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Parlamentswahl: Wird Island zur Pirateninsel?

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Birgitta Jónsdóttir

Reykjavík – Wer auf einer abgelegenen Insel lebt, hat vielleicht mehr Mut zu Experimenten.

Die Isländer haben das schon bewiesen, als sie den Komiker Jón Gnarr 2010 zum Bürgermeister ihrer Hauptstadt Reykjavík machten. Jetzt sieht es aus, als würden sich die Menschen in dem 330 000-Einwohner-Land politisch wieder etwas Neues trauen. Vor der vorgezogenen Parlamentswahl am Samstag liegt die Piratenpartei in Umfragen knapp vorn – und könnte zum ersten Mal in einer Regierung mitmischen.

Dass die Isländer den politischen Institutionen in ihrem Land tief misstrauen, spielt den Piraten in die Karten. Nach Wirtschaftskrise und Banken-Crash 2008 hatten sie gerade erst ein bisschen Vertrauen zurückgewonnen. Dann stürzten die „Panama Papers“ die Regierung in eine neue Krise. Der rechtsliberale Regierungschef Sigmundur David Gunnlaugsson sollte nicht nur Millionen in einer Offshore-Firma versteckt haben, sondern auch auf der Gläubigerliste der Krisenbanken stehen. Gunnlaugsson gab ein denkwürdiges Stotter-Interview – die Isländer kochten. Nie sind dort mehr Menschen auf die Straße gegangen. An einem Tag kamen mehr als 20 000 mit Trommeln und Trillerpfeifen, schmissen Bananen und Eier auf das Parlament, das für sie für alles Übel stand: eine korrupte Regierung, ein gebeuteltes Gesundheitssystem, den Stillstand in Sachen neue Verfassung.

2012 hatten die Isländer in einem Referendum für die von Bürgern erarbeiteten neuen Regeln gestimmt, die ein Zeichen des Neuanfangs nach der Krise sein sollten. Doch das Projekt liegt auf Eis. „Die Verfassung ist ein Schritt dahin, die Dinge transparenter zu gestalten“, sagt die Künstlerin Sara Oskarsson. „Das ist der einzige Weg, wie das Vertrauen in die Politik zurückerlangt werden kann.“

Oskarsson hat ihr Atelier in einem alten Hochschulgebäude, 20 Busminuten südlich von Reykjavík. Die Isländerin ist 2012 aus Schottland zurück auf die Insel gezogen, weil sie will, dass ihre Kinder in der ruhigen Idylle aufwachsen. Doch dann macht sie vieles wütend. Die unterfinanzierten Krankenhäuser, der Opportunismus in der Politik.

Über Facebook gründet sie die Gruppe „Jaeja“, durch die die 35-Jährige zum Gesicht des Aufstands wird. Die Proteste zwingen den Ministerpräsidenten zum Rücktritt.

Sieben Parteien könnten es nun laut Umfragen ins Parlament schaffen – mehr als je zuvor. Doch voraussichtlich können keine zwei Parteien eine Regierung stellen, wie es die Isländer seit Jahrzehnten gewohnt sind. Die meisten glauben, dass Island künftig von einer Mitte-Links-Koalition aus drei bis vier Parteien regiert wird.

Obwohl auch die Piraten nicht mehr so stark dastehen wie noch zu Beginn des Jahres, könnten sie die Anzahl ihrer Sitze im Parlament verfünffachen. Um eine Mehrheit zu erreichen, hat die Partei um Birgitta Jónsdóttir die anderen Oppositionsparteien kurz vor knapp zu Gesprächen zusammengetrommelt. „Wir sind gewillt, den Ministerpräsidenten zu stellen“, sagt Jónsdóttir. Julia Wäschenbach

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