Schöne Quälerei

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Heute ist Oberammergau Deutschlands heimliche Wintersporthauptstadt: Tausende werden beim König-Ludwig-Lauf erwartet. Hans Reicherl, 79, ist seit 37 Jahren Organisator.

Er weiß alles, was man übers Langlaufen wissen muss. Sogar, warum es hilft, sich im Notfall auf der Loipe nackig zu machen.

König-Ludwig-lauf in Oberammergau

Heute ist Oberammergau Deutschlands heimliche Wintersporthauptstadt: Tausende werden beim König-Ludwig-Lauf erwartet. Hans Reicherl, 79, ist seit 37 Jahren Organisator. Er weiß alles, was man übers Langlaufen wissen muss. Sogar, warum es hilft, sich im Notfall auf der Loipe nackig zu machen.

von manuela schauer

Oberammergau – Mit der linken Hand hält Hans Reicherl, 79, den Telefonhörer ans Ohr, mit der rechten klickt er auf der PC-Maus herum. Das Telefon hört in diesen Tagen gar nicht mehr auf zu klingeln. Ausnahmesituation in Oberammergau. Ausnahmesituation in Hans Reicherls Leben. An diesem Wochenende startet er wieder – der König-Ludwig-Lauf, Deutschlands größter Skilanglauf. Tausende Wintersportler werden erwartet. Reicherl, ein Bär von einem Mann mit weißem Rauschebart, ist der Cheforganisator, seit 37 Jahren jetzt schon. Aber manchmal ist er auch die Wetterfee. „Wie ist denn der Schnee?“, erzählt er, das ist eine häufige Frage, die ihm Sportler am Telefon stellen. „Dann antworte ich: weiß.“

Hahaha, Organisatorenhumor. Reicherl lacht laut los und freut sich über seinen eigenen Witz. Er darf sich die kleinen Frechheiten erlauben. Neben den Passionsspielen und den Herrgottschnitzern hat er das vielleicht bekannteste Kulturgut Oberammergaus hervorgebracht: den König-Ludwig-Lauf, ein Jedermann-Langlauf, benannt nach dem Kini, der hier im Passionsdorf von jeder vierten Postkarte grüßt und bekanntermaßen auch ein paar schöne Schlösser hinterlassen hat.

Ein Glück, heuer ist der Schnee nicht nur weiß – er ist auch reichlich vorhanden. Reicherl nickt zufrieden. Er hat eine 47 Kilometer lange Strecke präparieren lassen. „Das ist bärig“, sagt er in seinem sympathischen Grummelton.

400 freiwillige Helfer schuften mit, damit das Großereignis über die Bühne gehen kann. 3000 bis 4000 Teilnehmer aus 36 Nationen erwarten perfekte Bedingungen. Der frühere Schriftsetzer Reicherl kramt seine Checkliste hervor. „Wir müssen etwa 98 Posten besetzen“, sagt der Langlauf-Manager mit tiefer Stimme. Zeit abnehmen, an den Service-Ständen die Skier wachsen oder die Athleten verpflegen, Startbeutel herrichten, Shuttlebus fahren, die Loipe präparieren – es ist unendlich viel zu tun. „Der normale Wahnsinn“, sagt Reicherl. Aber ein Wahnsinn, den der erste Vorsitzende des König-Ludwig-Lauf-Vereins von Herzen und aus tiefster Überzeugung liebt. Dieser Mann ist langlaufsüchtig. Luggilauf-süchtig. So nennen die Einheimischen den Wettkampf nämlich: Luggi-Lauf.

Dass die Veranstaltung, die 1968 ins Leben gerufen wurde, einmal solch gigantische Dimensionen annehmen würde, das hätte Reicherl nie gedacht. „Die Idee“, sagt er lachend, „ist am Stammtisch entstanden.“ Aus ihr ist Kult geworden. Der Wahl-Oberammergauer, der in der Münchner Au aufgewachsen ist, war von Anfang an mit dabei. 683 Langläufer sind damals an den Start gegangen. „Da waren 99 Prozent Deutsche, hauptsächlich Bayern, dabei sowie ein verirrter Österreicher und Norweger“, sagt Reicherl. Hammerharte 90 Kilometer galt es zu bezwingen. Zwei mehr als beim berühmten Wasalauf in Schweden, einem der größten Langlaufwettbewerbe der Welt. „Da mussten wir natürlich einen draufsetzen“, sagt Reicherl und grinst spitzbübisch in seinen weißen Vollbart hinein. Halbe Sachen machen sie in Oberammergau nicht.

Erst in den 1980er-Jahren haben sich die Verantwortlichen dazu entschlossen, die Strecke, die von Ettal über Graswang und Linderhof nach Oberammergau führt, in etwa zu halbieren. Der Aufwand blieb enorm. Eine Loipe von dieser Länge muss erstmal gespurt werden. Modernes Gerät? Fehlanzeige.

Aber Reicherl und seine Kameraden strotzten vor Tatendrang. „Die Not“, sagt er, „hat uns erfinderisch gemacht.“ Irgendwie mussten sie das einfach meistern. Egal wie. Also haben sie zwei kurze Stücke Bahnschienen besorgt und einen Schlitten davorgespannt. „Auf die Schienen haben wir noch Leute draufgestellt, damit diese richtig tief in den Boden sinken“, sagt er. „Zum Leidwesen derjenigen, die den Schlitten ziehen mussten.“ Abenteuerlich. Aber es hat geklappt. Andere Zeiten eben. Zeiten, die Reicherl nicht vergisst. All diese Erinnerungen, sie holen ihn immer wieder ein. Vor allem dann, wenn er in seinem kleinen Reich, dem Luggi-Lauf-Büro, ganz in der Nähe des Passionstheaters sitzt. Reicherls Hauptquartier.

Er schließt die Tür, setzt sich auf einen Stuhl und lässt das Telefon ausnahmsweise mal klingeln. Sein Blick wandert über die Holzwände. Kaum ein Platzerl ist daran noch frei. „Das ist wie im Museum hier“, sagt er stolz. Überall hängen Relikte aus alten Tagen – ein Streifzug durch die Geschichte des Volkslaufs. Unzählige Wimpel, Teller, Figuren. Und natürlich ein Portrait vom „Kini“. Alles Souvenirs von Reicherls Reisen rund um den Globus im Namen des Langlaufsports. Der 79-Jährige erzählt von seinem Besuch im japanischen Wintersportort Sapporo, wo ihm eine Geisha einen Whiskey eingeschenkt hat. Er hat den Premierminister von Estland getroffen, der ihn gleich geduzt hat. In der Langlaufszene ist Reicherl eine kleine Berühmtheit. Aber die schönsten Sachen hat er doch daheim in Ogau erlebt.

Plötzlich bleibt sein Blick an einem großen Schwarz-Weiß-Foto haften, das an der Wand hängt. Darauf zu sehen: der sechsmalige Gewinner des König-Ludwig-Laufs und Vorbereiter der Skating-Technik, der Finne Pauli Siitonen. „Ich hab’ ihm die Startnummer 1 gegeben“, sagt er amüsiert. Weil’s passte. Und er ein Vorzeigesportler war. Ganz im Gegensatz zu manch anderen. Einmal gab es sogar einen Streit zwischen zwei Männern, die sich um eine Teilnehmerin auf der Loipe mit den Stecken geschlagen haben – bis einer blutete. „Einer von den beiden“, sagt Reicherl, „ist dann vor lauter Wut einfach abgehauen.“

Dann schießt ihm noch ein außergewöhnlicher Fall in den Kopf: Es gab tatsächlich einen Starter, der sich in der Wendekurve komplett auszog, um sich mit Spiritus abzureiben. Wohl ein Geheimrezept gegen die Kälte. Oder aber der Mann, der lieber einen Einkehrschwung machte, als zu seiner im Ziel wartenden Mutter zu fahren. „Es war stockfinster, als er zurückkam“, erzählt Reicherl. „Wir haben stundenlang nach ihm gesucht, sind jeder Spur nachgegangen.“ Anfangs ohne Erfolg. „Wir haben Schlimmstes befürchtet.“

Es ist gut ausgegangen. Das war nicht immer so. 2012 kommt es zu einer Tragödie. Die Eiseskälte fordert ein Opfer. Ein 74-Jähriger lässt auf der Strecke sein Leben. Zwei Jahre später noch ein Todesfall. Ein 57-jähriger Mann bricht auf der Loipe zusammen, alle Reanimationsversuche scheitern. Reicherls Miene versteinert sich, als er davon erzählt. Sein Blick ist starr. Der Schock sitzt noch immer tief. Er bedauert zutiefst, welche Tragödien sich damals ereignet haben. Direkte Schuld trifft ihn keine. Er sagt: „Wir können doch auch nicht mehr tun, als Ältere oder Menschen in schlechter Konstitution zu warnen.“

Diese schrecklichen Tage werden immer ein dunkles Kapitel in der Geschichte des König-Ludwig-Laufs bleiben. Ein Schatten. Trotzdem denkt Reicherl an die Zukunft. Für ihn und sein Team steht sofort nach dem Luggi-Lauf der nächste schon bevor. Die Sponsorensuche beginnt von vorne, neue Startnummern werden bestellt. Eine lange Liste ist abzuarbeiten. Für Reicherl ist das mittlerweile zur Routine geworden. „Man bekommt ein Gespür.“ Ein bisschen nervös wird der sonst gelassene Rentner nur, wenn sich der Schnee nicht rechtzeitig blicken lässt. Fünfmal musste das Rennen bisher abgesagt werden. „Manchmal“, sagt er, „standen noch Gänseblümchen auf der Wiese.“ Manchmal konnten sich die Veranstalter vor Schnee aber kaum noch retten. Schneeberge, zwei Meter hoch. „Wir sind am Ettaler Fußballplatz auf der Querlatte des Tores gesessen – wie auf einer Bank.“

Das Risiko mit dem Wetter hat er jedes Jahr. Es gehört zu seinem Geschäft. Die Natur lasse sich „nicht bescheißen“. Hans Reicherl ist ein Mann klarer Worte. Aber auch so ein Langlauf-Urviech wie er muss irgendwann mal ans Aufhören denken. Die Läufe an diesem Wochenende werden seine letzten als Chef sein. Danach gibt er das Zepter an seinen Kollegen Marc Schauberger, 32, ab. Jetzt, wo er im Mai seinen 80. Geburtstag feiert, sagt er, „muss es langen“. Auch wenn er noch fit genug wäre.

Aber vielleicht hat er dann ja Zeit für was Anderes: Er könnte sich zur Abwechslung mal selber die Skier anschnallen und am Lauf teilnehmen. Denn das hat er noch nie gemacht. Doch Reicherl winkt ab. „Ich bin der Mann fürs Organisatorische.“ Man darf davon ausgehen, dass er auch nächstes Jahr wieder mithelfen wird. Irgendwie. Hans Reicherl kann nicht anders.

Die König-Ludwig-Läufe

Am Samstag startet um 10 Uhr der 50 Kilometer lange König-Ludwig-Lauf in der freien Technik. Der Lauf in der klassischen Technik beginnt in Oberammergau am Sonntag um 9 Uhr.

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