OSTERKOLUMNE

Ostern – Anker in einer ewig schwindenden Welt

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Dirk Ippen

Meine Eltern begrüßten jedes Fest im Jahreskreis mit Gedichten, die ich dann aufzusagen hatte.

Da war Mörikes „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte…“, bis zu dem „Frühling, ja du bist‘s, dich hab ich vernommen“.

Und war der Frühling fortgeschritten, dann galt es, Uhlands berühmtes Gedicht vorzutragen: „Die linden Lüfte sind erwacht, sie säuseln und wehen Tag und Nacht, sie schaffen an allen Enden… Nun, armes Herze, sei nicht bang! Nun muss sich alles, alles wenden.“

Als Kind nahmen wir das alles so hin, wir wussten nicht, dass hinter diesem harmlos klingenden Gedicht sich die Sehnsucht nach Freiheit des Dichters Ludwig Uhland verbirgt. Das Gedicht hat deswegen zu Recht in der Wendezeit der DDR eine wichtige Rolle gespielt.

Meine Eltern liebten noch ein weiteres Gedicht, dessen metaphorische Bedeutung kein Kind verstehen kann. Ich hatte es am sommerlichen Geburtstag der Mutter aufzusagen. Es war Goethes „Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn… Im Schatten sah ich ein Blümlein steh’n…Ich grubs mit allen den Würzlein aus… „

Heute weiß ich, Goethe meinte damit seine Liebe zu Christiane, die er im Weimarer Park an der Ilm getroffen hatte und zu seiner Geliebten, späteren Ehefrau machte.

Die Eltern, die sich von mir Ahnungslosem, ihrem Kind der Liebe, so etwas aufsagen ließen, bezogen das auf ihre eigene Gemeinschaft. Sie waren in zweiter Ehe verheiratet, der Vater hatte die Mutter mit 38 Jahren aus einer unerfüllten Beziehung geholt zum neuen, glücklicheren Lebensbund. Das war für ihn das Blümlein, das er im Schatten stehen sah, ausgrub und wieder einpflanzte – „nun zweigt es immer und blüht so fort“.

Heute lebt niemand mehr in Gedichten. Die Revolution der 68er wollte ja davon auch nichts mehr wissen, weil es sich ja bei dieser auf Besitz und Bildung gestützten Welt um den bürgerlichen „Klassenfeind“ handelte. Die Eltern, noch im 19. Jahrhundert geboren, hatten ein Liederbuch mit dem Titel „Als der Großvater die Großmutter nahm“. Das 1895 herausgegebene Werk nannte sich vorsichtig schon damals: „Ein Liederbuch für altmodische Leute“.

Das meiste, das darin stand, ist zu Recht vergessen und untergegangen. Ganz aber kann ich nicht Abschied nehmen von der alten Bildungswelt.

Mehr als sonst ist mir in diesen Ostertagen wieder bewusst, wie die Welt nichts anderes ist als eine nie stillstehende Schaukel. Alles in ihr schwankt fort und fort. Ich finde das bestätigt in den Kindheitserinnerungen, die ich gerade lese, des französischen Romantikers Chateaubriand: „Wären es doch allein die Orte“, schreibt er, „die sich bei uns Menschen ändern! Doch es ändert sich nicht weniger das Herz und das ganze Leben.“ Das Osterfest aber ist ein Anker in der ewig schwindenden Welt. Und die vertrauten Gedichte sind es auch.

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