Das Rote Kreuz und der sanfte Revoluzzer

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Pflege-Skandale, starre Strukturen, Schönrederei: Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) ist ein Koloss mit allerhand Problemen. Verbandschef Leonhard Stärk, 54, probt eine stille Revolution: Er will mehr Nähe zu den Menschen – und mehr Ehrlichkeit. Das finden nicht alle gut.

Der neue Kurs von Leonhard Stärk

Pflege-Skandale, starre Strukturen, Schönrederei: Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) ist ein Koloss mit allerhand Problemen. Verbandschef Leonhard Stärk, 54, probt eine stille Revolution: Er will mehr Nähe zu den Menschen – und mehr Ehrlichkeit. Das finden nicht alle gut.

Von Carina Lechner

München – Neulich landete ein Beschwerdebrief direkt beim Chef. Ein älterer Herr bat Leonhard Stärk höflich darum, bei seiner Frau im Pflegeheim doch bitte zwei, drei Bilder aufhängen zu dürfen. Die Heimleitung habe das verboten. Stärk, Landesgeschäftsführer beim Bayerischen Roten Kreuz, griff ungläubig zum Hörer, rief in der Einrichtung an und sagte: „Nehmt sofort einen Hammer und haut die Nägel in die Wand!“

Genau darum geht es Leonhard Stärk: anpacken, ganz pragmatisch. Und Lösungen finden, so einfach wie möglich. Den Leuten zuhören, in den Heimen, an der Basis. Stärk will seinen Laden umkrempeln. Das Rote Kreuz soll weniger Verband sein, mehr Gemeinschaft. Stärk will keine sperrigen Strukturen. Und um das große Ganze zu erreichen, muss man sich manchmal auch mit Kleinigkeiten herumschlagen. Und seien es Bilder an der Wand.

Ein Freitagnachmittag in München. Stärk, 54, graue Haare, schwarzer Anzug, steht noch unter Strom. Gerade hat er im Sozialministerium verhandelt, jetzt wartet die Basis auf ihn – am anderen Ende Bayerns, 240 Kilometer entfernt. In der Kleinstadt Kemnath weihen sie ein neues Rot-Kreuz-Haus ein. „Einer unserer besten Kreisverbände“, sagt Stärk, er runzelt anerkennend die Stirn. Er steigt zu seinem Chauffeur ins Auto und sagt: „Auf geht’s.“

80 000 Kilometer fährt er im Jahr, von einer Einrichtung zur nächsten. Die Hälfte der 124 hat er schon besucht, an manchen Autobahnraststätten kennt ihn sogar das Personal. Dazu Sitzungen, viele in Berlin, das BRK ist mit Abstand der größte Landesverband im Deutschen Roten Kreuz. Oft sitzt Stärk selbst am Steuer, manchmal, wie für die Fahrt in die Oberpfalz, borgt er sich einen Bundesfreiwilligendienstleistenden – damit er während der Fahrt arbeiten kann. Dann sitzt er auf dem Rücksitz – nicht wie einer, der sich kutschieren lässt: „Das kommt so wichtigtuerisch“, sagt er, und klopft dem jungen Fahrer auf die Schulter: „Ich sitz lieber bei Dir vorne, gell.“ Der Bursche grinst. „Klar, Chef.“

Leonhard Stärk ist 54 Jahre alt, aufgewachsen in der Nähe von Mainz, eine rheinländische Frohnatur. Er lacht gerne, wirft nicht wie viele Verbandsleute mit Floskeln und Fachbegriffen um sich. Beim BRK ist er seit 2011 zuständig für 11 000 Pflegebetten. Und für einen neuen Kurs: Er will mehr Transparenz, mehr Offenheit, mehr Kommunikation. Und weniger Lügen. Und so kämpft er zum Beispiel gegen die alte Dauer-Lüge, wonach in der Altenpflege alles bestens läuft.

Stärk ist nämlich auch Pflege-Boss, und sein Schlüsselerlebnis hatte er Ende 2010, in Augsburg-Haunstetten. Verzweifelte Heim-Mitarbeiter wenden sich damals an den bekannten Pflegekritiker Claus Fussek. Sie berichten von ihrem Horror-Kollegen Ali L. Er zerrte die Alten über den Gang, drehte ihnen den Arm auf den Rücken, wenn sie nicht schnell genug gingen. Unruhige Demenzkranke packte er so heftig an den Handgelenken, dass ihnen die dünne Haut aufriss. Das Schlimmste: Die Heimleiterin, bei der sich seine Kollegen mehrfach beschwerten, nahm Ali L. in Schutz, deckte ihn bis zuletzt.

Von diesen Grausamkeiten erfährt damals zuerst die Presse. Dann Leonhard Stärk. Er sucht Rat bei Fussek. Als er in dessen Büro die anonymen Schreckens-Berichte liest, kommen ihm, dem 1,92-Meter-Mann, fast die Tränen. Manchmal muss er knallhart managen. Aber die Missstände in Augsburg treffen ihn im Innersten. „Dass es so schlimm ist, habe ich mir nicht vorstellen können“, sagt er später. Die Schlagzeilen über den „Horror-Pfleger“ fliegen ihm nur so um die Ohren, er kann bloß reagieren, wirft Ali L. und die Heimleiterin raus – und zeigt sie an. Und Stärk beschließt: „So geht es nicht weiter.“

Damals hat er gelernt: Missstände darf man nicht kleinreden. Heute sagt er: „Wer behauptet, im Altenheim gibt es keine Mängel  – der ist nicht von dieser Welt.“ Dem eifrigsten Kämpfer gegen die Pflege-Missstände, Fussek, gibt Stärk damit Recht. Der prangert seit Jahren eine „Allianz des Schweigens“ an. In Fusseks neuem Buch („Es ist genug! Auch alte Menschen haben Rechte“) sagt Stärk: Unter den aktuellen Bedingungen können Pflegekräfte nicht mehr fehlerfrei pflegen: der Personalschlüssel veraltet, die Menschen immer älter und aufwändiger zu pflegen.

Stärk ist kein lauter Umwälzer, eher ein sanfter Revoluzzer. Er will nicht ständig rumlaufen und schreien: Alles muss anders werden! „Ich bin kein Robin Hood der Ehrlichkeit“, sagt er. Er werkelt im Stillen, im Kleinen. Und doch wirbelt er mit seiner Offenheit die Branche durcheinander, die bei Problemen gern „unglückliche Einzelfälle“ vorgibt. Als erster Pflegeboss reißt er die Mauer des Schweigens ein. Ein hartes Stück Arbeit.

Den ersten Stein hat er nach Augsburg-Haunstetten abgetragen: Zusammen mit der BRK-Präsidentin, Christa Prinzessin von Thurn und Taxis, schickt er einen Brief an alle Mitarbeiter: Sie sollen Missstände doch bitte nicht nur Fussek und Journalisten erzählen, sondern auch ihm. Führungskräften sagt er: Nehmt die Beschwerden ernst! Er lässt eine spezielle Notrufnummer einrichten, mit direktem Draht zu ihm. Er verspricht Zeugenschutz, stellt sich öffentlich vor Pfleger, die auspacken und von Kollegen als „Nestbeschmutzer“ gemobbt werden.

Die Folge: Dutzende Beschwerden laufen bei ihm ein, Pfleger schimpfen über Führungskräfte und ihre Belastung. Um vieles kümmert er sich selbst, irgendwann delegiert er manches, weil ihm die Zeit fehlt. Er ist im BRK nicht nur für die Pflege zuständig, sondern auch für Katastrophenschutz und Ehrenamt. Drei dicke Brocken. Sein Terminkalender ist vollgepackt.

Und deswegen rutscht er jetzt, auf der Autobahn, ungeduldig auf seinem Sitz herum. Es ist schon der dritte Stau, seit der Abfahrt in München. „Ich komm’ zu spät“, grummelt er. Stärk postet während der Fahrt Staubilder auf Facebook – zur Entschuldigung. Auch das versteht er unter Kontaktpflege. Er wirft sich vor, das anfangs nicht intensiv genug betrieben zu haben, und sagt: „Entscheider müssen immer wieder runter, zur Basis.“ Das habe er von seinem früheren Chef gelernt, Ron Sommer bei der Telekom.

Denn früher flog Leonhard Stärk in der Luxus-Klasse um die Welt. In den 90ern ist er ein Manager, der alle Privilegien genießt. Für die Telekom verkauft der Jurist den Russen in Moskau Satellitennutzungsrechte und Handynetze – bei Schampus, Wodka, Kaviar. Er findet es aufregend, binnen fünf Tagen die Strecke München - Moskau - Frankfurt - Washington - München runterzureißen. Doch wenn er am Freitagabend vom Münchner Flughafen heim nach Miesbach fährt, das Fenster runterkurbelt, tief einatmet, merkt er, wie sehr ihm seine Frau und seine beiden Töchter fehlen. Also lässt er sich nach Weilheim zur oberbayerischen Telekom-Niederlassung versetzen. Von dort wirbt ihn ein Headhunter ab. Er soll den BRK-Blutspendedienst retten, damals gebeutelt von einem millionenschweren Schmiergeld-Skandal. „Wir brauchen einen von außen, der aufräumt“, sagen sie. Stärk, das Arbeitstier, sagt zu. Und vor allem will er endlich wissen, wie es ist, die ganze Woche bei der Familie zu leben. Und so landet einer, der zuvor nicht einmal Blut gespendet hat, beim Roten Kreuz.

Der Manager-Luxus fehlt ihm vier Wochen lang. Dann stellt er sich um: „Das ist alles so unwichtig“, sagt er heute. An der linken Hand trägt er einen großen Silberring – vor vielen Jahren, als Stärk für den Blutspendedienst in Afrika war, hat ein Goldschmied ihm den geschenkt. Seitdem legt er ihn nicht mehr ab.

Statussymbole von früher sind ihm egal. Das einzige, was er vermisst, ist das Tempo: Das Bayerische Rote Kreuz mit seinen zig Kreisverbänden, dutzenden Gremien, tausenden Ehrenamtlichen ist ein gewaltiger Trupp, in dem viele um ihre Meinung gefragt werden möchten. Auch daran arbeitet er: „Wir müssen zusammenwachsen.“ Die da oben und die da unten.

In die Einweihungsfeier in Kemnath platzt Stärk, als der Bürgermeister gerade das Grußwort spricht. Er schleicht sich gebückt durch die Reihen, setzt sich auf den Platz, den sie ihm ganz vorne freigehalten haben. Er hört zu, schießt mit seinem Handy Fotos, spricht kurz, lobt die 6000 Arbeitsstunden der Ehrenamtlichen. Dann lässt er sich das neue Haus zeigen, das neue Auto, den neuen Wiederbelebungsroboter. Er schüttelt Hände, klopft auf Schultern, fragt nach der Ehefrau, nach dem Kilometerstand des Einsatzfahrzeugs: „Braucht ihr dafür Schneeketten?“ In Kemnath freuen sie sich, dass „der Chef“ so weit gefahren ist, das sagen sie ihm immer wieder. Sie merken: Der kümmert sich um uns. Der nimmt uns ernst.

Stärk kommt sehr nahe ran an die Basis. Manche finden: zu nah. Je enger der Kontakt zu den Mitarbeitern, umso schwieriger wird es für ihn als Manager, der auch sehen muss, dass die Kasse stimmt. Das zwingt Stärk in einen Spagat: An einem Tag hört er von den Nöten einer alleinerziehenden Altenpflegerin, die Schwerstarbeit leistet und mit ihrem Gehalt kaum über die Runden kommt. Am nächsten Tag muss aber er die Gewerkschaft in die Schranken weisen, die 5,8 Prozent mehr Gehalt für Pflegekräfte will. „Zu viel“, muss er dann sagen. 5,8 Prozent Aufschlag – das wären beim BRK 45 Millionen Euro Mehrkosten im Jahr. „Das geht nicht, das kriegen wir nicht refinanziert“, sagt Stärk. Im Hinterkopf hat er: Jedes zweite BRK-Heim schreibt rote Zahlen. Andere Pflegebosse, der ehemalige Leiter des München-Stifts Gerd Peter zum Beispiel, finden: „Wer will, der kann.“ Stärk sagt dazu: „Dann soll mir einer sagen, wie.“

Sensibler Chef und kühler Manager in einem sein zu müssen – das zerreißt Stärk manchmal. Denn im Kern ist er ein Gefühlsmensch. Hat er sich besonders geärgert, setzt er sich selbst ans Steuer, legt eine CD ein, die ihm die Fahrer-Zivis im Auto gelassen haben. „Irgendwas Hartes“, sagt er – und lacht.

Sein wichtigster Ausgleich: die Familie. Die Sonntage hält er sich frei, das braucht er. Dann geht er in Miesbach in seinen Keller hinunter und bastelt an seiner Märklin-Eisenbahn – das Hobby teilt er mit Horst Seehofer. Neulich hat Stärk eine neue Schaltung installiert, jetzt kann er zwei Züge zugleich fahren lassen. „Wenn die so getaktet sind, dass die genau aneinander vorbeifahren und nicht zusammenkrachen“, sagt er. „Das ist so schön.“

So reibungslos ist sein Job nicht. Intern hört er oft: Mach uns nicht so schlecht! Führungskräfte nervt, dass Stärk manchmal ein engeres Verhältnis zu ihren Mitarbeitern hat als sie selbst. Manchen Wohlfahrtsverbänden ist er zu forsch. Als eine Pflegerin, die einen Skandal aufgedeckt hatte, trotz Rückendeckung von Stärk von ihren Kollegen ausgegrenzt wurde und schließlich kündigte, gab man ihm die Schuld.

Und sogar manche Angehörige von Heimbewohnern irritiert sein Kurs. In Augsburg-Haunstetten zum Beispiel lud der Heimbeirat ein Jahr nach dem Skandal die Presse ein. Sie wollten bei Kaffee und Kuchen zeigen, dass es im einstigen Skandalheim jetzt rund läuft. Sie wollten von den Nachbarn und Verwandten nicht mehr gefragt werden: „Wie kannst du dort nur deine Mutter lassen?“ Stärk aber bremste das Manöver aus – und mahnte: „Hier läuft noch längst nicht alles glatt.“

Und doch erntet er erste Früchte: Der Gesamtbetriebsrat der BRK-Tochter Sozialservice-Gesellschaft, unter deren Dach einige Krisen-Heime vereinigt sind, stellt sich öffentlich hinter Stärk und seine Forderung nach einem offenen Umgang mit Fehlern. Immerhin 2500 Mitarbeiter vertritt der Betriebsrat. Auch die BRK-Präsidentin von Thurn und Taxis unterstützt ihn: „Sie legen den Finger in die Wunde“, hat sie zu Stärk gesagt. Sogar Pflegekritiker Claus Fussek lobt ihn – nur wird das Stärk auch immer mal wieder vorgehalten, von Leuten, für die Fussek ein Feind der Pflege ist.

In Kemnath ist es schon dunkel, als Stärk sich am Grillstand eine Bratwurst kauft. Noch eine Verabschiedungsrunde, noch eine. Dann fällt sein langer Körper in den Autositz. Stärks Augen sind gerötet – die Kontaktlinsen zwicken. Er lockert seine Krawatte, schnauft aus. „Wie lange bis nach Miesbach?“, fragt er. „Knapp drei Stunden“, sagt der Fahrer. Stärk schaut ein paar Minuten still aus dem Fenster. Dann klappt er seinen Computer auf, die Bilder von der Feier will er gleich auf Facebook stellen. Noch hat er keine Internetverbindung, er probiert es immer wieder, sucht die besten Motive aus. „Ach, die Leute sind so toll“, sagt er und seufzt. Er überlegt kurz. Dann sagt er: „Für die alle lohnt es sich, hin und wieder anzuecken.“

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