NACH ANSCHLAG AUF RUSSISCHEN EX-DOPPELAGENTEN: MARINA LITWINENKO ÜBER PARALLELEN ZUR ERMORDUNG IHRES MANNES UND DIE KONSEQUENZEN

„Morde passen zum System Putin“

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Marina Litwinenko mit ihrem Mann Alexander, der 2006 in London vergiftet wurde. bulls
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Ein Bild aus glücklichen Tagen: Marina Litwinenko mit ihrem Mann Alexander, der 2006 in London vergiftet wurde. bulls

München – Deutschland, Frankreich und die USA haben sich im Fall des Giftanschlags auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal hinter Großbritannien gestellt und in ungewöhnlich scharfen Worten von Russland Aufklärung verlangt.

Der Fall erinnert an die Ermordung des Ex-FSB-Agenten Alexander Litwinenko, der 2006 in London mit einer radioaktiven Substanz getötet wurde. Auch damals führte die Spur nach Russland. Ein Gespräch mit seiner Witwe Marina Litwinenko.

-Was war Ihre Reaktion, als Sie von dem Giftanschlag auf Sergej Skripal hörten?

Da kamen die alten Schmerzen wieder hoch: Ich musste sofort daran zurückdenken, welche Hölle mein Mann durchlebt hat, nachdem ihn 2006 russische Agenten mitten in London mit dem radioaktiven Polonium vergiftet hatten. Sein Tod war langsam, grausam, unmenschlich.

-Hat der russische Staat wirklich ein Motiv?

Hier im Westen werde ich immer wieder gefragt: Warum sollte der Kreml Menschen umbringen lassen, das schadet Wladimir Putin doch. Solche Aussagen zeugen von einem völligen Unverständnis des Systems Putin. Wir übertragen unsere friedlichen Absichten auf den gelernten KGB-Offizier. Morde passen zum System Putin. Es basiert auf der Sowjetunion und dem KGB – und für die waren Morde immer schon Mittel zur Politik.

-Mit den Morden wird Angst gesät?

Sie sind ein Warnschuss an Regimegegner und potenzielle Überläufer. Und die russischen Medien zelebrieren die Taten regelrecht als Beleg für das Wiedererstarken Russlands unter Putin. Das Leitmotiv: Er ist so stark, dass er tun kann, was er will. Und es dem Westen so richtig zeigt. Gerade vor den Wahlen helfen Putin solche Muskelspiele.

-Stolz auf Morde – ist das nicht übertrieben?

Wer sich das nicht vorstellen kann, sollte sich das Schicksal des Mörders meines Mannes ansehen: Alexej Lugowoj ist heute ein geachteter Abgeordneter der Duma, gern zitiert in russischen Medien. Ausgerechnet kurz nach dem Mord an Oppositionsführer Boris Nemzow bekam Lugowoj persönlich aus Putins Hand einen der höchsten Orden Russlands. Kann man wirklich noch die Unschuldsvermutung gelten lassen, wenn man solche Fakten kennt?

- Ist die Reaktion des Westens ausreichend?

Nach der Ermordung meines Mannes wollte die Politik offenbar keinen Ärger mit Putin und deshalb auch kein Verfahren. Ausgerechnet Theresa May, die heutige Premierministerin, machte sich damals als Innenminister für die Einstellung stark. Ich musste den britischen Staat verklagen, damit der Fall vor einen Richter kam. Der stellte fest: Der Kreml ist für den Mord an meinem Mann verantwortlich. Putin selbst hat die Tat wahrscheinlich gebilligt.

-Und waren die Konsequenzen Londons richtig?

Schritte, die Putin und seinem System wirklich wehgetan hätten, wurden trotz dieses Richterspruchs nicht unternommen. Ich halte das für einen fatalen Fehler. Ich bin überzeugt: Dass man Putin den Mord an meinem Mann quasi durchgehen ließ, war geradezu eine Ermunterung zu weiteren dreisten, demonstrativen Gesetzesverstößen – bis hin zu Morden. Warum sollten sich die Machthaber im Kreml davor fürchten, wenn ihnen der Westen doch gezeigt hat, dass er selbst einen Mord durchgehen lässt?

-Was wären die richtigen Konsequenzen?

Die Verantwortlichen im Westen müssen aufhören, wegzusehen und sich die Probleme mit Putin schönzureden. Wenn sie keine rote Linie ziehen, sind sie mitverantwortlich für die nächsten Morde.

-Was erhoffen Sie sich?

Großbritannien darf jetzt nicht allein gelassen werden in der Auseinandersetzung mit dem Kreml. Europa und der gesamte Westen müssen zusammenstehen. Gerade Deutschland kommt eine zentrale Rolle zu: Nur gemeinsam können wir die Bedrohung durch Putins aggressive Politik abwehren. Und nur, wenn wir endlich seine Denkweise verstehen und die Logik seines Systems. Ein Anfang wären Einreiseverbote und Kontensperrungen für hochrangige Vertreter des Systems Putin.

Interview: Boris Reitschuster

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