ZWEI BÜCHER NÄHERN SICH ANGELA MERKEL AUF SEHR UNTERSCHIEDLICHE WEISE – DAS EINE LÄSST DEN ZORN WACHSEN, DAS ANDERE MACHT SCHLAUER

Die Reiterin der Apokalypse

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Flucht und ihre Ursachen: Angela Merkels Politik bleibt umstritten. Das Bild zeigt sie bei einem Afrika-Besuch. Foto: dpa

München – Ist Angela Merkel an allem schuld? Sicher, das ist sehr grob gefragt, aber es scheint einen Teil der Deutschen wirklich umzutreiben.

Deshalb landen Bücher rund um die Kanzlerin derzeit weit oben auf den Bestsellerlisten. „Die Getriebenen“ von Robin Alexander hält sich schon seit Wochen dort – „Merkel. Eine kritische Bilanz“ von Herausgeber Philip Plickert ist gerade in die Top 20 der Spiegel-Sachbuchliste geklettert. Dabei könnten beide Bücher unterschiedlicher kaum sein.

Während Welt-Journalist Robin Alexander präzise aufschlüsselt, wie und unter Mitwirkung welcher Akteure sich die Grenzöffnung für ein paar Tausend Flüchtlinge Ende 2015 zu einem monatelangen Ausnahmezustand auswachsen konnte, ist die Aufsatzsammlung von FAZ-Wirtschaftsredakteur Plickert eine derbe, bisweilen polemische Abrechnung mit zwölf Jahren Merkel. Kurz vor der Bundestagswahl mag das gut für die Verkaufszahlen sein. Aber die 250 Seiten Volkszorn sind eher mittelgut verdaulich.

22 Autoren, darunter SPD-Irrlicht Thilo Sarrazin, „Bluse-zu!“-Autorin Birgit Kelle und Roland Tichy, dürfen sich ihren Merkel-Frust von der Seele schreiben. Dabei wird der Kanzlerin wahlweise Scheinriesentum, Opportunismus, ein autoritärer und stalinistischer Politikstil, aber auch Hässlichkeit vorgeworfen. Sie trage nicht nur die Verantwortung für die vermeintliche Überfremdung Deutschlands, sondern, zumindest teilweise, auch für den Brexit und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Energiewende, Euro-Politik, das Verhältnis zu Osteuropa – laut Buch ist das alles ein einziges Desaster. Und Merkel ist die Reiterin der Apokalypse.

Dabei ist seriöse Kritik nötig. Einige Thesen schaffen es sogar, aus dem Gebell herauszutreten. Wenn der Medienwissenschaftler Norbert Bolz Merkel vorwirft, „Schweigen als Waffe“ zu gebrauchen, dann ist da was dran. Wer würde bestreiten, dass unter der Schöpferin der Alternativlosigkeit die politische Diskussionskultur arg gelitten hat? Auch über die Gedanken der Soziologin Necla Kelek über das Verhalten mancher „Integrationsverweigerer“ muss man unbedingt sprechen.

Schwer erträglich wird das Buch immer dann, wenn es um die Flüchtlingskrise geht. Zwar lässt auch Robin Alexander in seinem Bestseller eine gewisse Wut auf das Merkelsche Durchlavieren in jenen schicksalhaften Monaten durchblicken. Aber während er immer wieder die hervorragend recherchierten Fakten sprechen lassen kann und auch andere Verantwortliche nennt, greifen bei Plickert die üblichen Verdächtigen auf ihren üblichen Anti-Merkel-Sermon zurück.

Dass zum Beispiel Wolfgang Ockenfels den Sozialstaat gegen die christliche Caritas ausspielt und behauptet, Barmherzigkeit gehöre in die Kirche, nicht in ein Staatswesen, ist für einen Theologen schon allerhand. Aber an die kalte Technokratenlogik eines Thilo Sarrazin kommt er nicht heran. Mit viel gutem Willen könnte man über seine Behauptung, die Flüchtlinge würden den deutschen Steuerzahler eine Billion (!) Euro kosten, ja noch debattieren. Dazu müsste er aber aufhören, über Menschen zu sprechen, als seien sie mehr oder weniger wertvolle Kiloware beim Metzger um die Ecke.

Plickert verspricht in seinem Vorwort eine „differenzierte, ehrliche Analyse“ der letzten zwölf Regierungsjahre. In Wirklichkeit liefert er ein Scharfmacher-Buch mit einer klaren Agenda. Sie heißt: Merkel muss weg. Einzig der Historiker Michael Wolffsohn spricht sich für die Kanzlerin aus, weil sie 2015 einem „Humanitären Imperativ“ gefolgt sei – er tut es aber nur in Form einer „Beichte“.

Wer schon immer wusste, dass die Kanzlerin an allem schuld ist und die Lust verspürt, sich an x-fach durchgenudelten Anti-Merkel-Tiraden zu berauschen, dem sei dieses Buch empfohlen. Statt Erkenntnis mehrt es den Zorn. Mit Robin Alexanders „Die Getriebenen“ ist es genau umgekehrt. Marcus Mäckler

Robin Alexander

„Die Getriebenen: Merkel und die Flüchtlingspolitik“, Siedler, 288 Seiten, 19,99 Euro.

Philip Plickert

„Merkel: Eine kritische Bilanz“, Finanz Buch Verlag, 256 Seiten, 19,99 Euro.

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