Das Problem mit dem Anstand

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Kurze Schlange: In Essen kommen gestern weniger Leute zur Essensausgabe als sonst. DPA

Die Essener Tafel hält an ihrem Aufnahmestopp für Ausländer fest. Bei einem Besuch vor Ort zeigt sich, dass die Probleme tiefer liegen: Es geht bei dem Streit nicht primär um die Nationalität, sondern das Benehmen.

Aufnahmestopp bei Essener Tafel 

von Till Bücker und Wolfgang Dahlmann

Essen – Die Enttäuschung ist groß bei den Ausländern vor der Essener Tafel. Sie stehen am Mittwochmorgen für eine neue Berechtigungskarte für Nahrungsmittel an, bekommen aber keine. Und die Ausländer, die am Mittag an der Ausgabe für Brot, Obst oder Gemüse anstehen, sehen bange in die Zukunft. Wenn ihre aktuell noch gültige Karte abläuft, bekommen sie keine neue mehr.

Selbst die Kritik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Verein nicht zum Umdenken bewegen können. Vielleicht kann der geplante runde Tisch, an dem auch Wohlfahrtsverbände und Migrantenorganisationen sitzen, noch die Wende bringen. „Wir sollen in sechs Wochen wiederkommen“, sagt ein abgewiesenes Ehepaar. Die beiden gehören zu den ersten Bedürftigen ohne deutschen Pass, die die Zugangsregelung trifft.

Der Grund für die Entscheidung: Der Tafel war der Ausländeranteil mit 75 Prozent zu hoch geworden. Senioren und alleinerziehende Mütter hätten sich von den fremdsprachigen jungen Männern in der Warteschlange abgeschreckt gefühlt, sagte Vereinschef Jörg Sartor (siehe Kasten). Die Aufmerksamkeit ist enorm, auch im Ausland wird berichtet. Ins Deutsche übersetzt schrieb die französische Agentur AFP in ihrem englischsprachigen Angebot: „Merkel kritisiert deutsche Hilfsorganisation für Migranten-Aufnahmestopp“. Und in Essen haben böswillige Kritiker Transporter mit Nazi-Parolen beschmiert, der Verein macht die Schmierereien absichtlich nicht weg. „Dann würden die nächsten kommen und neue Parolen anschmieren“, sagt ein Mitarbeiter.

Vor der Kartenausgabe der Essener Tafel, die an einem alten Wasserturm untergebracht ist, bildet sich am Mittag nur eine kurze Schlange. Deutlich kürzer als sonst. Vielleicht hat es sich herumgesprochen, dass es zurzeit keine Karten für Ausländer gibt. Tafel-Chef Sartor lässt die Wartenden herein, Journalisten bittet er wieder hinaus. Zu sagen habe er erstmal nichts.

Frührentnerin Nicole Plica hält die Neuregelung für gerechtfertigt, weil es Konflikte bei der Ausgabe gegeben habe. „Es war nicht immer schön, wie die Anstehenden und die Mitarbeiter behandelt wurden“, sagt sie. Ein 62-Jähriger, der erst nichts sagt, stellt sich an ihre Seite. „Es war immer richtig voll, und es gab immer Krach. Da gibt es schwarze Schafe, die einfach nehmen, was sie kriegen können. Das sind aber auch Deutsche.“

Genau das ist der Punkt, sagt NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP): „Wer an einer Tafel sich nicht anständig benimmt, der gehört da dauerhaft ausgeschlossen und da ist es auch völlig egal, ob er einen Fluchthintergrund hat oder nicht“, sagt er im Landtag. Deutsch oder nicht deutsch sei die falsche Frage – es gehe um anständig oder nicht anständig.

Bei den Ausländern herrschen vor der Ausgabe gemischte Gefühle. „Es wäre traurig, wenn mein Schein nicht verlängert wird“, sagt eine 65-Jährige aus dem ehemaligen Jugoslawien, die seit 1971 in Essen lebt. „Seit fast 50 Jahren zahle ich Steuern und Abgaben. Ich habe mir den Arsch aufgerissen.“ Ihre geringe Rente zwinge sie dazu, zur Tafel zu gehen. Ihr Schein läuft im März aus, bis dahin hofft sie auf ein Einlenken. Lena Shabo (35), eine Irakerin, pflichtet ihr bei. „Wir sind auch Hartz-IV-Empfänger. Wir brauchen auch etwas zu Essen.“

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