Ein menschlicher Märchen-Kaiser

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Erst der fesche Sohn, dann Märchen-Kaiser, schließlich Äthiopien-Helfer: Karlheinz Böhm hat mindestens drei Leben gelebt. Nun ist er im Alter von 86 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Erst der fesche Sohn, dann Märchen-Kaiser, schließlich Äthiopien-Helfer: Karlheinz Böhm hat mindestens drei Leben gelebt. Nun ist er im Alter von 86 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

von Zoran gojic

München – So mancher, der es damals live im Fernsehen miterlebt, reibt sich die Augen. Am 16. Mai 1981 sitzt Karheinz Böhm bei Frank Elstner in „Wetten, dass ...?“ (damals noch auf einem Stuhl, die Couch kam später) und bietet überraschend eine Wette an: Er glaube nicht, dass jeder dritte Zuschauer eine Mark, einen Schweizer Franken oder sieben österreichische Schilling für Menschen in der Sahelzone spenden werde. Als Wetteinsatz verspricht Böhm, sich um hungernde Menschen in Afrika zu kümmern, sollte er die Wette verlieren.

Alle halten das für den PR-Gag eines alternden Stars, der keine Rollen mehr bekommt. Aber Böhm macht zur Verblüffung aller Ernst – obwohl er die Wette gewinnt. Noch im selben Jahr gründet Böhm mit den Spendengeldern, umgerechnet mehr als 600 000 Euro, die Stiftung „Menschen für Menschen“, die sich auf die Hilfsarbeit in Äthiopien konzentriert. Böhm geht nach Äthiopien. Und bleibt. Nicht nur Wochen oder Monate. Es werden Jahrzehnte. Und es wird die Rolle seines Lebens.

Böhm propagiert gegen die gängige Praxis der Wohltätigkeitsorganisationen die „Hilfe zur Selbsthilfe“, anstatt nur Hilfsgüter zu verteilen. Und er sorgt dafür, dass die Menschen im reichen Norden sehen, dass nur wenige Flugstunden entfernt Kinder verhungern. Frank Elstner, einst im ersten Moment irritiert, sagt heute: „Es war die wichtigste Wette, die jemals in meiner Show stattfand.“ Es ist eine erstaunliche Wendung im Leben Böhms, bei dem öfter alles anders kam, als er und andere dachten.

In seinen 86 Jahren auf Erden hat Böhm mindestens drei Leben gelebt. Am 16. März 1928 wird er als Sohn von Karl Böhm in Darmstadt geboren. Genau: der Karl Böhm, legendärer österreichischer Dirigent, nach Meinung einiger Musikkritiker nach wie vor der einzige, der Mozart gerecht wurde. So ist Karlheinz Böhm zunächst und vor allem: Sohn.

Er wächst in Deutschland auf, und obwohl sein Vater sich auch aus Karriere-Gründen als begeisterter Anhänger der Sache Hitlers inszeniert, tut er 1939 kurz vor Kriegsausbruch das einzig Richtige und verfrachtet seinen einzigen Sohn in die Schweiz.

Nach dem Krieg versucht Karlheinz Böhm einiges, um aus dem Schatten des übermächtigen Vaters zu treten. Er bewirbt sich als Pianist an der Musikhochschule, aber angesichts seines Nachnamens erwartet man mehr von ihm, als er leisten kann. Nach halbherzigen Versuchen zu studieren entscheidet er sich, Schauspieler zu werden. Böhm sieht gut aus, hat Talent. In der Welt des Schauspiels mag ihm sein Nachname Türen geöffnet haben. Er spielt Theater, bekommt aber bald Angebote beim Film, wo er im gediegenen 1950er-Jahre-Kino eine recht gute Figur macht.

Sein zweites Leben beginnt, als er 1955 Kaiser wird. Als Franz Joseph von Österreich-Ungarn porträtiert er in „Sissi“ den liebenden Gatten und treusorgenden Landesvater. Das alles ist zwar dreist zusammengelogen, aber den Menschen ist das egal: Endlich ist wieder Monarchie und die Welt wieder in Ordnung, wenigstens im Kino. Böhm trägt es mit Fassung, dass in Wahrheit der Teenager Romy Schneider der Star des Films ist, der noch zwei erfolgreiche Fortsetzungen erlebt. Dass die Saga funktioniert, liegt auch daran, dass die Chemie zwischen Böhm und Schneider stimmt. Sie bleiben auch später gut befreundet.

Vielleicht, weil ihre Biografien erstaunlich ähnlich sind. Auch Schneider stammt aus einer „Dynastie“, auch ihre Mutter hatte sich nicht überschwänglich genug dem „Führer“ an den Hals werfen können. Sowohl Böhm als auch Schneider haben nach der „Sissi“-Trilogie dasselbe Problem: Sie wollen weg vom miefigen deutschen Kino, weg vom Klischee, weg aus dem Land, das sie als zu eng, zu beklemmend empfinden.

Beide fliehen ins Ausland. Schneider kommt dort gut zurecht, Böhm nicht so gut. Zum Abschied verstört er noch im erbarmungslosen Anti-Nazi-Drama „Kriegsgericht“ als sympathischer Deserteur, der vor Gericht landet und schockiert dann 1960 in dem englischen Thriller „Peeping Tom“ als schwer gestörter Serienkiller. Der Film gilt heute als Klassiker und als beste Leistung Böhms als Schauspieler, aber damals verliert er damit auf einen Schlag seine treuen Fans. Er dreht weiter international, unter anderem mit Bond-Regisseur Terence Young oder Vincenti Minelli und dringt im US-Fernsehen sogar bis in die „Shiloh“-Ranch vor. Aber der große Erfolg bleibt aus.

Erst in den 70er-Jahren holt er sich die verdiente Anerkennung, weil er sich traut, mit dem Enfant terrible Rainer Werner Fassbinder zu arbeiten. Der gibt Böhm die Chance, abgründige Charaktere darzustellen. Zugleich sensibiliert der politische Hitzkopf Fassbinder den etwas saturierten Schauspieler-Gentleman für die Ungerechtigkeit der Welt und des politischen Systems. Die Zeiten sind danach, und Böhm lernt damals eher zufällig während eines Kurzaufenthalts in Kenia das Ausmaß der Armut in Afrika erstmals kennen. Ohne Fassbinder, so erklärt Böhm später, hätte er sich darüber niemals Gedanken gemacht. Die berühmte Wette von 1981 hatte also eine Vorgeschichte.

Materiell abgesichert und mit respektablem Lebenswerk drängt es Böhm in sein drittes Leben. Es ist wohl vieles zusammengekommen damals. Die Angebote bleiben aus, die dritte Ehe ist gerade gescheitert, der übermächtige Vater im Sommer ’81 gestorben – ideal für einen Neustart für jemanden, der zu springen wagt. Und Böhm springt. Er weiß anfangs, dass ihn niemand ernstnehmen wird, weder in Deutschland noch in Äthiopien. Aber er ist hartnäckig. Und wächst an seiner Aufgabe.

Die Schauspielerei gibt er endgültig auf, auch wenn er noch zwei, drei Mal im deutschen Fernsehen auftaucht. Sein Leben ist jetzt „Menschen für Menschen“ und trotz großer Skepsis zu Beginn gewinnt Böhm das Vertrauen der Menschen. Gerade indem er ihnen nicht einfach einen Sack Reis vor die Hütte wirft, sondern sie als Menschen ernst nimmt. Er fordert sie, will, dass sie Brunnen bohren, Saatgut ausbringen, Schulen bauen. Einen Plan, ein durchdachtes Konzept gar, hat er nicht. Vermutlich läuft es deshalb ganz gut mit den Afrikanern und ihm: Sie spüren, dass Böhm ihnen nichts überstülpen will.

Selbst an das große Tabu-Thema der Beschneidung von Mädchen kann sich Böhm dann nach langem Zögern machen. Nicht, indem er von der Kanzel richtet, sondern mit mühsamer Aufklärungsarbeit. Heute ist die überwiegende Mehrheit der Frauen in Äthiopien gegen die Beschneidung.

Böhm, der immer der Inbegriff des gehorsamen, feschen Schwiegersohns war, genau dieser Böhm also wird im Alter zu einer Nervensäge, wenn es um sein echtes Lebenswerk geht. Dass Entwicklungshilfe oft nur eine verschleierte Form von Ausbeutung sein kann, dass Banken mit den Krediten für bitterarme Länder gutes Geld verdienen, dass die westlichen Demokratien fröhlich Waffen in Krisenregionen verkaufen – das regt Böhm auf. Und er packt seine Empörung nicht in freundliche Worte.

Das kostet ihn Gönner und viel Sympathie in seiner Heimat, aber Böhm ist das egal. Er will einen nachhaltigen Wandel in der Politik. Dafür muss er Klartext reden.

Dass seine Stiftung in den vergangenen Jahren ins Gerede kommt und seine vierte Ehefrau, die Äthioperin Almaz, unter dem Verdacht des lockeren Umgangs mit Spendengeldern und eines autokratischen Führungsstils gerät – das kriegt Böhm wohl gar nicht mehr mit. Er leidet seit Jahren unter Demenz und ist zurück in seine österreichische Heimat gezogen, wo er nun mit 86 gestorben ist. Er ist spät das geworden, was er als junger Mann nur gespielt hatte: ein vorbildlicher Mensch, ein verantwortungsbewusster Erdenbürger. Ein Kaiser eben.

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