Der FDP-Politiker Martin Hagen kämpft für politische Unterstützung

Der steinige Weg zum Familienglück

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Der Weg bis zu diesem Familienfoto war kein leichter: Martin Hagen, Fraktionschef der FDP im Landtag, mit Ehefrau Anisha, den beiden Kindern und ihrem Hund Mali.
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Es ist noch immer ein Tabuthema: Tausende junge Paare versuchen vergeblich, Kinder zu bekommen. Die bayerische Politik will nun Millionen für medizinische Hilfe bereitstellen – angestoßen von der FDP. Deren Fraktionschef Martin Hagen hat seine ganz eigene Geschichte.

München – Irgendwann waren Martin Hagen und seine Frau kurz vor dem Aufgeben. „Wir haben uns langsam darauf eingestellt, dass unser Kinderwunsch unerfüllt bleibt“, erinnert sich der heute 38-Jährige. Jahrelang hatten sie versucht, Nachwuchs zu bekommen. Vergeblich. Hoffen und bangen. Verzweiflung. Aber irgendwann hatten sie genug. Sie schafften sich einen Hund an und redeten sich ein, dass man als Doppelverdiener ohne Kinder ja auch ein schönes Leben führen kann. Und dann kam es doch anders: Ein letzter Versuch künstliche Befruchtung. Ein Treffer. „Ich bin nach wie vor überzeugt, dass dieser Hund ein Grund dafür war, dass wir unsere erste Tochter bekommen haben. Er hat einfach den psychischen Druck genommen.“

Martin Hagen ist ein positiver Typ. Jung, dynamisch, erfolgreich. Im Wahlkampf haben sie ihn den „bayerischen Lindner“ genannt. Hagens Geschichte ist eine ungewöhnliche, weil der oft so theoretische Politikbetrieb aufs pralle Leben trifft. Ungewöhnlich auch, weil Parteigrenzen fallen und die kleinste Oppositionspartei plötzlich mitregieren darf. Und ungewöhnlich vor allem, weil da einer offen über Erfahrungen spricht, die andere lieber verschweigen: Über ein junges Paar, das Probleme hat, Kinder zu bekommen und medizinische Hilfe in Anspruch nimmt.

Im Jahr 2011 wird Krebs diagnostiziert

Die Nachricht ist relativ schnell erzählt: Der Freistaat will nun Menschen bei der medizinischen Hilfe für einen Kinderwunsch finanziell unter die Arme greifen. Der Anstoß kam von FDP-Mann Hagen, inzwischen haben sich – nach einigem Zögern – die Fraktionen von CSU und Freien Wählern seinem Anliegen angeschlossen. Vor allem Bernhard Seidenath (CSU), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses, stellte sich hinter Hagens Plan. Der Antragsteller ist erleichtert, dass zumindest finanzielle Fragen jetzt kein Kriterium mehr sind. „Für die Paare ist das ohnehin schon eine enorme Belastung.“ Er weiß, wovon er spricht.

Hagens Geschichte beginnt im Frühjahr 2011 mit einer schlimmen Diagnose. Unter der Dusche stellt er fest, dass etwas nicht stimmt. Kurz darauf ist klar: Hodenkrebs. Er muss operiert werden, später folgt eine Chemotherapie. Im Landtag kennen nicht viele diese Krankengeschichte. „Ich gehe mit dem Thema nicht hausieren – und im Wahlkampf hat mich niemand darauf angesprochen.“ Aber er verschweigt sie auch nicht. „Es ist eine einschneidende Erfahrung, auch wenn sie mich nicht zu einem anderen Menschen gemacht hat. Ich war vorher schon jemand, der immer optimistisch und zuversichtlich war.“

2011 ist auch das Jahr, in dem Hagen mit seiner heutigen Frau Anisha zusammenzieht. Kinder haben da noch keine Priorität. Und doch sind sie ein Thema. Denn die Ärzte warnen vor der Gefahr, durch die Chemotherapie unfruchtbar zu werden. Sie raten ihm, Sperma zu kryokonservieren, also in flüssigem Stickstoff einzufrieren. Er folgt diesem Rat. Gott sei Dank.

Hagen besiegt den Krebs. Im Herbst 2011, nur ein halbes Jahr nach der niederschmetternden Diagnose, läuft er einen Marathon. Ein wenig verrückt vielleicht, aber eben sein ganz persönlicher Triumph über die Krankheit. Kurz darauf heiratet er seine Freundin, will eine Familie gründen. Auch sie hat gesundheitliche Probleme: Endometriose heißt die Krankheit, die Entzündungen auch an den Eierstöcken verursacht. Bis zu eigenen Kindern ist es da ein weiter Weg.

Hagen rechnet mit 1000 Kindern mehr

Damit beginnt die Odyssee. Die Kurzversion: Neun Mal versucht das Paar in dreieinhalb Jahren, mit medizinischer Hilfe in einer Münchner Praxis Nachwuchs zu bekommen. Die Verzweiflung wächst. Die beiden suchen einen Spezialisten in Österreich auf, informieren sich über Methoden, die in anderen europäischen Ländern legal sind. „Eigentlich sind die meisten europäischen Länder liberaler als wir“, sagt Hagen. „Wir treiben viele Paare ins Ausland. Wir treiben aber auch viele Kinderwunsch-Ärzte in rechtliche Grauzonen.“ Zwar klappt es bei ihm und seiner Frau letztlich doch in einer Münchner Praxis, doch sieht er Bedarf für politische Änderungen: „Wir sollten in Deutschland zum Beispiel auch die Eizellenspende zulassen. Es kann doch nicht sein, dass viele Paare nach Spanien oder Osteuropa fahren, um sich dort behandeln zu lassen.“ Das Embryonenschutz-Gesetz ist von 1990. „Es wäre höchste Zeit, darin den medizinischen Fortschritt zu berücksichtigen“, sagt der FDP-Politiker.

Das alles sind große politische Grundsatzfragen, die natürlich nicht im Landtag entschieden werden. Doch als kleine Landtagsfraktion kann man kinderlosen Paaren zumindest ein wenig helfen. Beim Geld. Schon die einfache Insemination kostet einen niedrigen dreistelligen Betrag, jede IVF-Behandlung einen mittleren vierstelligen. „Weil es natürlich meistens nicht beim ersten Versuch klappt, ist man als Paar da schnell mal 20 000 Euro los“, sagt Hagen. „Wir haben den Gegenwert eines Mittelklassewagens investiert.“ Ein erfüllter Kinderwunsch dürfe aber nicht eine Frage des Geldbeutels sein, findet er. Deshalb stellte die FDP ihren Antrag. Hagen rechnet damit, dass dadurch 1000 Kinder pro Jahr zusätzlich geboren werden. Die Zuschüsse bleiben aber auf eine bestimmte Anzahl von Versuchen begrenzt (siehe Kasten). Wer also mehr Anläufe braucht, so wie die Hagens, muss das auch künftig selber bezahlen.

Schätzungen zufolge sind sechs Millionen Frauen und Männer zwischen 25 und 59 Jahren in Deutschland ungewollt kinderlos. Viele suchen Hilfe, die wenigsten sprechen darüber. „Wir sind im Freundeskreis immer relativ offen damit umgegangen. Wenn man dann darüber gesprochen hat, kam plötzlich: Ja, wir haben das gleiche Problem.“ Einem befreundeten Paar begegneten er und seine Frau zufällig in der Kinderwunsch-Praxis. „Ich glaube, dass ein lange unerfüllter Kinderwunsch etwas ist, an dem viele Beziehungen zerbrechen können“, sagt er. „In unserem Fall hat es uns zusammengeschweißt.“

Inzwischen sind die Hagens glückliche Eltern. Die Große ist im Mai drei Jahre alt geworden, die Kleine eins. Und ach ja, den Hund gibt es auch noch – als besonders wichtiges Familienmitglied.

Die aktuelle Lage – und was der Landtag plant

Die Krankenkassen sind gesetzlich verpflichtet, die Hälfte der Kosten für eine künstliche Befruchtung zu übernehmen, soweit eine ärztlich attestierte Chance auf Erfolg besteht . Allerdings nur für eine begrenzte Zahl an Versuchen. So werden drei IVF- oder ICSI-Behandlungen (s. Artikel unten) bezuschusst. Voraussetzung: die Paare sind verheiratet und die Frauen zwischen 25 und 40 Jahre alt. Seit 2012 übernimmt der Bund 25 Prozent der nach Kassenabrechnung verbleibenden Kosten – allerdings nur, wenn das Bundesland weitere 25 Prozent übernimmt. Den Rest muss das Paar selber tragen.

Ein Beispiel: Bei 3000 Euro, so viel kostet in etwa eine IVF-Behandlung, zahlt die Kasse 1500 Euro, Bund und Bundesland zahlen je 375 Euro. Verbleiben 750 Euro für das Paar. Bayern schießt bisher nicht zu, deswegen gibt es auch keine Bundesmittel. Auf Initiative von Martin Hagen (FDP) soll Bayern ab 2020 nun das achte Bundesland werden, das Paare mit Kinderwunsch unterstützt. 5,8 Mio. Euro Kosten pro Jahr werden erwartet. Getragen wird der Antrag auch von CSU und Freien Wählern. Die CSU gab gestern grünes Licht. „Ich kämpfe seit über sieben Jahren für dieses Thema und bin sehr glücklich darüber“, sagte Bernhard Seidenath, gesundheitspolitischer Sprecher der CSU-Landtagsfraktion, unserer Zeitung. Die Bundesländer können selber entscheiden, ob auch unverheiratete Paare unterstützt werden. Entsprechend fließt auch der Bundeszuschuss. Wie der Freistaat die Details gestaltet, steht noch nicht fest. Dass er auch unverheiratete Paare unterstützt, scheint aber eher fraglich. Angedacht ist, vier Behandlungen zu bezuschussen. Das ist das Maximum, das auch der Bund fördert. 

wha

ICSI: Eine Samenzelle wird in die Eizelle gespritzt.

Das ist erlaubt – Das ist verboten

München – Das Embryonenschutzgesetz aus dem Jahr 1990 regelt die „In-vitro-Fertilisation“ (IVF): die künstliche Befruchtung. Es soll im Wesentlichen den Missbrauch von Embryonen verhindern, die nach einer solchen Behandlung entstehen. Doch was ist in Deutschland erlaubt, wie weit sollte man gehen – und was bleibt verboten? Ein Überblick.

IVF

Die „In-vitro-Fertilisation“ nutzen Mediziner insbesondere bei Fruchtbarkeitsproblemen der Frau. Zunächst wird mit Hormonpräparaten die Eizellreifung stimuliert: Meist spritzen die Frauen dafür tagelang hoch dosierte Hormone. Die gereiften Eizellen werden dann abgesaugt, also „punktiert“, und im Labor mit den Samenzellen des Mannes befruchtet. Der entstehende Embryo wird anschließend in die Gebärmutter der Frau gepflanzt. Dies erfolgt nach drei oder fünf Tagen – grundsätzlich stehen die Chancen auf eine Schwangerschaft besser, wenn der Embryo später übertragen wird, weil die Ärzte dann seine Entwicklung genauer beurteilen können.

ICSI

Am häufigsten wird inzwischen nicht die IVF, sondern die „Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion“, kurz ICSI, angewendet. Sie kommt bei Fruchtbarkeitsproblemen des Mannes zum Einsatz, etwa bei zu wenigen oder schlecht beweglichen Spermien. Der Ablauf ist zunächst derselbe wie bei der IVF – zur Befruchtung wird jedoch nur eine Samenzelle unter einem Mikroskop direkt in die Eizelle gespritzt.

Samenspende

Die Samenspende ist in Deutschland erlaubt, allerdings nicht die anonyme. Grund: Die Kinder, die nach einer solchen Spende entstehen, sollen später die Chance haben, ihre Herkunft zu erfahren. Zudem können Männer, etwa aus medizinischen Gründen (siehe Haupttext), ihr Sperma für spätere Befruchtungen einfrieren lassen: also „kryokonservieren“.

Eizellspende

Anders als in vielen europäischen Ländern  ist in Deutschland die Eizellspende verboten. Hierbei greift die Frau auf Eizellen einer – meist jüngeren – Spenderin zurück. Diese gespendeten Eizellen werden dann mit den Samenzellen des Mannes vereint, via IVF oder ICSI, und in die Gebärmutter der Frau eingesetzt. Der Embryo stammt somit genetisch nur vom Vater, aber nicht von der Mutter ab.

Erlaubt ist hier indes das „Social Freezing“: das Einfrieren eigener Eizellen für spätere Schwangerschaften.

Verboten ist zudem die „Leihmutterschaft“: wenn also eine fremde Frau ein Kind für ein Paar austrägt. Theoretisch sind hier bis zu fünf Elternteile denkbar: die Leihmutter und die sozialen Eltern sowie die Eizellspenderin und der Samenspender.

Embryonenspende

Wenn ein Paar einem anderen Paar seinen Embryo schenkt, dann spricht man von einer Embryonenspende. Sie ist in Deutschland legal. Das Kind, das aus einer solchen Spende entsteht, ist genetisch aber nicht mit seinen sozialen Eltern verwandt. Bei den Spenden handelt es sich ausschließlich um Embryonen, die nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung übrig geblieben sind. Ihre Zahl ist vergleichsweise gering, da laut Gesetz keine Embryonen „auf Vorrat“ kultiviert werden dürfen.

Die Zahl der „imprägnierten Eizellen“ ist indes um ein Vielfaches höher: Diese werden am ersten Tag der Befruchtung tiefgefroren, die väterlichen und mütterlichen Chromosomensätze sind da noch nicht verschmolzen. Ob solche Zellen gespendet werden dürfen, liegt nach wie vor im juristischen Graubereich. Denn: Das veraltete Embryonenschutzgesetz hinkt hier dem medizinischen Fortschritt massiv hinterher. Fakt ist, dass sich beim Auftauen dieser Zellen das genetische Programm automatisch vollzieht, ohne Zutun – und es entsteht am Ende ein schützenswerter Embryo.

bn

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