von Maximilian Heim Stuttgart – Manchmal kann es helfen, durch Kinderaugen auf die Welt zu blicken, besonders wenn die Erwachsenen sich uneinig sind.

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Stuttgart 21 war lange das wohl umstrittenste Bauvorhaben der Republik. Inzwischen wird seit acht Jahren gebaut – frühestens 2025 soll alles in Betrieb gehen. Ein Besuch zwischen Kelchstützen und Bohrmaschinen.

von Maximilian Heim

Stuttgart – Manchmal kann es helfen, durch Kinderaugen auf die Welt zu blicken, besonders wenn die Erwachsenen sich uneinig sind.Da steht also an einem Tag im August ein Bub im Stuttgarter Hauptbahnhof. Er schaut durch ein Guckloch in den riesigen Krater, aus dem eines Tages der neue Tiefbahnhof der Stadt werden soll. „Was ist das?“, fragt der erstaunte Junge seine Mutter, die Antwort geht unter im Lärm von Rollkoffern und hastenden Reisenden.

Sollte die Mutter zu Pathos neigen, hätte sie ihren Sohn ernst anblicken können und sagen: „Das, mein Junge, ist die wohl umstrittenste Baustelle der Republik“. Ganz falsch wäre das jedenfalls nicht gewesen (sieht man mal vom Berliner Nicht-Flughafen ab). Denn wir erinnern uns: Ausgerechnet in Stuttgart mit seinen 600 000 schwäbisch-strebsamen Einwohnern kam es vor acht Jahren zu heftigen Protesten gegen den geplanten Umbau des Hauptbahnhofs. Schließlich musste der altersmilde Heiner Geißler vermitteln, die Schlichtung bescherte dem TV-Sender Phoenix Rekordquoten. Die Stichworte jener Tage lauten: Stresstest, Wasserwerfer, Wutbürger und Juchtenkäfer.

Und heute? Bittet man um eine Führung über die Baustelle, fahren die Presseleute des Bahnprojekts groß auf. Vier Stunden nimmt sich ein Sprecher Zeit, man besucht entstehende Tunnel und Brücken, steht vor riesigen Bohrmaschinen und Kelchstützen. Man trifft Ingenieure aus Österreich, Berlin und dem Münsterland, die gewissenhaft und ein bisschen begeistert über die Größe und Komplexität von Stuttgart 21 sprechen. Und man lauscht den Ausführungen von Manfred Leger, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung.

Der 64-jährige Leger ist gebürtiger Münchner (was man hört) und erfahren in der Vermarktung komplizierter Bauvorhaben (was man auch hört). Leger sagt: „Aus technischer Sicht ist das ein extrem anspruchsvolles Projekt, nicht zuletzt, weil wir das Grundwasser absenken mussten. Aber wir kommen gut voran – und gehen davon aus, dass der künftige Hauptbahnhof 2025 in Betrieb gehen kann.“ Bereits 2022 soll die Neubaustrecke nach Ulm fertig sein.

Die Gegner des Projekts sehen das völlig anders, ein paar hundert protestieren weiter Montag für Montag, zornig und überzeugt. Längst gehören ihre gelben Aufkleber mit durchgestrichenem „Stuttgart 21“-Schriftzug zum Stadtbild, sie kleben an Autos und Briefkästen, auf Straßenlaternen und in Kneipen-Klos. Dabei, sagen die Verantwortlichen, habe man doch gelernt aus der schlechten Kommunikationspolitik von damals – und aus dem für rechtswidrig erklärten Wasserwerfer-Einsatz der Polizei gegen Demonstranten im Herbst 2010, bei dem ein Mann sein Augenlicht verlor.

Aber es ist wie oft bei einem Streit dieser Größenordnung: Jede Seite hat sich in ihrer Argumentationswelt eingenistet. Also sagen die Befürworter: Der neue Bahnhof wird effizienter. Die wegen ihrer Kessel-Lage beschränkte Stadt gewinnt dank frei werdender Gleisflächen ein neues Viertel. Der Flughafen wird nur noch acht Minuten vom Hauptbahnhof entfernt sein. Und die Gegner erwidern: Die Kommunikation ist unverändert bescheiden. Und das Projekt ist überdimensioniert, baulich unnötig komplex, sündhaft teuer und umweltpolitisch daneben. Zwischenzeitlich ging dieser Riss durch Stuttgarter Familien und Beziehungen; das immerhin haben die vergangenen Jahre wieder ein wenig ins Lot geschaukelt.

Wenn der neue Bahnhof im Jahr 2025 oder später den Betrieb aufnimmt, wird er Baden-Württembergs Landeshauptstadt mehr als ein Vierteljahrhundert beschäftigt haben. Die Rahmenvereinbarung datiert aus dem Jahr 1995 und ging von 2,5 Milliarden Euro aus – umgerechnet wohlgemerkt, man zahlte schließlich noch in D-Mark. Zur Einordnung: Damals war Erwin Teufel von der CDU Ministerpräsident, der VfB Stuttgart beschäftigte einen jungen Co-Trainer namens Joachim Löw – und die wenigen Mobiltelefone sahen aus wie kleine Hämmer.

Aber zurück ins Hier und Jetzt. Seit jeher begleitet Stuttgart 21 auch die liebste Frage vieler Schwaben – nämlich „Was koschded des?“ Die Antwort ist aus Sicht der Bahn (und der Steuerzahler) unerfreulich. Denn aus einst 2,5 Milliarden Euro sind aktuell 8,2 Milliarden Euro geworden. Der Bundesrechnungshof geht sogar davon aus, dass die Summe noch zweistellig wird. Wer die Mehrkosten trägt, ist unklar. Die Bahn will Stadt und Land gerichtlich zwingen, sich zu beteiligen. Aber das Verfahren läuft schleppend – was der grün-schwarzen Landesregierung nicht ungelegen kommen dürfte. Die Grünen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, lange erbitterte S21-Gegner, haben sich zwar notgedrungen mit dem Projekt abgefunden. Aber mit jeder Milliarde mehr wächst der interne Unmut. Verkehrsminister Winfried Hermann, ebenfalls Grüner, ist ein langjähriger Kritiker des Projekts.

Wie penibel die Verantwortlichen angesichts dieser explosiven Lage ihre Worte wählen, merkt man auch in den Gesprächen mit den Ingenieuren. Während der Baustellen-Führung gilt die Regel „unter drei“, was bedeutet, dass das Gesprochene nicht veröffentlicht werden darf und wörtliche Zitate abzuklären sind. Trotzdem klingen viele Sätze der Bauleiter wie eine Bewerbungsnote für den diplomatischen Dienst.

Schuld daran ist nicht zuletzt ein braunschwarzes Tier, das im Zuge von Stuttgart 21 zu unerwarteter Bekanntheit kam. Gemeint ist der streng geschützte Juchtenkäfer, der es sich auf Bäumen gemütlich gemacht hatte, die für das Bahnprojekt gefällt werden sollten. Nach langem Hin und Her, in dem jeder Halbsatz ein Politikum werden konnte, wurden manche Bäume umgepflanzt und einige Bäume doch nicht gefällt. Ein wichtiges Zeichen für den Naturschutz, sagen die einen. Ein irres Getue wegen ein paar blöder Käfer, sagen andere.

Die Botschaft der Bahn ist jedenfalls klar. Sie lautet sinngemäß: Wir halten uns an alle Regeln und Auflagen, siedeln zähneknirschend auch Juchtenkäfer um. Aber wir werden diesen Bahnhof bauen. Da können die Gegner uns penibel ausgearbeitete Alternativvorschläge vorlegen, so lange sie wollen. Für das Unternehmen ist das Projekt zu einem sehr grundsätzlichen Beweis für die eigene Handlungsfähigkeit geworden. Manche Beteiligte stilisieren Stuttgart 21 gar zur Blaupause dafür, ob Großprojekte in Deutschland überhaupt noch realisierbar sind.

Wie die Baustelle das Leben in der Stadt verändert, ist etwa auf den Straßen um den Bahnhof zu beobachten. Da stehen pendelnde Autofahrer noch länger im Stau als anderswo in Stuttgart – und tuckern um das staubspuckende Loch, das dereinst das Herzstück der Stadt sein soll. Hübsche Pointe: Auf dem Weg zu einem Tunnel-Abschnitt verfährt sich der Pressesprecher in der baustellenbedingt wirren Straßenführung vor dem Bahnhof, die tageweise an einen anspruchsvoll gestalteten Verkehrsübungsplatz erinnert.

So ist Stuttgart 21 ein treuer Begleiter der Stadtgesellschaft geworden. In ihren Zeitungen lesen die Menschen, dass ihr Oberbürgermeister die Mehrkosten gerne dem Bund übertragen möchte. Dass das überlastete Verwaltungsgericht heuer nicht mehr über die Kostenfrage urteilen wird. Und dass Naturschützer die Umsiedlung von Mauereidechsen, die auf dem Gebiet eines geplanten Abstellbahnhofs leben, gerichtlich erzwingen wollen.

Also beschäftigt sich Projektchef Leger aktuell eben mit Eidechsen. Bevor er sich nach dem Baustellen-Besuch mit einem grinsenden „Schreiben Sie was Anständiges“ zum nächsten Termin verabschiedet, betont er noch einmal, wie wichtig Stuttgart 21 für Stadt und Region sei – und wie ernst man alle Einwände und Wünsche nehme.

Wie nötig dieser Tonwechsel war, zeigen Aussagen des früheren Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) von Ende 2017. Mappus, den auch der Streit um Stuttgart 21 Amt und politische Karriere gekostet hat, erklärte damals erstmals öffentlich, dass man bei der Eskalation 2010 ratlos gewesen sei. Und von Anfang an viel besser hätte kommunizieren müssen.

Beschäftigt man sich heute mit dem Projekt, schickt die Pressestelle vorab ein einseitiges Dokument, das die wichtigsten Fakten bündelt. Über vielen Zahlen steht eine Überschrift, auf die sich trotz der gewaltigen Differenzen wirklich alle einigen können. Was da kurz und harmlos zu lesen ist? „Stuttgart 21: Viel mehr als ein Bahnhof“.

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare