Der Satellit ist gelandet

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600 Meter lang ist das Satelliten-Terminal, das nun eröffnet wurde. Dort fliegen ab Dienstag Maschinen der Lufthansa und ihrer Partner ab. Rts(1), Albrecht (4)

Festakt in der Flughafenwelt: Mit einem neuen Abfertigungsgebäude, Satellit genannt, erhöht der Flughafen seine Kapazitäten. Für den Passagier gibt’s weniger Bustransfers, eine glitzernde Shoppingwelt – und eine etwas rumpelige U-Bahn.

Festakt in der Flughafenwelt: Mit einem neuen Abfertigungsgebäude, Satellit genannt, erhöht der Flughafen seine Kapazitäten. Für den Passagier gibt’s weniger Bustransfers, eine glitzernde Shoppingwelt – und eine etwas rumpelige U-Bahn.

von dirk walter

München – Die neue Attraktion am Flughafen München quietscht und holpert, doch das tut der Begeisterung keinen Abbruch. Schon beim Einsteigen in die fahrerlose U-Bahn, genannt „People Mover“, zücken die ersten ihr Handy, schießen Fotos. Dann saust das Fahrzeug durch die Röhre. Fahrzeit 40 Sekunden, am Ende ertönt tatsächlich eine Stimme vom Band: „Bitte festhalten“. Upps, die U-Bahn bremst ja scharf, aber dann ist man da – im „infrastrukturellen Juwel“ des Flughafens, wie Bayerns Finanzminister Markus Söder, CSU, das neue Satellitenterminal beim Festakt am Freitag nennt.

Der 600 Meter lange Satellit ist eigentlich nur eine Erweiterung des Terminals 2, hat aber die Dimension eines mittelgroßen deutschen Flughafens wie Stuttgart oder Köln. Maximal 11 Millionen Passagiere, 27 Abstellpositionen für Flugzeuge, davon elf für die sogenannten „wide bodies“, die Großflugzeuge von Lufthansa und ihrer Star Alliance, die dieses Erweiterungsteil des Flughafens exklusiv nutzen darf. Der lästige, weil zeitraubende Bustransfer fällt künftig weg. Das imposante Gebäude steht mitten auf dem Flug-Vorfeld – daher ist es nur per U-Bahn zu erreichen.

Mit der Rolltreppe geht es dann nach oben – direkt in die glitzernde Shopping- und Gastro-Welt. Es gibt sieben Restaurants mit einem Viktualienmarkt-Imitat im Zentrum, wo am Freitag Brezen und Radieschen stapel- und bündelweise als Verzierung herhalten müssen. „Schmankerl“ heißt es an einem Stand, „Stammtisch“ an zwei Holztischen der Größe XXL. Der Flughafen will bayerische Lebensart vermitteln, auch wenn das Ganze für Einheimische wohl etwas dick aufgetragen wirkt.

Geshoppt werden darf natürlich auch. Chanel und all die anderen Läden haben probehalber für einige Stunden geöffnet an diesem Tag, da mit 1900 Festgästen eigentlich nur Einweihung gefeiert wird – der Flugbetrieb startet am Dienstag, 6.30 Uhr.

Im Satelliten werden die Reisenden nach einem ausgeklügelten System sortiert. Die pompöse Abflughalle hat zwei Ebenen: „L“ ist für Passagiere aus dem Non-Schengen-Raum, also etwa aus Nordamerika oder Großbritannien, Ebene K darunter ist für die sogenannten Schengen-Passagiere aus der EU. Beliebig hin- und herwechseln darf man ohne Personenkontrolle nicht. Kontrolliert wird überhaupt viel und gern – auch die umstrittenen Sprengstoffsuchgeräte des Typs Itemiser stehen schon bereit. Die Abteile der U-Bahnen sind hermetisch nach „Schengen“ und „Non-Schengen“ getrennt. Wohl aber kann man auf seine entsprechende Ebene im Terminal 2 wechseln – die Reisenden von „L“ gelangen mit Rolltreppen und dem „People Mover“ ohne Mühe zur Ebene H im Terminal 2, die K-Reisenden können per U-Bahn zur Ebene G im T2 rüberfahren und dort ihr Shopping-Erlebnis beträchtlich erweitern. Alles klar? „Es wird spannend, den Passagieren das zu vermitteln“, grinst Philipp Ahrens, der 39-jährige smarte Projektmanager des Satelliten.

Flughafen München und Lufthansa, die den Satelliten gemeinsam für 900 Millionen Euro gebaut haben, rechnen mit acht bis neun Millionen Passagieren im ersten Betriebsjahr. Nach und nach soll das bis auf elf Millionen Reisende gesteigert werden. „Es geht vielleicht auch ein bisschen mehr“, sagt Ahrens.

Ausgelastet ist der Satellit vorerst also noch nicht ganz – was zu Spekulationen Anlass gibt. Ist der Satellit vielleicht nur wirtschaftlich, wenn eine dritte Startbahn noch mehr Flugverkehr anzieht? Alle Beteiligten bestreiten das entschieden. „Der Satellit“, sagt zum Beispiel Markus Söder, „hat erst mal nichts mit der dritten Startbahn zu tun.“ Der Freisinger Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher, der den Satelliten an diesem Tag erstmals inspiziert, glaubt ihm das. „Letzten Endes habe ich keinen Grund, daran zu zweifeln.“ Es gehe wohl in erster Linie um eine „Entzerrung des Betriebs im Terminal 2“.

So nüchtern betrachten es die Festredner natürlich nicht. Nachdem das Symphonieorchester der Lufthansa – ja, so was gibt’s – ein Stück von Robert Schumann intoniert hat, ist Redner Söder in seinem Element. Die Superlative purzeln nur so raus, für ihn ist der Flughafen München eh „der Bayern-Flughafen“. Doch auch ein eher kühler Betrachter wie Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, SPD, nennt den Satelliten eine „hervorragende Ergänzung“ für den Flughafen. Er habe es für „mutig und sportlich“ gehalten, dass die Flughafen-Planer sich schon vor einem guten halben Jahr auf ein exaktes Eröffnungsdatum festgelegt hätten. Aber so sei es gekommen.

Die unvermeintliche dritte Startbahn kommt natürlich auch vor. Söder ist bekennender Startbahn-Befürworter, aber die Passage, in der er sie „im Moment“ nicht notwendig nennt, fällt schon auf. Wahrscheinlich weiß er schon vom neuesten Trumpf, der unter den Startbahn-Gegnern kursiert: Ministerpräsident Horst Seehofer, so heißt es, hat sich neulich persönlich beim Vorsitzenden des (im CSU-Machtgefüge eher einflusslosen) CSU-Arbeitskreises Umwelt, Josef Göppel, bedankt – für ein Votum des Arbeitskreises gegen die Startbahn. Wer zweifele noch daran, dass Seehofer sich gegen die Startbahn festgelegt habe?

Wie sich die CSU-Landtagsfraktion da auf ein Votum zur Flugpiste einigen soll, weiß freilich niemand so recht. Der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Norbert Barthle, ein CDU-Mann, nimmt die umstrittene Flugpiste nichtsdestotrotz als „bedarfsgerechte Weiterentwicklung“ pflichtschuldig in seine Rede auf. Nur sehr vage bleibt Oberbürgermeister Reiter, der ebenfalls davon spricht, der Flughafen werde sich „weiter entwickeln“, und anfügt: „Alles weitere sehen wir später.“

Dann spielen erneut die Lufthansa-Philharmoniker, der Vorhang, der bisher den Viktualienmarkt verhüllt hat, fällt – der Satellit ist gelandet. Aber das Streitthema bleibt: Am Montag wollen Startbahn-Gegner direkt am Terminal 2 demonstrieren.

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