Das Projekt Heimat

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Erst hielten es alle für einen Scherz von Horst Seehofer. Nun nimmt das Projekt Formen an: Im Heimatministerium in Nürnberg schrauben nicht mehr nur Handwerker. Ob das Experiment Erfolg hat, hängt von einem Staatssekretär ab. Ein Baustellenbesuch.

Ministerium in Nürnberg

Erst hielten es alle für einen Scherz von Horst Seehofer. Nun nimmt das Projekt Formen an: Im Heimatministerium in Nürnberg schrauben nicht mehr nur Handwerker. Ob das Experiment Erfolg hat, hängt von einem Staatssekretär ab. Ein Baustellenbesuch.

von Mike Schier und Christian Deutschländer

Nürnberg – Es gibt Dinge, die könnte sich nicht mal ein Markus Söder besser ausdenken. Unten, im Keller der neuen Nürnberger Zweigstelle seines Finanzministeriums, gibt es einen Tresorraum. Man muss zwei mannsdicke Stahltüren aufwuchten, sie führen in einen Raum voller Schließfächer, geheimnisvoll in dunkelblaues Licht getaucht. Hier könnte man prima die letzten Geldreserven vor den ausufernden Wünschen der anderen Minister verstecken. Oder bei den Verhandlungen zum Finanzausgleich allzu forsche Bürgermeister einsperren. Oben, im großen Foyer, würde sie keiner schreien hören.

Nürnberg, Bankstraße 9, gleich hinter der Lorenzkirche. Früher war hier die Bayerische Staatsbank untergebracht, heute das viel diskutierte Heimatministerium, genauer: die Zweigstelle des Staatsministeriums für Finanzen, Landesentwicklung und Heimat. Architekturkenner bejubeln den Bau des legendären Sep Ruf als Meisterwerk, Banausen stehen vor einem nüchternen Bürobau aus den 50ern. „Ja mei“, sagt der Staatssekretär Albert Füracker und zögert einen Moment zu lange. „Ich bin jetzt nicht der architektonische Oberspezialist.“ Dann schiebt er nach: „Das Haus ist wirklich toll.“

Was soll er sonst sagen? Füracker ist so etwas wie der Hausherr. Klar, dieses Heimatministerium ist vor allem eine Spielwiese für Söder, dem nürnbergerischsten aller Nürnberger CSU-Politiker. Aber die Fäden laufen bei seinem neuen Staatssekretär zusammen, der hier seinen Hauptsitz hat – als erstes Kabinettsmitglied außerhalb Münchens, seit 1806 übrigens. Noch steht in seinem Büro im ersten Stock nur eine Leiter. Bis Juli soll es einen Schreibtisch geben. Unter Fürackers Schuhen zerbröseln Gipsplatten, von der Decke hängen Kabel. „Was weiß ist, ist fertig“, ruft ein Bauarbeiter. Aha.

Füracker war schon länger nicht mehr oben. Wie die Chefbüros mal aussehen, ist ihm egal. In seinem Provisorium unten im Erdgeschoss hängt kein einziges Bild, der neue Teppich stinkt noch. „Da bin ich leidenschaftslos. Ich will’s nicht übertrieben haben mit zu viel Schnickschnack.“ Sein Hauptbüro sei ohnehin weder in München noch in Nürnberg – sondern die Rückbank seines Dienstwagens.

Fürackers Baustelle ist dafür das wohl interessanteste Projekt der neuen Regierung. Am Anfang haben alle über Seehofers Idee gelächelt, weil Heimat in der CSU immer nur Gamsbart und Gebirgsschützen hieß. Jetzt redet Füracker von strukturschwachen Gebieten, die er mit schnellem Internet versorgen soll. Ein Mammutprojekt, an dem mancher Minister gescheitert ist. Aber Füracker will mehr. „Dieses Haus steht für die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, wie sie die bayerische Verfassung vorsieht.“

Der Satz lässt aufhorchen, weil Füracker kein Mann der großen Töne ist. Der ruhige, nüchterne Landwirt aus der Oberpfalz wirkt wie ein Gegenentwurf zu seinem Minister. Über Karriere sprach er nie. Die schnelle Schlagzeile meidet er. „Auch ein Tag ohne Journalistenkontakt kann ein guter Tag sein.“ Er werkelt hinter den Kulissen: 20 Beamte haben ihre Büros bezogen, im Juli folgen die nächsten 40. Irgendwann sollen es 100 Staatsdiener sein. Dann wird’s ernst. Füracker muss beweisen, ob sein Haus mehr ist als ein Marketinggag zur fränkischen Seelenberuhigung.

Die Opposition bezweifelt das eh. SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher verspottete den Nürnberger Dienstsitz von Anfang an als „Home office“ für Söder. Auch heute noch nennt er die Zweigstelle „die Fortsetzung des CSU-Zentralismus mit einer anderen Postadresse“. Bisher könne er „aus dem großstädtischen Headquarter keine Lösungen für den ländlichen Raum vernehmen“. Auch Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann sagt: „Heimat ist mehr als schnelles Internet.“ Allein mit dem Breitbandausbau seien die Probleme des ländlichen Raums auch nicht gelöst.

Wäre Füracker nicht so ein ruhiger Zeitgenosse, müsste er sich über sowas ärgern. Er redet sehr ernsthaft über seine Mission. Wer aus der Oberpfalz kommt, kennt die Probleme. Er hätte sie in Neumarkt als Landrat lokal verwalten können, lieber will er als Staatssekretär bayernweit ran. Kreuz und quer fährt er durch den Norden des Freistaats. Der Breitbandausbau ist eingetütet. „Alle sagen: ,Ein Quantensprung im Vergleich zu dem, was bislang passiert ist.‘“ Nur bis sein Erfolg sichtbar wird, muss er warten.

Die Nürnberger Beamten reißen derweil eine analoge Großbaustelle auf. Sie arbeiten vertraulich an Plänen, weitere Behörden aus dem reichen München abzuziehen. Das fällt unter den Bereich Landesentwicklung. So wie die Beamten-Fachhochschule aus Herrsching, die nach Kronach zieht. Der Franke Söder und der Oberpfälzer Füracker wollen offenbar bis an die Schmerzgrenze gehen. „Die Arbeitsplätze, die in München nicht zwingend sein müssen, kommen für eine Verlagerung in Betracht“, sagt der Staatssekretär knapp. „Das wird ein längerfristiger Prozess sein.“

Der Prozess war, wen wundert’s, für die Zeit vor der Europawahl ausgesetzt. Man ahnte, dass es Frust in der Stadt gegeben hätte. Söder räumt ein, anfangs hätten seine Mitarbeiter das Pendeln nach Nürnberg schon wie eine Versetzung „in die Mongolei“ empfunden. Füracker pflegte bis 25. Mai sehr ausweichend auf wiederholte Nachfragen zu reagieren. „Gründlichkeit geht vor Eile“, sagte er dann, oder andere Weisheiten.

Es soll ja nicht immer ein halbes Ministerium umziehen. Knapp eine Million Euro Miete im Jahr kostet der Nürnberger Sitz. Davon habe der Bürger nichts, grummelt Hubert Aiwanger, Vorsitzender der Freien Wähler. „Sinnvoller wäre, wenn man diese Gelder direkt für fachliche Zwecke wie den Ausbau des schnellen Internets zur Verfügung stellt.“ Das Heimatministerium sei teure Symbolpolitik. Füracker lehnt solche Kritik rigoros ab. „Dezentralität kostet nun einmal Geld.“ Oder wolle man gleich Gemeinden zusammenlegen, um sich Bürgermeister zu sparen? Menschen nur noch dort ansiedeln, wo die Infrastruktur stimmt? „Bayern will sich das leisten, und ich bin der Überzeugung, das Geld ist gut angelegt.“

Der 46-Jährige selbst ist wild entschlossen, die Förderung der Region zu seiner Mission zu machen. In Söders Windschatten könnte das karrierefördernd sein. Füracker selbst würde das natürlich nie so sagen. Unaufgeregt stapft er die schmutzige Treppe aus dem Tresor-Keller nach oben. „Des is das ganze Geheimnis“, sagt er nüchtern. Journalistenkontakt beendet. Er hat jetzt einen wichtigeren Termin. Daheim, im ländlichen Raum, muss er seinen Landrat verabschieden.

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