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Interview mit russischer Anti-Kriegs-Aktivistin

Marina Owsjannikowa: „Unter Putin wird sich rein gar nichts ändern“

Dieses Bild ging um die Welt: Während Yekaterina Andreyeva die Nachrichten verliest, stürmt Marina Owsjannikowa ins Bild. Auf dem Plakat steht übersetzt: „Stoppt den Krieg! Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen. Russen sind gegen Krieg.“
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Dieses Bild ging um die Welt: Während Yekaterina Andreyeva die Nachrichten verliest, stürmt Marina Owsjannikowa ins Bild. Auf dem Plakat steht übersetzt: „Stoppt den Krieg! Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen. Russen sind gegen Krieg.“

Sie crashte eine russische TV-Nachrichtensendung mit ihrem NO-WAR-Plakat. In unserem Interview spricht Marina Owsjannikowa über ihren Protest und Russlands aggressive Propaganda gegen den Westen.

VON SVEN LILIENSTRÖM

Mit ihrer sechssekündigen Plakataktion in „Wremja“, der Hauptnachrichtensendung des russischen Staatsfernsehens, wurde Marina Owsjannikowa über Nacht weltweit zur Ikone für Presse- und Meinungsfreiheit – und in Russland zur Staatsfeindin. Sven Lilienström, 47, Gründer der Initiative „Gesichter der Demokratie“, sprach mit der 43- jährigen Redakteurin über die Beweggründe und Folgen ihrer Aktion – und darüber, wie Putin es mit antiwestlicher Propaganda geschafft hat, auch viele junge Russen hinter sich zu bringen.

Frau Owsjannikowa: Was bedeutet Demokratie für Sie ganz persönlich?

Marina Ovsyannikova vor ihrer Aktion im russischen Staatsfernsehen, bei der sie mit einem Protestplakat für eine Unterbrechung der abendlichen Hauptnachrichtensendung sorgte.

Als freier Mensch leben zu können. In letzter Zeit hat sich mein Heimatland jedoch in einen totalitären Staat verwandelt, der sich zunehmend von der Außenwelt abschottet. Das betrifft auch die Kommunikation. Faktisch alle unabhängigen Medien wurden gesperrt oder als „ausländische Agenten“ eingestuft, die meisten sozialen Medien sind nicht mehr erreichbar. Die Menschen in Russland haben somit fast ausschließlich Zugang zu staatlich gelenkter Informationspropaganda. Die Folge: Ein Informationsvakuum, welches wir – wie auch immer – überwinden müssen. Ich bin immer gerne gereist und habe mit vielen verschiedenen Menschen gesprochen. Daher sind demokratische Werte für mich keine leeren Floskeln.

Wie kam es zur Aktion am 14. März in der Nachrichtensendung „Wremja“?

Der Protest ist seit vielen Jahren in mir gereift. Ich war mit der Politik des Senders „Perwy kanal“ nicht einverstanden, ebenso mit anderen Dingen, die in unserem Land passierten und noch passieren. Es brodelte in mir, aber aus persönlichen Gründen konnte ich nicht sofort kündigen. Das änderte sich schlagartig mit Beginn des Krieges. Mir war klar, dass ich keinen Tag länger für „Perwy kanal“ arbeiten kann. Als spontane Reaktion wollte ich mich auf den Weg zum „Maneschnaja-Platz“ machen, um zu protestieren, aber im letzten Moment hielt mich mein Sohn auf. Die Idee mit der Plakat-Aktion hatte ich am folgenden Wochenende. Ich kaufte einen Textmarker und etwas Papier. Zuhause zeichnete ich das Plakat. Und bereits am Montag wusste ich: Wenn, dann muss es heute passieren.

Seit zehn Jahren wird den Menschen hierzulande suggeriert, dass der Westen versucht, Russland zu zerstören. Eine ganze Generation ist mit Putins Propaganda aufgewachsen. Einfach schrecklich!

Marina Ovsyannikova

Wie war Ihr Plan?

Mein ursprünglicher Plan war, mich mehr im Hintergrund des Fernsehstudios zu platzieren. Doch im letzten Moment spürte ich einen starken emotionalen Impuls. Ich beschloss, ins Studio zu laufen, eine Sicherheitsabsperrung zu überwinden und mich direkt hinter die Moderatorin zu stellen. Alles ging blitzschnell. Die Sicherheitsbeamtin – ein nettes Mädchen – hatte keine Zeit sich zu orientieren, geschweige denn zu verstehen, was gerade passiert ist. Noch nie in der 50-jährigen Geschichte von „Wremja“ ist etwas Derartiges geschehen.

Wie ging es weiter?

Nach wenigen Sekunden verließ ich ruhig das Studio, ging den Korridor entlang und die gesamte Führungsriege von „Perwy kanal“ kam mir bereits entgegen. Ich musste im Büro des stellvertretenden Leiters eine schriftliche Erklärung abgeben. Dann eskortierte mich die hinzugerufene Polizei in mein Büro. Es herrschte eine unwirkliche Stimmung. All die anwesenden Kollegen, standen einfach nur da und sahen mich mit vollkommenen überraschten Augen an. Sie haben nicht verstanden, was passiert ist. Sie haben nicht verstanden, wie so etwas überhaupt passieren konnte.

Sie sagten später, sie wollten die Menschen wachrütteln, die von der russischen Propaganda zu „Zombies“ gemacht wurden. Ist das gelungen?

Es ist schwer zu beurteilen, wie erfolgreich die Aktion letztendlich war. Meine Freunde, Nachbarn und Bekannten unterstützen mich, so gut es geht. Viele Menschen schreiben mir oder kommentieren meine Aktion in den sozialen Medien. Aber wenn ich die Menschen frage, warum sie nicht auf die Straße gehen, warum sie nicht aktiv werden, lautet die Antwort meist: „Wir haben Angst. Es ist besser, sich nicht in die Politik einzumischen!“

Reicht ein Wachrütteln aus, wenn sie sich nicht trauen zu demonstrieren?

Nein, das reicht natürlich nicht! Die Menschen bilden sich ihre Meinung, aber die staatliche Propaganda in Russland ist sehr gut entwickelt. Erst heute habe ich in einer aktuellen Umfrage gelesen, dass 81 Prozent der Menschen in Russland Putins „Aktionen“ unterstützen. Ich weiß nicht, ob man diesen Daten vertrauen kann. Meiner Wahrnehmung nach unterstützt mehr als die Hälfte der Russen diesen Krieg nicht. Am Samstag fanden erneut Proteste in Moskau und vielen weiteren Städten in Russland statt. Mehrere Dutzend Personen wurden festgenommen. Aber die breite Masse hält still. Die Menschen haben wirklich Angst. Dennoch gibt es einige wenige Menschen in Russland, die bereit sind, alles aufs Spiel zu setzen: Ihr Leben sowie das Leben ihrer Familien – alles für den aktiven Protest!

Meine Mutter gehört zur älteren Generation, hört von morgens bis abends Staatspropaganda. Daher ist es unmöglich, mit ihr zu sprechen oder sie von etwas anderem zu überzeugen.

Marina Ovsyannikova

Sie sind überrascht, dass Sie außer zu einer Geldstrafe noch nicht verurteilt wurden. Nutzt Putin Ihre mediale Öffentlichkeit, um sich selbst zu inszenieren?

Nach der Plakat-Aktion haben die Verantwortlichen von „Perwy kanal“ geschwiegen. Sie wussten nicht, wie sie reagieren sollen. Sie haben mich anhand aller verfügbaren Quellen überprüft. Auch meine Verwandten. Erst eine Woche später ging mein direkter Vorgesetzter Kirill Kleimyonov mit einem Bericht an die Öffentlichkeit, in dem behauptet wird, ich sei eine britische Spionin. Völlig absurd! Seitdem habe ich das Gefühl, auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden. Viele Menschen fragen mich: „Warum bist du nicht im Gefängnis?“ Ich denke, dass es der russischen Propaganda bis zu einem gewissen Grad recht ist, wenn ich mit westlichen Medien kommuniziere. Wahrscheinlich ist meine Bekanntheit – zumindest derzeit – für den Kreml von Vorteil. Ich kann nicht sagen, was die führenden FSB-Kräfte (russischer Inlandsgeheimdienst) unseres Landes denken. Aber es gibt aktive Aufrufe, mich hinter Gitter zu bringen. Ein neues Verwaltungsverfahren wurde eingeleitet, zwei Tage später jedoch zurückgezogen. Jetzt warten meine Anwälte darauf, welche Anklagen erhoben werden. Wir warten ab, was als Nächstes passiert.

Die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen sind am Tiefpunkt: Halten Sie eine Normalisierung der Beziehungen unter Putin für realistisch?

Nein! Russland hat in den letzten zehn Jahren eine aggressive Propaganda gegen den Westen und alle westlichen Werte betrieben. Seit zehn Jahren wird den Menschen hierzulande suggeriert, dass der Westen versucht, Russland zu zerstören. Dass Amerika und Großbritannien unsere Feinde sind, ebenso die westlichen Medien. Diese Propaganda wiederholt sich in den wahnsinnigen Shows im Fernsehen. Es gibt Shows, in denen Ukrainer durchweg als Nationalisten und Faschisten bezeichnet werden. Wenn sie zehnmal wiederholen, dass Schwarz eigentlich Weiß ist, dann glauben die Menschen irgendwann daran. Wir waren all die Jahre im Fernsehen sehr aggressiv, in sämtlichen Medien gab es staatliche Informationspropaganda speziell gegen den Westen. Eine ganze Generation ist mit Putins Propaganda aufgewachsen. Einfach schrecklich. Ich denke, dass sich unter Wladimir Putin rein gar nichts ändern wird. Das wird nur möglich sein, wenn eine neue Politiker-Generation gewählt wird – eine Generation, die nicht in den Mustern des Kalten Krieges denkt. Erst dann können wir unsere geschundenen Beziehungen zum Westen wieder kitten.

Wie haben Ihre Familie und Ihr privates Umfeld auf Ihre Aktion reagiert?

Die Situation ist sehr schwierig. Mein Sohn, meine Mutter und ich haben völlig gegensätzliche politische Ansichten. Meine Mutter gehört zur älteren Generation, hört von morgens bis abends Staatspropaganda. Daher ist es unmöglich, mit ihr zu sprechen oder sie von etwas anderem zu überzeugen. Ich habe oft versucht, eine Art Dialog mit ihr aufzubauen: „Mama, ich arbeite. Ich weiß, wie es geht, hör mir zu…“ Nein, sie versteht nichts, sie antwortet mit auswendig gelernten Floskeln aus dem Fernsehen oder Radio. Dass der Westen unser Feind ist, alle unser Land zerstören wollen. Deshalb kann ich nicht länger als fünf Minuten mit meiner Mutter sprechen. Wir haben vollkommen konträre Wertvorstellungen. Wenn wir über politische Themen reden, endet das immer im Streit. Auch mein Sohn unterstützt mich nicht. Er sagt, ich habe das Leben der Familie ruiniert. Auch, weil ich mich habe scheiden lassen. Hinzu kommt, dass sein Vater – also mein Ex-Mann – für einen anderen Propagandakanal der Regierung arbeitet, für „RT“. Wir stehen also auf entgegengesetzten Seiten des Informationskrieges. Er unterstützt die Kreml-Propaganda voll und ganz. Demzufolge vermittelt mein Ex-Mann unseren Kindern seine Werte, während ich versuche, ihnen eine andere Sichtweise beizubringen. Meine Tochter ist zum Glück noch klein. Sie versteht die politischen Zusammenhänge nicht. Aber sie spürt, was gerade in und mit unserer Familie passiert.

Das ist „Gesichter der Demokratie“

Die Organisation „Gesichter der Demokratie“ wurde 2017 von Sven Lilienström gegründet und setzt sich für die Stärkung von Demokratie, Pluralismus und Pressefreiheit ein. Lilienström interviewt Persönlichkeiten aus allen Bereichen der Gesellschaft.

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