CHRISTIAN PFEIFFER ERKLÄRT, WARUM VOR ALLEM JUNGE MÄNNER AUS MAROKKO, ALGERIEN ODER TUNESIEN PROBLEME MACHEN

Ohne Zukunftsperspektive wächst das Problem

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Kriminologe Christian Pfeiffer, einer der Autoren der Studie.

München – Professor Christian Pfeiffer ist Kriminologe und ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN).

Von 2000 bis 2003 war der heute 73-Jährige für die SPD auch niedersächsischer Justizminister. Er gehört zu den Autoren der Studie. Ein Gespräch über die Konsequenzen.

-10,4 Prozent mehr Gewalttaten, die zu 92,1 Prozent auf das Konto von Flüchtlingen gehen: Bedeuten die Zahlen, dass Flüchtlinge generell krimineller als Bundesbürger sind?

Flüchtlinge befinden sich in einer komplett anderen Lebenssituation und sind vor allem in der Zusammensetzung völlig anders als die Bundesbürger: Bei uns sind neun Prozent der Menschen junge Kerle im Alter zwischen 14 bis 30. Diese Gruppe ist zuständig für die Hälfte aller Gewaltdelikte in Deutschland. Und dann kommen auf einmal Flüchtlinge – und da sind 27 Prozent junge Kerle. Bei den aus Nordafrika ohne Chance auf ein Bleiberecht Kommenden sind sogar die Hälfte junge Männer. Logisch, das die deutlich gewalttätiger sind. Es ist so, wie wenn sie 100 Frauen mit 100 Männern vergleichen – Frauen begehen kaum Straftaten, die jungen Männer sind potenziell hochgefährlich, unabhängig von der Herkunft.

-Was bedeutet das für die Forderungen, Familiennachzug zu stoppen?

Frauen zivilisieren die Männer enorm. Je höher die Frauenquote in einer Flüchtlingsgruppe, desto niedriger ist die Gewaltrate der Männer. Aber Familiennachzug ist für die aus kriminologischer Sicht problematischen Männer aus Nordafrika oder Pakistan kein Thema, weil die ja nicht bleiben sollen.

-Welche Konsequenzen sollte die Politik aus diesen Zahlen ziehen? Mehr abschieben?

Das wird kaum gelingen. Das Abschieben ist ein sehr komplexes, schwieriges Programm. Wir haben im gesamten letzten Jahr 22 000 Leute abgeschoben, aber wir haben 327 000 Leuten gesagt: Rote Karte, ihr könnt hier nicht bleiben. Diese Diskrepanz zeigt: Abschiebung allein kann keine Lösung für das Problem der Verlierer unseres Flüchtlingsprozesses sein. Wir können dankbar sein, dass die Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Irak oder Afghanistan im Vergleich extrem wenig Gewalttaten begehen und alles tun, dass sie sich gut integrieren. Aber wir müssen mit Sorge auf die große Zahl der Flüchtlinge aus Ländern wie Marokko, Algerien oder Tunesien sehen, die hier nicht bleiben dürfen und deshalb keinerlei Zukunftsperspektive sehen.

-Was wäre dann eine Lösung?

Wir haben 35 Milliarden mehr Steuern eingenommen, als der Staat ausgegeben hat. Es wäre jetzt Zeit, einen Teil dieser Gelder, wenigstens eine Milliarde, für ein riesiges Entwicklungsprogramm einzusetzen für die Länder, aus denen die Flüchtlinge kommen, die wir nicht behalten wollen: nordafrikanische Länder, einige schwarzafrikanischen Staaten, Pakistan. Nur wenn wir denen Geld geben, werden die genügend Bereitschaft zeigen, ihre Landsleute zurückzunehmen. Innenminister Thomas de Maizière hatte ja die nordafrikanischen Länder besucht, dort aber nichts erreicht, weil er nicht mit vollen Taschen, sondern nur mit klugen Argumenten gekommen ist. Das reicht nicht.

-Und was können wir für die Flüchtlinge tun, die schon da sind?

Wir tun ja schon das Richtige, und es wirkt. Die Kriegsflüchtlinge, denen wir Chancen bieten, tun alles, um sich hier gut zu integrieren und nicht durch kriminelle Taten aufzufallen. Sie bekommen Sprachkurse und zivilgesellschaftliche Unterstützung, sie machen Praktika. Aber natürlich können wir hier auch noch besser werden. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge beispielsweise fallen oft ins Nichts, wenn sie 18 werden, weil sich dann keiner mehr um sie kümmert. Hier das Jugendprogramm über 18 hinaus fortzusetzen, wäre richtig – für die Flüchtlinge mit Bleibeperspektive.

-Welche Rolle spielt die islamische Kultur bei der Kriminalität, etwa bei sexuellen Missbrauchsdelikten?

Da geht es nicht um die Religion, sondern eher um die Kultur der männlichen Dominanz. Man sieht es ja an den Unterschieden: Die Kriegsflüchtlinge verhalten sich brav und angepasst – das sind auch Muslime. An der Religion kann es nicht liegen, sondern an den Zukunftschancen. Und die haben wir nicht endlos zu vergeben.

Interview: Klaus Rimpel

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