 stolperte ein Kandidat noch über die Tücken des Mediums. Der damalige Präsident George H. Bush sah auf seine Armbanduhr, als eine Bürgerin ihre Frage stellte. Ein Reflex, aber: Beim Zuschauer kam an, da nimmt einer die Frage nicht ernst und kann es kaum erwarten, bis die Debatte zu Ende ist. Sein Herausforderer Bill Clinton glänzte hingegen und gewann später die Wahl. Philipp Vetter

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