Von Oberpfaffenhofen direkt ins Weltall

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Das Herz der deutschen Raumfahrt schlägt in Oberpfaffenhofen. Von hier aus halten die Mitarbeiter Kontakt zu Satelliten und den Astronauten in der Internationalen Raum- station. Manchmal müssen sie auch Fußball-Ergebnisse hochfunken. Das Raumfahrtkontrollzentrum feiert heute seinen 50. Geburtstag.

50 Jahre Deutsches Raumfahrtkontrollzentrum

Von Stefan Sessler

Oberpfaffenhofen – Die allererste Mission von Thomas Kuch ist ein 585 Millionen Mark teurer Reinfall. 21. November 1987, die Deutsche Bundespost schießt den Fernsehsatelliten TV-SAT 1 mit einer Ariane-2-Rakete ins All. Die Idee: Satellitenfernsehen vom Weltraum direkt in die deutschen Wohnzimmer. Es geht um vier Programme: Sat.1, RTLplus sowie die öffentlich-rechtlichen Satellitenkanäle Eins Plus und 3sat. Ganz Deutschland schaut auf die Mission. Auch weil zuvor in der Republik mit Inbrunst gestritten wurde, ob es Privatsender überhaupt braucht.

Thomas Kuch sitzt damals als junger Ingenieur im Kontrollzentrum, vor ihm gigantische Kontrollmonitore. 19 Minuten nach dem Start trennt sich der Satellit von der Trägerrakete, die in Kourou in Französisch-Guayana abgeschossen wurde. Von Oberpfaffenhofen aus übernehmen sie von da an die Lenkung des Satelliten. Der Rest ist Jubel. Der Bundespostminister ist da, Sektkorken knallen, draußen haben sie ein Bierzelt aufgebaut, eine Blaskapelle spielt auf.

Doch dann kommen die Sorgen. Ein Solarpanel klemmt, es lässt sich nicht ausklappen. Eine Fernsehübertragung ist nicht möglich. Der Satellit bekommt den hämischen Spitznamen „einarmiger Bandit“. Später wird er auf eine Friedhofsumlaufbahn geschickt. Mission gescheitert. Aber nur fast. „Wir konnten Sachen ausprobieren“, sagt Kuch, „die man sonst nicht macht.“ Sie haben den Satelliten geschüttelt und getestet, wie er sich unter Extrembedingungen verhält.

Kuch, 60, arbeitet heute noch in Oberpfaffenhofen. Er ist einer der wichtigsten Männer hier, Abteilungsleiter Raumflugbetrieb und Astronautentraining. Damals denkt sich Kuch: „Mensch, muss es gleich beim ersten Mal schief gehen?“

Es fängt schlecht an, aber es geht gut weiter. Zwei Jahre später starten sie den Rundfunksatelliten TV-SAT 2. Alles läuft glatt. Und auch das Privatfernsehen ist inzwischen weitgehend akzeptiert.

So ist das mit der Raumfahrt. Sie ist faszierend und unberechenbar. Sie überwindet Grenzen, das ist ihr Prinzip. Jede Mission ist wie eine Geburt. Seit 50 Jahren machen sie das jetzt schon hier in Oberpfaffenhofen, Kreis Starnberg, direkt an der Lindauer Autobahn. Hier ist das Deutsche Raumfahrtkontrollzentrum daheim, das German Space Operation Center, wie es international heißt. Hier hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt einen seiner wichtigsten Standorte. Mitarbeiterzahl: rund 1600, deutschlandweit sind es 8000. Hier im Münchner Speckgürtel schlägt das Herz der deutschen Raumfahrt.

Heute feiern sie ihr großes Jubiläum. Es wird einen Festakt geben, mit Reden und Anekdoten aus dem All. Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner wird kommen, außerdem die deutschen Astronauten Thomas Reiter und Reinhold Ewald, der vor 21 Jahren mit einer Sojus-Kapsel zur Weltraumstation Mir aufbrach, dort 19 Tage blieb und sogar ein Feuer löschen musste. „Man muss in einer solchen Situation als Team extrem gut funktionieren“, sagt Ewald im Rückblick. Als Lohn bekam er von Boris Jelzin die russische Tapferkeitsmedaille verliehen.

Aber auch an Oberpfaffenhofen hat Ewald beste Erinnerungen. „Während meiner Mission 1997 hat mich Ulf Merbold samstags immer als Erstes gefragt, ob ich einen Stift habe.“ Der Ex-Astronaut Merbold war sein Ansprechpartner auf der Erde. „Dann hat er mir die Bundesliga-Ergebnisse von Oberpfaffenhofen aus diktiert. Ich bin aus Mönchengladbach – und wo man geboren ist, da schlägt das Fußballherz.“

Trotz hübscher Anekdoten wie dieser: Deutschland im Weltall, das war lange nicht selbstverständlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die deutsche Raumfahrt am Ende. Erst durch die Aufhebung des alliierten Besatzungsstatuts 1955 darf sich die Bundesrepublik überhaupt wieder an Raumfahrtprojekten beteiligen. In Deutschland gibt es damals kaum Fachkräfte auf dem Gebiet – aber mit Franz Josef Strauß einen fortschrittsbegeisterten Verteidigungsminister, dem daran gelegen ist, Bayern zu einem Zentrum der Raumfahrtforschung zu machen. Im November 1969 startet der erste deutsche Forschungssatellit Azur, Entwicklungskosten 80 Millionen Mark, der vom neu geschaffenen Standort in Oberpfaffenhofen aus gesteuert wird.

So fängt alles an. 25 Jahre nach dem Peenemünde-Projekt der Nazis ist Deutschland zurück im All, diesmal zu rein friedlichen Zwecken. In der Heeresversuchsanstalt Peenemünde ging es darum, unter der Leitung von Wernher von Braun todbringende Großraketen für den Führer zu bauen. Ein kriegerisches, nationalistisches Unterfangen.

Oberpfaffenhofen ist das Gegenteil davon. Thomas Kuch steht auf der Besucherbrücke, von hier sieht man das Kontrollzentrum, das das europäische Weltraumlabor Columbus betreut. Es gehört zur Internationalen Raumstation ISS. Selbstbeschreibung: „das größte Technologieprojekt aller Zeiten“. Kuch sagt: „Die internationale Gemeinschaft hier ist für mich das Faszinierendste.“ Bis zu 30 verschiedene Nationalitäten arbeiten im Columbus-Kontrollzentrum. Es ist eines der Oberpfaffenhofer Aushängeschilder.

Gerade sind sechs Astronauten in der ISS. Ab Juni wird auch wieder ein Deutscher dort sein: Alexander Gerst, Spitzname „Astro-Alex“, der vor vier Jahren schon zur ISS flog und die Mission mit seiner aufgeweckten Art berühmt machte.

Sogar in der „Sendung mit der Maus“ war Gerst damals zu sehen, wie er sich seinen Glatzkopf rasiert, ohne dass die Haare in der Schwerelosigkeit überall rumfliegen. Sein Trick: ein integrierter Haareinsauger am Rasiergerät. Heuer wird Gerst als erster Deutscher Kommandant der ISS sein. Man kann ihn und seine Astronauten-Kollegen von Oberpfaffenhofen aus dann zu jeder Zeit live auf großen Monitoren im Kontrollzentrum sehen, wie sie Experimente machen, wie sie Astronautennahrung essen oder ihren freien Tag verbringen. Denn den gibt es sogar im All. „Immer sonntags“, sagt Kuch.

Das Columbus-Forschungslabor ist der erste ständig besetzte europäische Außenposten im All. Es wird im Auftrag der Europäischen Raumfahrtagentur ESA betrieben. Aber es ist längst nicht alles, was sie hier in Oberpfaffenhofen machen. Sie betreuen von hier Satelliten, die die Erde vermessen, gestochen scharfe 3D-Aufnahmen machen – oder Waldbrände vom Weltall aus entdecken. Kuch sagt: „Wir machen Raumfahrt nicht, um irgendwann Marsmännchen ansehen zu können, sondern, um uns die Erde genauer anzuschauen.“

Nur eines sieht man nicht, das muss man fühlen: den Weg ins All. Der deutsche Astronaut und gelernte Klempner Ernst Messerschmid fliegt 1985 ins Weltall. Er ist Teil der Spacelab-Mission D1, der ersten Weltraum-Mission unter deutscher Leitung. In 165 Stunden machen sie 76 Versuche in 320 Kilometern Höhe über der Erde.

Mit der US-Raumfähre Challenger fliegt Messerschmid damals ins All. In einem Interview hat er erzählt, wie sich das anfühlt: „Man sitzt auf 2000 Tonnen Sprengstoff, man weiß, dass immer etwas schiefgehen kann. Es ist unheimlich laut, die Beschleunigung ist groß, schon nach acht Minuten ist man oben. Erst dann – wenn die erste Euphorie wegbricht – merkt man, dass man schon isoliert ist. Es ist ganz leise.“

So fühlt es sich also an, wenn man ins All geschossen wird. Da ist es wahrscheinlich sehr, sehr beruhigend, irgendwann eine Stimme aus Oberbayern zu hören.

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