Münchens Trümmerfrauen – nur ein Mythos?

Sie gelten als Heldinnen der Nachkriegszeit: Die Trümmerfrauen, heißt es, haben die deutschen Städte wieder aufgebaut. Aber stimmt das wirklich? Was München angeht, sind Zweifel angebracht. Die ganze Wahrheit ist heikel – und ernüchternd.

Sie gelten als Heldinnen der Nachkriegszeit: Die Trümmerfrauen, heißt es, haben die deutschen Städte wieder aufgebaut. Aber stimmt das wirklich? Was München angeht, sind Zweifel angebracht. Die ganze Wahrheit ist heikel – und ernüchternd.

Von Tami Holderried

München – München 1945. Die kleine Margot, ein Mädchen von sieben Jahren, steht in den Trümmern des Krieges. Vor ihrem Haus an der Schwere-Reiter-Straße in München sieht sie Loren vorbeifahren, in denen Schutt und Leichenteile zum Olympiaberg gebracht werden. Und sie beobachtet ihre Mutter: Die steht vor dem Haus und klopft Mörtel von alten Ziegelsteinen, damit man sie noch mal einsetzen kann. Damit sie alle zusammen München wieder aufbauen können.

München 2007. Margot Günther, eine 70-jährige Frau, entdeckt ein Foto, es zeigt eine Frau in Kriegstrümmern. „Sie stand da, in der einen Hand ein Kruzifix, in der anderen alte Töpfe. Und sie hatte diesen wahnsinnig leeren Blick.“ Mit einem Schlag sind sie wieder da, Margot Günthers Erinnerungen an den Krieg, an ihre Mutter. „Ich hatte diese Zeit so lange verdrängt“, sagt sie.

Das Foto lässt Margot Günther nicht mehr los. Wieder und wieder steigen die verblichenen Bilder in ihr auf, irgendwann wird sie vom Gedanken getrieben: Ich muss etwas tun. Margot Günther findet Mitstreiter, sie gründen einen Verein, nennen ihn etwas holprig „Dank und Gedenken der Aufbaugeneration, insbesondere der Trümmerfrauen“. Sie wollen, dass diese Frauen gewürdigt und geehrt werden, der Verein fordert ein Denkmal. Es scheint alles ganz einfach zu sein, ganz eindeutig. Aber die Wahrheit, sie ist viel komplizierter.

Wer sich mit der Geschichte der Münchner Trümmerfrauen beschäftigt, betritt ein heikles Terrain. Über sie ist viel Halbwissen im Umlauf, manches ist purer Mythos. Und deshalb wird in München auch seit Jahren darüber gestritten, wie man mit dieser Geschichte umgeht.

Die rot-grüne Mehrheit im Stadtrat und das Stadtarchiv lehnen seit den 1990er-Jahren ein öffentliches Gedenken ab. Ihr Argument: In München hätten vor allem frühere Nationalsozialisten den Schutt beseitigt, nicht freiwillig, sondern weil man sie dazu zwang. Das treffe auch auf die meisten Trümmerfrauen zu. Die CSU sieht das anders. Sie hält die Aufbauarbeit der Münchner Bevölkerung generell für ehrwürdig – schließlich seien auch unschuldige Zivilisten beteiligt gewesen. „Es gibt keine Kollektivschuld des deutschen Volkes“, sagt CSU-Fraktionschef Josef Schmid.

Davon ist auch Margot Günther überzeugt, als sie den Verein 2007 gründet. Aber sie kommt mit ihrem Anliegen nicht voran. Sie fordert eine Gedenktafel am Rathaus – undenkbar, sagt man ihr bei der Stadt. Also nimmt sie die Sache selbst in die Hand: Seit 2008 prangt eine goldene Ehrentafel, groß wie ein Kopfkissen, an ihrem Haus nahe Schloss Nymphenburg. Es geht um „Ehrung und Dank“ für die Aufbaugeneration, insbesondere für die Trümmerfrauen. Weiter heißt es: „Durch ihre Arbeit und ihren Fleiß wurde unser München wieder zu einer der schönsten Städte Deutschlands.“

Aber die Würdigung im Privaten reicht Margot Günther nicht: Sie will ein öffentliches Gedenken. Deshalb kämpft sie weiter. Im Stadtrat stellt Vereinsmitglied Reinhold Babor von der CSU Anträge. Sie werden alle abgelehnt.

Trotzdem steht jetzt ein Gedenkstein in München, am Marstallplatz, nicht auf Stadtgrund, sondern auf dem Gelände des Freistaates. Am 8. Mai 2013, 68 Jahre nach Kriegsende, haben sie den Stein im kleinen Kreis aufgestellt: einen schlichten, schulterhohen Felsen mit dem Vereinsnamen. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) und einige Vereinsmitglieder waren dabei, natürlich auch Margot Günther. Und seither wird wieder über die Trümmerfrauen diskutiert.

Und wieder wird vieles durcheinandergebracht. Allein die Frage, was eine Trümmerfrau überhaupt ist, wird sehr unterschiedlich beantwortet. Im engeren Sinn werden als Trümmerfrauen nur Frauen bezeichnet, die nach Kriegsende in den deutschen Städten Trümmer weggeräumt haben – und zwar an öffentlichen Orten, oft gegen Bezahlung. In einem weiteren Sinn sind damit alle Frauen gemeint, die durch ihren persönlichen Einsatz, egal welcher Art, ihr Überleben und das ihrer Familie gesichert haben – nicht nur nach, sondern teilweise schon während des Krieges. Kurz: bezahlte Schutträumerinnen hier, zupackende Überlebenskünstlerinnen da.

Unter Historikern gibt es weniger Streit. Man ist sich weitgehend einig – etwa darüber, dass es bei den Trümmerfrauen von Stadt zu Stadt große Unterschiede gab. In Berlin zum Beispiel fanden nachweislich organisierte Schutträum-Aktionen von Frauen statt. Die Helferinnen bekamen ein Gehalt und erhöhte Lebensmittelrationen, schreibt Marita Krauss, Geschichts-Professorin in Augsburg. In Berlin soll es zwischen 30 000 und 60 000 Trümmerräumerinnen gegeben haben. Berlin ist das Musterbeispiel für echte Trümmerfrauen. Kein Wunder, dass auch bayerische Schulbücher nur deren Geschichte erzählen. Für diese Frauen wurden in Berlin insgesamt neun Denkmäler aufgestellt, ohne große Debatte.

Ganz anders in München: Hier halten die Experten eine kollektive Ehrung der Aufbau-Frauen für höchst problematisch. Zunächst einmal haben in München vor allem Männer die Stadt von Schutt befreit: Direkt nach Kriegende waren rund 1500 Menschen im Einsatz, davon 1300 Männer, sagt Andreas Heusler vom Stadtarchiv. Mehr als 90 Prozent der Männer und jener Frauen, die später zu Trümmerfrauen stilisiert wurden, seien zu Kriegszeiten in NS-Organisationen aktiv gewesen – und damit in vielen Fällen mitverantwortlich für das, was im „Dritten Reich“ geschah. Aufräumen mussten sie unter Zwang, als Sühne – sonst hätten sie ihre Essensmarken verloren. All diese Menschen pauschal als „Aufbaugeneration“ und „Trümmerfrauen“ zu ehren, sei ein fatales Signal, sagt Heusler.

Hinzu kommt: Den Großteil der Trümmer in München räumten Baufirmen weg – wieder überwiegend Männer. „Natürlich gab es kleine, private Schutträumaktionen, natürlich gab es fleißige Frauen“, sagt Historikerin Krauss. „Aber ihre Arbeit beschränkte sich meistens auf Aktionen in ihrem direkten Umfeld.“ Sie plädiert für eine realistische Würdigung der Trümmerfrauen. Das Bild von den Frauen, die Deutschland quasi im Alleingang aufgebaut hätten, hält sie für verfehlt. Das Stadtarchiv auch. Es schlägt vor, eher Einzelschicksale zu ehren, ganz differenziert. Und das gehe mit einem Gedenkstein eben nicht.

Margot Günther akzeptiert solche Argumente nicht. „Ist schon klar, dass die Frauen damals nicht alleine die Frauenkirche aufgeräumt haben“, sagt sie. Sie, die mit eigenen Augen sah, wie ihre Mutter Steine klopfte, glaubt weiterhin, dass der Großteil der Trümmer von den Münchnern freiwillig beseitigt wurde. So wie bei Münchens berühmtester Schutträum-Aktion: „Man muss sich nur mal das Rama dama vom Wimmer Dammerl anschauen“, sagt Margot Günther.

Die Aktion fand im Oktober 1949 unter medienwirksamer Beteiligung des damaligen OB Thomas Wimmer (SPD) statt – und dauerte genau einen Tag lang. Der Ertrag war mager: Zwar nahmen 7000 Freiwillige teil, doch sie räumten deutlich weniger Schutt beiseite, als damals Tag für Tag ohnehin weggeräumt wurde. Die Stadt war enttäuscht vom Ergebnis, wie die Akten zeigen: Stadtbaurat Helmut Fischer schrieb, die Aktion hätte „leistungsmäßig nicht die Erwartungen erfüllt“. Wichtiger erschien ihm, dass sich im Zuge des Rama dama „die gesamte Bevölkerung doch wenigstens einmal mit dem Problem der Trümmerräumung befasst hat“. Sogar das legendäre Rama dama entpuppt sich also als Teil des Mythos von den Trümmerfrauen.

Aber wie konnte sich dieser Mythos so verselbstständigen? Eine Antwort: Es geht um Frauen – und die galten als das friedliche Geschlecht, das eben nicht in Schlachten zog. In wen, wenn nicht in sie, sollte man die Hoffnung auf eine Zukunft ohne Krieg setzen?

Auch die zweite Antwort ist naheliegend: Es geht um die Mütter. Die Historikerin Nicole Kramer sagt: „Die Erinnerung an die Mütter hat sich durch die Abwesenheit der meisten Väter umso tiefer im Gedächtnis der Kriegskinder verankert.“ Die Mütter hätten einen „fast übermenschlichen Nimbus“ erhalten – als Frauen, die „im Bombenhagel und in den zerstörten Städten stark und unerschrocken für das Überleben ihrer Familien gekämpft haben“.

Auch Margot Günthers Vater geriet in Kriegsgefangenschaft, sie sah ihn erst 1947 wieder. Bis dahin war die Mutter das Familienoberhaupt. Und deshalb sagt Margot Günther: „Ich finde, wir haben die Verpflichtung, solcher Frauen wie meiner Mutter zu gedenken.“

Sie hat, wie viele andere auch, eine sehr persönliche Sicht auf jene Generation, das ist Margot Günthers gutes Recht. Aber diese Sicht berücksichtigt nicht die ganze Geschichte. Die erzählen übrigens auch nicht die vielen Fotos von angeblichen Trümmerfrauen. Die Historikerin Krauss hat viele davon geprüft, so auch eines der bekanntesten: Fünf junge Frauen stehen auf einem schmalen Sims, mindestens drei von ihnen lächeln (siehe Bild links). Sie reichen sich Steine weiter, zwei der Frauen tragen keine Handschuhe. Angeblich sind es Trümmerfrauen am Färbergraben in München.

In Wahrheit sind es politisch belastete Frauen, sogennante „PG-Frauen“, also Parteigenossinen, wie es in der ursprünglichen Bildbeschriftung auch hieß. Doch in einigen historischen Werken und sogar in einem bayerischen Schulbuch wurden daraus einfach „Trümmerfrauen“. Krauss hat mehrere solcher Verfälschungen aufgedeckt. Sie fand sogar Propagandabilder der Nazis, die auf Fotos weibliche Models als Trümmerfrauen inszeniert hatten. Diese Bilder wurden später für bare Münze genommen. So entsteht ein Mythos.

München 2013. Margot Günther, 76, sitzt am Esstisch ihres Nymphenburger Hauses. Er ist mit alten Fotos bedeckt, mit Zeitungsartikeln, Broschüren und Briefen, die ihr Gleichgesinnte geschickt haben. Sie nimmt das Bild, mit dem alles begonnen hat: die Frau mit dem Kruzifix. Margot Günther betrachtet es eine Weile, dann sagt sie: „Ich würde nie etwas tun, von dem ich nicht überzeugt bin.“ Sie will, sie muss weiterkämpfen.

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