Der rätselhafte Abgang des Agenten

Seine ungewöhnlichste Aktion: BND-Präsident Gerhard Schindler enttarnt 2014 den Horchposten Bad Aibling. Foto: dpa
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Seine ungewöhnlichste Aktion: BND-Präsident Gerhard Schindler enttarnt 2014 den Horchposten Bad Aibling. Foto: dpa

Der BND-Chef wird entlassen. Auf diesem Posten ist das nicht mal was Besonderes. Ungewöhnlich ist aber der Zeitpunkt: Diverse Affären hatte Gerhard Schindler doch schon überstanden.

Bundesnachrichtendienst

Der BND-Chef wird entlassen. Auf diesem Posten ist das nicht mal was Besonderes. Ungewöhnlich ist aber der Zeitpunkt: Diverse Affären hatte Gerhard Schindler doch schon überstanden.

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

München/Berlin – Der Chefagent ahnte wohl, dass es zu Ende geht. Neulich in kleiner Runde ließ Gerhard Schindler ein, zwei lockere Nebensätze fallen, wie schnell man diesen Job wieder los sein könne. Sonderlich betrübt habe er nicht gewirkt, sagen Augenzeugen, eher „ein bisschen selbstironisch“. Jetzt ist es so weit: Schindler wird im Juli als Präsident des Bundesnachrichtendienstes abgelöst, gegen seinen Willen.

Tatsächlich weiß Schindler seit zwei Wochen, dass ihn die Bundesregierung austauschen will. Ihm soll sein freiwilliger Rückzug aus gesundheitlichen Gründen nahegelegt worden sein, wird in Berlin berichtet, vielleicht solle er seinen Hörsturz erwähnen. Der Ex-Fallschirmspringer (63), ein drahtiger Jogger von eiserner Disziplin, fühlt sich allerdings wieder fit. Er weigerte sich und wird nun, wie das bei politischen Beamten in Berlin jederzeit möglich ist, in den Ruhestand versetzt.

Warum, sagt offiziell keiner. „Die Wege des Herrn sind unergründlich“, sagt der abberufene Präsident am Mittwoch, ehe er das Kanzleramt verlässt. Weiter äußert er sich nicht, auch die Regierung legt keine Gründe vor.

Eigentlich stürzt Schindler spät. Manche staunten schon, dass er mit seinem FDP-Parteibuch den Regierungswechsel 2013 überstand. Oder das Affärchen, als er in seinem Dienstjet (so was hat der BND-Chef als einziger Beamter) einen Teppich für einen FDP-Minister aus Kabul zurücktransportierte.

In seine vierjährige Amtszeit fällt auch – und das wiegt schwerer – der Ärger um die Zusammenarbeit mit dem US-Geheimdienst NSA in Bad Aibling, das Ausspionieren europäischer Verbündeter. Stundenlang vernahm im Bundestag der NSA-Untersuchungsausschuss Schindler. Kanzlerin Merkel ließ ihre Unzufriedenheit übermitteln. Sie war es, die nun auch auf Anraten ihres erfahrensten Ministers Wolfgang Schäuble den Daumen senkte. Die Personalie des BND-Chefs soll 2017 im Wahlkampf vergessen sein.

Hinzu kommt, dass sich ein weiterer Konflikt ankündigte. Schindler dringt auf ein neues Gesetz, das die Kompetenzen des Nachrichtendienstes im Ausland genauer regelt. Er will mehr Spielraum für seine Agenten und war bereit, sich dafür mit der Politik anzulegen. Sich im Nahen Osten in Terror-Organisationen einzuschmuggeln, aber jeden deutschen Paragrafen einzuhalten – das funktioniert aus seiner Sicht einfach nicht.

„Ein Bauernopfer“, urteilen die Grünen. Auch die von Schindlers Kompetenz überzeugte CSU murrt leise, die SPD nimmt den Wechsel hin. Das Problem landet nun bei Schindlers Nachfolger Bruno Kahl (53). Dessen Leben wird sich komplett auf den Kopf stellen. Als Abteilungsleiter für Irgendwas im Finanzministerium interessierte sich keiner für ihn. Als BND-Chef verwaltet er Staatsgeheimnisse, die 6500 Mitarbeiter sammeln. Er ist dann Deutschlands bestgeschützter Beamter, geht keinen Meter mehr ohne bewaffnete Personenschützer, vor der Tür zwei gepanzerte Mercedes mit Berliner Kennzeichen.

Kahls Aufgabe soll sein, den BND umzubauen, stärker auf den Kampf gegen den Terror zu fokussieren. Und auch: Von Berlin aus zu führen, der Abzug aus Oberbayern läuft ja bereits, dort bleiben nur gut 1000 Mitarbeiter.

Im Pullacher Dienstsitz des BND in einem alten, hässlichen Naziviertel hängt im Chefgebäude eine Bilderreihe der Präsidenten. Bekannte sind dabei, Klaus Kinkel zum Beispiel. Schindler stand neulich, locker in Jeans, vor den Fotos. Was bleibt von ihm, wenn sein Nachfolger den Dienst umbauen soll?

Vor allem wohl die beispiellose Transparenz-Offensive. Schindler enttarnte persönlich die bisher geschützten BND-Gebäude, schraubte Türschilder an, beendete die teils albernen Decknamen. In Berlin, in der riesigen neuen Zentrale des Dienstes, ließ er ein Besucherzentrum installieren, das symbolische Gegenteil jeder Geheimniskrämerei. „Wir wollen nicht mystifiziert werden“, sagte er mal, sondern als „Dienstleister“ auf hohem Niveau wahrgenommen werden.

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