Der Niedergang eines Machtsymbols

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Die Krawatte war für Männer im Büro lange Zeit ein Muss. Inzwischen bleibt der Schlips immer öfter im Schrank – sogar bei den Chefs großer Konzerne. Innovativ und modern soll das wirken. Stirbt die Krawatte aus? Eine Spurensuche.

Immer weniger Geschäftsleute tragen Krawatte 

Von Bernhard Hiergeist

München – Thorsten Gröne, 36, hat sich schon entwöhnt. Im vergangenen Jahr hat er vielleicht zweimal eine Krawatte um seinen Hals gebunden. „Ganz drum herum kommt man eben nicht“, sagt er. Zum Beispiel auf Hochzeitsfeiern. Im Büro dagegen ist es normal geworden, dass der Chef mit offenem Hemdkragen hereinspaziert.

Gröne ist einer der Gründer von Cevotec, ein Unternehmen aus Taufkirchen (Kreis München), das komplizierte Bauteile aus Karbon schneller herstellen kann als die Konkurrenz. Es geht um viel Geld: Investoren unterstützen die Idee mit mehreren Millionen Euro. Cevotec ist jung und modern – zur Außenwirkung passen Jeans und Turnschuhe besser als Anzüge und Oxford-Schnürer. Es gibt keinen festen Dresscode mehr, Krawatten empfindet man als unnötig. „Das würde nicht zu unserer Firma, zu unserem Spirit passen“, sagt Gröne.

Diesen sogenannten Spirit verspüren auch alteingesessene Unternehmen. Siemens-Chef Joe Kaeser zeigt sich immer häufiger ohne Krawatte, genau wie Daimler-Boss Dieter Zetsche und hochrangige BMW-Manager. Die Sparkasse Fürstenfeldbruck hat die Krawattenpflicht ganz abgeschafft, und bei der Stadtsparkasse München läuft ein einjähriger Probeversuch.

Über Jahrzehnte war die Krawatte ein Garant für Seriosität und Professionalität. Nie im Mittelpunkt, aber eine selbstverständliche Übereinkunft für Seriosität. Das funktionierte, solange das Geschäft klar umrissen war – Staubsauger verkaufen, Versicherungen oder Bürgschaften. So überschaubar ist der Markt heute nicht mehr. Dank des Internets sind Geschäftsfelder entstanden, die keine 100-jährige Geschichte mehr haben. Wichtig ist die neue Idee, nicht die Tradition. Das formelle Auftreten verliert an Bedeutung.

Man kann es so sehen: Wer weniger Wert auf Kleidervorschriften legt, lässt den Angestellten mehr Freiheiten. Sie arbeiten besser, und das nützt den Kunden. Kritiker sehen das anders. Die Firmen laufen nur einem Trend aus den USA hinterher, spotten sie.

Tatsächlich: Viele Unternehmen entscheiden sich weiterhin für das scheinbar unbedeutende Stück Stoff. Gert Waltenbauer, 52, ist Chef von KGAL, einer Vermögensverwaltung aus Grünwald. Es hängt natürlich vom Unternehmen ab, sagt Waltenbauer. „Aber in der Finanzindustrie gehört die Krawatte ganz klar zum erwarteten und normalen Outfit.“ Die Mitarbeiter würden die Krawattenpflicht als Regel einschätzen, „die das Niveau hebt“. Auch Unternehmensberatungen halten es gerne weiter so, wie es immer schon war (siehe Interview unten).

Selbst junge Unternehmen sind nicht so radikal wie vermutet. „Das Motto ist, sich irgendwie den Gegebenheiten passend zu kleiden“, sagt Thorsten Gröne von der Taufkirchner Karbon-Firma Cevotec. „Wenn ich weiß, dass ich Finanzinvestoren treffe und das ein formelleres Setting ist, dann sind T-Shirt und Pullover die falsche Wahl.“ Gröne und die beiden anderen Unternehmensgründer haben eine Zwischenlösung gefunden: Sie verzichten auf die Krawatte, soweit es möglich ist. Bei formelleren Anlässen wie bei wissenschaftlichen Konferenzen oder Messen tragen sie dafür grüne Einstecktücher passend zur Firmenfarbe. „So können wir auch ohne Krawatte etwas formeller aufzutreten.“

Das Thema bleibt also heikel. Ganz wollen sich die Firmen noch nicht von der Konvention lösen. Vielleicht, weil die Krawattenpflicht Halt verleiht. Wenn es klare Vorgaben gibt, können sich alle Mitarbeiter orientieren und müssen sich keine Gedanken um die richtige Kleidung machen. Und trotzdem greifen immer weniger Männer in die Krawatten-Schublade.

Der Trend macht sich in der Modebranche bemerkbar. Robert Greil, 50, arbeitet hier seit mehr als 30 Jahren. Inzwischen ist er Verkaufsleiter im Münchner Herrenbekleidungsgeschäft Hirmer. In dem markanten Geschäftshaus in der Fußgängerzone findet Mann auf fünf Stockwerken jeden Stil: von der Jeans bis zum Business-Outfit. Genaue Zahlen möchte Greil nicht nennen, nur so viel: „Wir verkaufen deutlich weniger Krawatten als vor 25 Jahren.“

Konkurrenz bekommt der Schlips bei Hirmer vor allem von der Fliege, sagt Greil. Vor drei Jahren hätten sie die erste Ausstellungswand mit Krawatten abgebaut und eine für Fliegen aufgestellt. Gerade folgt die zweite. Auch das Einstecktuch habe bei der Beliebtheit einen beeindruckenden Aufstieg geschafft. Ganz von Accessoires trennen wollen sich die Männer also nicht. „Die Krawatte wird sowieso immer ihre Berechtigung haben“, sagt Greil. Und immerhin seien die Fliege und der Krawattenschal, der sogenannte Plastron, krawattenähnlich. „Das Einzige, das sich merklich verändert“, sagt Greil, „sind die Tendenzen.“

Die schlagen mal in die eine Richtung aus, mal in die andere. „Mode bewegt sich in Kurven“, erklärt Gerd Müller-Thomkins, 58, vom Deutschen Modeinstitut in Köln. „Die Krawatte ist nicht tot und wird auch nicht aussterben.“ Das Institut forscht zu den Trends und kürt seit 1965 den „Krawattenmann des Jahres“. Zuletzt wurde Torhüter Manuel Neuer vom FC Bayern ausgezeichnet. Damit ist er in illustrer Runde: Frühere Preisträger waren zum Beispiel Nachrichtenmoderator Claus Kleber, Schlagersänger Roy Black und Altkanzler Willy Brandt.

Die Forscher beim Modeinstitut beobachten eine Verschiebung der Krawattennutzung, sagt Müller-Thomkins. Weg von geschäftlichen, hin zu privaten Anlässen. Verantwortlich sei vor allem die Hipster-Kultur, die einen urbanen, aber extravaganten Kleidungsstil pflegt. „Junge oder jugendliche Männer mit Vollbart, Dutt, tätowierten Armen und kariertem Hemd – dazu eine Krawatte. Das ist keine Seltenheit.“ Ein bewusster Stilbruch. „Letztlich geht es bei der Mode darum ja immer“, sagt Müller-Thomkins. Deswegen unterscheide sich der Großstadt-Hipster mit Krawatte gar nicht so sehr vom Vorstandschef ohne Krawatte oder dem Startup-Unternehmer mit Einstecktuch: Sie alle treffen eine Aussage, wo sie sich selbst und die anderen gesellschaftlich verorten.

Ob man den Verzicht auf die Krawatte nun mag oder nicht – die Schwankungen bei der Beliebtheit sind erst einmal normal. Vielleicht kommt der Schlips als Lieblings-Accessoire schon bald zurück. Denn durch den reduzierten Umgang trägt man die Krawatte viel bewusster, sagt Müller-Thomkins. „Im Grunde ist das eine Aufwertung.“

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