KROATIEN IST EINE JUNGE DEMOKRATIE AUF DER SUCHE NACH SICH SELBST

Politik auf dem Rasen

  • schließen
  • Weitere
    schließen
Präsidentin im Nationaltrikot: Kolinda Grabar-Kitarovic. dpa

München – Bilder, die bleiben: WM 2014, Kantersieg gegen Portugal, dann die Kanzlerin in der Kabine.

Angela Merkel sieht Thomas Müller (und andere) oben ohne, dankt unaufgeregt fürs Portugiesen-Wegputzen und macht ein Selfie mit Poldi. Das war irgendwie irre, aber nichts gegen Kolinda Grabar-Kitarovic.

Eine Woche ist es her, da stürmt Kroatiens Präsidentin im Nationaltrikot in die Kabine. Sie drückt ihre Jungs, einen halbnackten Spieler nach dem anderen. Und sie stimmt Lieder an, patriotische Lieder. Das Team hat gerade Russland aus dem WM-Turnier geworfen und die Präsidentin feiert. Videos zeigen den Wahnsinn.

Nun kann man sagen, das sei immer so: Wenn’s gut läuft, wollen Politiker halt was vom Glanz der Helden abhaben. Bei Kroatien gibt es aber auch das Gefühl, dass sich im Sport etwas Politisches ausdrückt. Auf dem Platz wirkt es manchmal so, als seien die Spieler in patriotischer Mission unterwegs. Und die Fans feiern den Einzug ins WM-Finale wie einen militärischen Sieg.

Wo kommt das her?

Kroatien ist kaum 30 Jahre alt, ein junges Land mit gut vier Millionen Einwohnern, und es hat harte Zeiten hinter sich. Vor allem der Krieg gegen Serbien in den 90er-Jahren, den die Menschen nur „Heimatkrieg“ nennen, prägt das Land noch immer. „Es gibt keine ordentliche Aufarbeitung der eigenen Kriegs-Vergangenheit“, sagt die Historikerin Marie-Janine Calic von der LMU München. Auch deshalb falle es Kroatien „schwer, seine Identität zu finden“.

Hinzu kommen wirtschaftliche Probleme. Ärzte, Ingenieure, Wissenschaftler wandern reihenweise ab, weil sie zu Hause zu schlecht bezahlt werden. „Das Land hat viele Fachkräfte verloren“, sagt Calic. Allein 2016 wanderten 56 000 Kroaten nach Deutschland aus. Die Hoffnung auf Investitionen, die mit dem EU-Eintritt 2013 verbunden waren, haben sich nicht erfüllt. Ein Riesenproblem – und eine Lösung ist nicht in Sicht.

Mit all dem geht es Kroatien ähnlich wie anderen ehemaligen Ländern des Ostblocks. Zwar ist es noch nicht so weit gekommen wie in Polen oder Ungarn. Aber auch hier bricht sich langsam ein alter Nationalismus Bahn. Ein Bezugspunkt: Die Ustascha-Faschisten, die von 1941 bis 1945 ein „unabhängiges“ Kroatien von Hitlers Gnaden führten und Hunderttausende ermordeten, etwa im KZ Jasenovac. Sie waren lange geächtet.

„Inzwischen ist es in bestimmten Kreisen wieder salonfähig, sich auf sie zu beziehen“, sagt Calic. Den Ustascha-Gruß „Za dom – spremni!“ („Für die Heimat bereit“) rufen heute Popstars von der Bühne – oder Fußballer die Ränge hinauf. Der ehemalige Nationalspieler Josip Simunic schrie ihn schon 2013 nach einem Spiel gegen Island ins Mikro. Und die Fans schrien ihn im Chor zurück.

Selbst Kolinda Grabar-Kitarovic, die Frau, die seit 2015 Präsidentin ist, findet das nicht anrüchig. Sie gilt zwar als liberal und pro-europäisch. Aber sie weiß auch, dass Wahlen in Kroatien nur mit Unterstützung des national-konservativen Lagers gewonnen werden. Das will halt die Rehabilitierung der Ustascha. Und es hat großen Anteil daran, dass der Kroatien-Krieg nicht kritisch hinterfragt wird – sondern, so Calic, eine „Art Ursprungsmythos für den unabhängigen kroatischen Nationalstaat“ geworden ist.

Fußballer sind auch nur Menschen und manchmal wirkt es, als trügen sie die Konflikte ihres Landes mit auf den Platz. Nun haben sie, erstmals die Chance, den WM-Titel zu holen, am Sonntag gegen Frankreich. Weltmeister Kroatien. Wenn das nicht identitätsstiftend ist. m. Mäckler

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare