KANADA GILT ALS MUSTERLAND FÜR INTEGRATION – AUSGERECHNET DORT NEHMEN NUN ANGREIFER EINE MOSCHEE INS VISIER UND TÖTEN SECHS MENSCHEN.

Rückschlag für Trudeaus Politik der offenen Tür?

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Ein beschauliches Städtchen im Ausnahmezustand: In Quebeck patrouillieren Polizisten mit Hunden nahe der Moschee. rts

Québec – Es ist ein kalter Sonntagabend, als sich die Gläubigen in einer Moschee im kanadischen Québec zum Gebet versammeln.

Die Männer beten im Erdgeschoss des Islamischen Kulturzentrums im Stadtteil Sainte-Foy, im oberen Stockwerk halten sich Frauen und Kinder auf. Um kurz vor 20 Uhr betritt ein in schwarz gekleideter, maskierter Angreifer das Gotteshaus und schießt auf die Betenden, wie Augenzeugen später berichten. Bald darauf sind sechs Menschen tot, fünf schweben in Lebensgefahr.

„Es war jemand, der mit Waffen umgehen konnte“, sagt ein Mann der Zeitung „Globe and Mail“, der auf dem Bauch liegend im vorderen Teil der Moschee ausharrt, als der Angreifer sein Magazin leert. Berichten zufolge ist dieser mit einer Kalaschnikow unterwegs. „Er tötete und tötete. Es war schrecklich.“

Während Ärzte um die Leben der Schwerverletzten ringen werden zunächst zwei Männer festgenommen. Der zweite Verdächtige wurde später in den Ermittlungen dann als Zeuge behandelt, teilte die Polizei am Abend auf Twitter mit. Die Ermittler bemühen sich um Aufklärung. Was trieb den Angreifer, der bei seiner Attacke „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“) gerufen haben soll, zu dem Blutbad in einem muslimischen Gotteshaus? Waren es Islamisten, die das friedliche Zusammenleben gläubiger Muslime mit anderen Religionen störte? Der Angreifer soll laut Medienberichten aus Marokko stammen.

So oder so dürfte die Tat rechten Gruppen wie Atalante Québec, La Meute und den Soldaten Odins, die anti-islamische Parolen verbreiten und Stimmung gegen Einwanderer machen, in die Karten spielen. Kanadas linksliberaler Premier Justin Trudeau, der noch vor Ende der Ermittlungen von einem Terrorakt spricht, bemüht sich um Schadensbegrenzung. Muslimische Kanadier seien ein Teil des „nationalen Gewebes“, sagt er. „Vielfalt ist unsere Stärke.“

Immer wieder wird Kanada dafür gelobt, Flüchtlinge mit offenen Armen zu empfangen, religiöse Toleranz zu leben und Migranten vom ersten Tag an beim Übergang in ihren neuen Alltag zu begleiten. Von den 765 000 Einwohnern Québecs identifizieren sich rund 6700 als Muslime. Landesweit machen Muslime 3,2 Prozent der Bevölkerung aus und stellen damit nach Christen die größte Glaubensgemeinschaft. Trudeau, der seine Politik der offenen Tür mehrfach gegen Angriffe von Rechts verteidigte, muss nun mit erneutem Widerstand rechnen.

Kommen könnte der auch von Donald Trump, dessen Rhetorik gegen Muslime aus dem Wahlkampf in Kanada in der Lautstärke noch nicht angekommen ist. Doch auch die Kanadier sind gespalten: In einer Umfrage aus Ontario gab 2016 nur ein Drittel der Befragten an, einen positiven Eindruck vom Islam zu haben. Mehr als die Hälfte der Befragten sprach von einem Gefühl, dass die islamische Lehre Gewalt fördere. Auch die gegen Muslime gerichteten Gewalttaten haben sich gemehrt.

Neun Jahre waren die Konservativen unter Stephen Harper an der Macht, ehe Trudeau das Zepter übernahm. Harpers Wahlniederlage ging 2015 ein nach kanadischen Standards unschöner Wahlkampf voraus: seine Partei setzte ein Burka-Verbot auf die Agenda, als sich ihre Schlappe abzeichnete. Der Appell an „kanadische Werte“ war das letzte – wenn auch gescheiterte – Aufbäumen eines Premiers, der mit Themen wie Einwanderungsreform, bewaffneten Einsätzen im Ausland und Skepsis gegenüber dem Klimawandel drei Wahlen in Folge gewonnen hatte.

Es ist zumindest möglich, dass bei der nächsten Wahl im Jahr 2019 ein strammerer Harper-Nachfolger nach dem Vorbild Donald Trumps antritt. Johannes Schmitt-Tegge

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