JEWGENI PRIGOSCHIN IST EINER JENER RUSSEN, DIE US-ERMITTLER MUELLER VOR GERICHT BRINGEN WILL – VORWURF WAHLMANIPULATION

Putins Koch und Informationskrieger

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Jewgeni Prigoschinsoll in den USA vor Gericht

Moskau – Angeklagt zu werden ist nichts ganz Neues für den Mann, den sie in Moskau „Putins Koch“ nennen: Jewgeni Prigoschin.

Der 56-jährige Russe mit den guten Beziehungen zum Kreml-Chef, den US-Sonderermittler Mueller jetzt vor Gericht bringen will, wurde in der Sowjetunion 1981 wegen Raubes, Betrugs und Zuhälterei von Minderjährigen zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Neun Jahre saß er ab, bevor er 1990 begnadigt wurde. Gerade rechtzeitig, um in den Wirren der Perestroika sein Glück zu finden.

Er brachte es zum erfolgreichen Geschäftsmann – keine Ausnahme in den wilden Zeiten in „Russlands krimineller Hauptstadt“, wie Sankt Petersburg in den 90ern genannt wurde. Eine der wichtigsten Figuren in der Millionenstadt an der Newa damals: Wladimir Putin, Vize-Bürgermeister, zuständig für Außenhandelsbeziehungen. Die Übergänge zwischen Stadtregierung, organisierter Kriminalität und KGB oder FSB, für den Putin zuvor diente, seien damals fließend gewesen, berichten Zeitzeugen. Der öffentlichkeitsscheue Prigoschin machte in den frühen 90ern das erste große Geld just in dem Bereich, für den Putin als Vizebürgermeister zuständig war: im Glücksspiel. So lernte er den heutigen Präsidenten kennen.

Neben Glücksspiel machte der Mann auch in Fast Food. So eröffnete er den ersten Hotdog-Stand in Leningrad, wie Sankt Petersburg damals hieß. Weil Senf damals noch Mangelware war, musste er ihn zuhause selbst zusammenmischen. Das Rezept kam offenbar an: Prigoschin stellte eine kleine Hotdog-Kette auf die Beine.

Nachdem Putin an die Macht kam, blühten Prigoschins Geschäfte auf. Deshalb geriet der Geschäftsmann später ins Visier des Korruptionsbekämpfers und Oppositionsführers Alexej Nawalny. Der veröffentlichte im vorletzten Jahr ein Enthüllungsvideo über den „Gastronomen“, wie Prigoschin auch genannt wird. Demnach richtete der Geschäftsmann 2003 den Geburtstag Putins aus – was ihm den Spitznamen „Putins Koch“ einbrachte. Zudem versorgte er das Petersburger Wirtschaftsforum kulinarisch – ebenso wie die Gäste der Amtseinführung von Präsident Dmitri Medwedew 2008.

Das war geschäftsfördernd: Im Anschluss bekamen seine Firmen Großaufträge für Kantinen in den Schulen Moskaus und Sankt Petersburgs, so Nawalny. Prigoschin wurde den Angaben zufolge auch mit der Versorgung von Teilen der Armee und des Katastrophenschutzes beauftragt. Prigoschins riesiger Wohlstand war einige Zeit auch auf Instagram dokumentiert: Seine Tochter Polina zeigte dort Fotos der Jacht sowie des Privatflugzeugs, nicht ohne deren noble Ausstattung zu betonen. Beeindruckend sind auch die Aufnahmen, die Nawalny mit einer Drohne machen ließ, die über das imposante Anwesen der Familie Prigoschin flog.

Daneben betreibt der Milliardär nach zahlreichen Berichten einen regelrechten Troll-Konzern mit dem Namen „Agentur für Internet-Forschungen“ (AII). Deren Aufgabe ist laut dem Moskauer Internet-Portal „The Insider“: Kampf gegen die Kreml-Gegner im Internet. Prigoschin gilt als Moskaus wichtigster Informationskrieger. Seine Mitarbeiter müllen nicht nur die russischen sozialen Netzwerke und Foren zu, sondern auch ausländische. Genau das hat Prigoschin jetzt ins Visier von Sonderermittler Mueller gebracht.

Er wirft dem gebürtigen Petersburger und zwölf weiteren Russen vor, die Wahl in den USA 2016 beeinflusst zu haben. Im Mai 2014 geleakte Unterlagen nähren diesen Verdacht. Sie erlaubten erstmals einen Einblick, wie Prigoschins Troll-Arbeit bei ausländischen Medien und sozialen Netzwerken funktioniert, welche Aufgaben die Trolle haben und wer ihre Ziele sind. Die Mitarbeiter der „Auslandsabteilung der AII“ – sind in vier Richtungen tätig: Soziale Netzwerke (Twitter und Facebook), YouTube, Foren und Kommentare unter den Artikeln ausländischer Medien. Auftrag der Trolle ist das Verbreiten von positiven Meldungen über Russland und negativen über seine Feinde. Wie die Troll-Kommentare aussehen, davon kann man sich anhand der Video-Drehbücher eine Vorstellung machen. Igor Osadatschin, der Leiter des Projekts „Übersetzer“ mit einem Gehalt von 100 000 Rubel, lässt sich dabei wie folgt aus (Satzbau und Interpunktion wie im Original): „Amerika, sehr schmutzige Bilder, harte Musik, traurige, Obdachlose, Hängematten, Dicke, Prostituierte, Drogenabhängige, unglückliches Büro-Plankton, das von Krediten gequält wird, und eine im Fett schwimmende Oberschicht an der Macht als Kontrast, Text mit statistischen Daten und Ziffern. Schluss-Text: ›American dream?‹“ Auf Facebook, Twitter und in ihren Kommentaren nutzen die Trolle gefälschte Accounts. Sie geben dann etwa an, Amerikaner zu sein. Boris Reitschuster

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