„Mit Sprache wird schludrig umgegangen“

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Der Rat für Rechtschreibung hat einen neuen Chef – Im Interview fordert er eine strengere Korrektur in der Schule. Josef Lange ist der neue deutsche Rechtschreibpapst: Vorigen Freitag wurde er zum Vorsitzenden des Rats für deutsche Rechtschreibung gewählt, er tritt im Januar 2017 sein Amt an und folgt Hans Zehetmair (CSU), der das Gremium seit 2004 geleitet hat.

Wir sprachen mit Josef Lange über 20 Jahre Rechtschreibreform.

-Gibt es eine Regel, die auch Sie immer wieder nachschlagen müssen?

Nein. Ich muss nicht häufiger nachschauen als vor der Rechtschreibreform. Manchmal ärgere ich mich über meine eigene Unsicherheit, aber daran gewöhnt man sich.

-Vor 20 Jahren war die Aufregung in Deutschland groß. Was war da los?

Die Rechtschreibreform in der damaligen Form, zum Beispiel mit der sogenannten gemäßigten Kleinschreibung, löste heftige Widerstände aus – weil die Kommunikation nicht hinreichend war. Einige Bundesländer weigerten sich, die neuen Regeln für Schule, Verwaltung oder Rechtspflege zu übernehmen. Und große Nachrichtenagenturen und Zeitungen stiegen aus der Reform aus. Letztlich löste der Rat für deutsche Rechtschreibung die damalige zwischenstaatliche Kommission ab – der Vorsitzende Hans Zehetmair stellte den Rechtschreibfrieden mit Geduld und Augenmaß wieder her.

-War nur die schlechte Kommunikation schuld? Oder war die Reform einfach zu radikal?

Manche Reformer haben die Rechtschreibreform damals als ein Instrument gesellschaftlicher Veränderung angesehen. Ein Argument war, dass diese Reform erforderlich sei, damit Kinder die deutsche Rechtschreibung unabhängig von Herkunft und Einkommen der Eltern leichter erlernen. Aber diese Position verkennt gründlich, dass das Lernen von Regeln zu jeder Schule und zu jeder Ausbildung gehört. Und sie übersieht völlig, dass Sprache „ein lebendig Ding“ ist und sich verändert, unabhängig von den Regeln. Wir benutzen ganz selbstverständlich Wörter, die vor zehn Jahren noch unbekannt waren.

-Zum Beispiel?

In der Politik, in der Gesellschaft, in den Medien wird selbstverständlich von „twittern“ gesprochen. Hier wird nicht übersetzt in „zwitschern“, sondern der technische Begriff verwendet, und freilich werden auch die Verben in allen Formen benützt. Das kann man nicht mit Regeln einfangen.

-Ich twittere, du twitterst, er twittert... Korrekt? Wie läuft denn die Arbeit Ihres Rates ab?

Der Rat soll Regeln nachjustieren und bei Groß- und Kleinschreibung oder Trennung auf Einheitlichkeit hinwirken. Wobei es natürlich Varianten in der Schweiz oder in Österreich gibt. Aber notwendig sind Regeln für die Schule, das Rechtswesen und auch für die Verwaltung – damit das Mitgeteilte eindeutig und verständlich ist. Bevor der Rat den staatlichen Autoritäten eine Empfehlung gibt, wird diese in einem Anhörungsverfahren Verlagen, Schulen, Journalisten- und Lehrerverbänden vorgelegt. Es gibt anders als bei der ersten Reform 1996 eine Rückkoppelung mit der Praxis – das vermeidet Aufregung.

-Tüfteln Sie schon an der nächsten Reform?

Ich kann mir auf absehbare Zeit keine Großreform wie 1996 und 2006 vorstellen. Bei der deutschen Rechtschreibung geht es nicht nur um die Sprache in Deutschland, die ja hinreichend differenziert ist zwischen Oberbayern, Schwaben und Ostfriesland, um nur einige zu nennen. Es geht um den gesamten deutschen Sprachraum, die Schweiz, Österreich, Liechtenstein, Bozen-Südtirol, die deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens. Der damalige Ansatz, möglichst alle Wörter einzudeutschen, hat sich als Irrweg erwiesen. Wir leben in einer Welt, die durch Information und Kommunikation Grenzen überschreitet – das gilt auch für die Sprache. Man sollte Wörter so schreiben, dass man ihre Herkunft erkennt.

-Also lieber Portemonnaie statt Portmonee, wie 1996 eingeführt?

Zum Beispiel. Dem Wort hätte niemand mehr angesehen, dass es aus dem Französischen kommt. Der Rat hat sich darauf geeinigt: Wir wollen es wieder so schreiben, wie es aus dem Französischen übernommen wurde – Portemonnaie. Deutschland ist eben Teil der internationalen Kommunikation.

-Das Portmonee blieb uns erspart. Gibt es weitere Regeln aus der Reform, die Sie für Unsinn halten?

Meine Amtszeit beginnt am 1. Januar, deshalb kann ich dazu noch nichts sagen. Aber: Der Rat hat am Freitag eine Reihe von Empfehlungen beschlossen, die jetzt in das Anhörungsverfahren gehen.

-Beherrschen die Deutschen die Rechtschreibung immer schlechter?

Nein. Die Klagen, früher sei alles besser gewesen, auch die Schüler und Studenten, gehen zurück auf Platon – das kommt immer wieder. Aber ich sehe mit Sorge, dass der Wert der Rechtschreibung vielfach verkannt wird und mit der Sprache schludrig umgegangen wird.

-Wo macht sich diese Schludrigkeit bemerkbar?

Wenn Rechtschreibfehler in Fächern außerhalb des Grundfaches Deutsch gar nicht registriert oder korrigiert werden. Obwohl wir aus der Lernpsychologie wissen, dass das Rotunterstreichen nicht hilft – es muss schon korrigiert und das Falsche durch das Richtige ersetzt werden. Wenn man das abtut, geht langfristig die Eindeutigkeit der Sprache verloren.

-Was bedeutet das für den Alltag der Schüler?

Schon in der Grundschule müssen die Kinder Textaufgaben lösen. Geschriebene Sprache muss eindeutig sein, damit nicht manche, weil sie die Rechtschreibung nicht beherrschen, die Textaufgaben nicht verstehen. Sonst wird Lebenstüchtigkeit beeinträchtigt.

-Wünschen Sie sich strengere Lehrer? Eine konservativere Korrektur?

Das hat nichts mit konservativ zu tun, sondern mit Fürsorge für unsere Kinder und Enkel.

-Verderben die Smartphones die Rechtschreibung der Jugend?

Ich glaube nicht. Die Kürzel, die in dem Bereich entstanden sind, bilden eine Teilsprache – und etwas anderes als Schriftsprache. Wie weit sich das entwickelt, muss man sehen. Ich rate zu Geduld.

Interview: Carina Zimniok

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