EXPERTIN KERSTIN GÜTHERT VOM RAT FÜR DEUTSCHE RECHTSCHREIBUNG ÜBER DEN WANDEL DER SPRACHE – UND WIE MAN DARAUF REAGIEREN MUSS

„Man kann nicht einfach sagen: Du schreibst das jetzt groß“

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41 Mitglieder aus sieben Ländern gehören dem Rat für deutsche Rechtschreibung an: Neben dem Vorsitzenden Josef Lange sind das 18 aus Deutschland, je neun aus Österreich und der Schweiz sowie je eines aus Liechtenstein, der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und des Großherzogtums Luxemburg.

Geschäftsführerin Kerstin Güthert hat den Bericht mit den Empfehlungen für die nächste kleine Rechtschreibreform verfasst. Sie erklärt im Interview, wie Wissenschaft und Werbung die Sprache beeinflussen, warum das große „ß“ Sinn macht und warum man oft zwei Schreibweisen zulassen muss.

-Der Rat für Rechtschreibung schlägt Anpassungen an den Wandel der Sprache vor. Woran merkt man diese Veränderungen?

Das merkt man an neu aufgekommenen Schreibungen, insbesondere in der Groß- und Kleinschreibung, in der Getrennt- und Zusammenschreibung und bei den Fremdwörtern. Der Rat beobachtet das sehr intensiv und fragt sich: Wo ist die Schreibung im Fluss? Wo muss etwas angepasst werden, damit das Regelwerk nicht veraltet.

-Was beobachten die Experten genau?

Wir verwenden elektronische Textsammlungen: Sie enthalten Artikel aus Tageszeitungen, wissenschaftliche Werke, Literatur, aber auch Stücke informellen Schreibens, über die kein Korrekturprogramm gelaufen ist. Wir schauen uns zum Beispiel Grußkarten an: Bei Konstruktionen wie „das Neue Jahr“ oder „die Goldene Hochzeit“ wird das Adjektiv immer öfter großgeschrieben.

-Das lässt der Rat nun offiziell zu. Sie sprechen von Adjektiven und Substantiven, die einen Gesamtbegriff ergeben...

Ja, schon um 1900 hat man damit angefangen, Adjektive großzuschreiben, um die Verbindung als Einheit zu kennzeichnen – Titel wie „die Königliche Hoheit“, oder „der Heilige Vater“ für den Papst. Das ist ja keine ursprüngliche Funktion von Großschreibung, sondern war als Hilfe für den Leser gedacht. In dem Sinne: „Achtung, jetzt kommt was Besonderes.“

-Wie ging die Entwicklung weiter?

Denken Sie an das „Fleißige Lieschen“ oder die „Schwarze Mamba“. Wenn die Botanik oder die Zoologie anfängt, Adjektive großzuschreiben, greift diese Tendenz auf andere Wissenschaften über. Das hat sich fortgesetzt, allen voran auch in der Politik. Da gab es dann zum Beispiel die „Aktuelle Stunde“ (Anmerkung der Redaktion: Fragerunde im Bundestag).

-Die Rechtschreibreform 1996 hat das Phänomen stark beschränkt.

Es gab damals unendliche Diskussionen – doch nur drei Ausnahmegruppen. Sonst musste alles kleingeschrieben werden. Aber die Menschen haben es nicht angenommen. Von den Medien über Schriftsteller bis zur Lehrerschaft. Sie haben nicht verstanden, warum sie das „Schwarze Brett“ auf einmal kleinschreiben mussten. Oder auch die „Rote Karte“ im Sport. Die Großschreibung war schon stark im Schreibgebrauch verankert.

-Nun gibt es sehr oft zwei Schreibvarianten für einen Ausdruck. Stiftet das nicht Verwirrung?

Man muss Übergangszonen schaffen, wenn zwei Varianten berechtigt sind. Den „blauen Brief“ schreiben viele noch klein, weil sie noch keine neue Gesamtbedeutung damit verbinden. Dann kann man nicht einfach sagen: Du schreibst das jetzt groß. Der „Technische Direktor“ ist ein weiteres Beispiel. Da ist etwas in der Entwicklung und muss erst einmal freigestellt werden. Die Kleinschreibung ist in diesen Fällen immer regelgerecht. Für Schüler schafft das Sicherheit, es geht ja auch um Noten.

-Wird der Rat häufig um Auskunft gebeten?

Ja, wir bekommen viele Anfragen. Auch von Verlagsseite und Journalisten. Deshalb haben wir zum Beispiel die Schreibung des „Ex-Kanzlers“ mit Bindestrich nun explizit zugelassen.

-Nun schlagen Sie das große Eszett vor. Wie kommt’s?

Seit 2008 sind die technischen Voraussetzungen geschaffen, man kann den Großbuchstaben auf der Computer-Tastatur eingeben. Und man hat sich die Bereiche angeschaut, in denen Versalien weit verbreitet sind: die Werbung zum Beispiel. Große Getränkekonzerne verwenden es. Aber offiziell ist es nicht zulässig.

-Die Werbung bestimmt also die deutsche Sprache?

Nicht alleine, aber auch sie ist nun mal Teil davon. Außerdem ist der Großbuchstabe Eszett nicht auf die Werbung beschränkt. Er wird mittlerweile in Überschriften von Schulbüchern oder bei Einblendungen in ARD-Dokumentationen verwendet. In Speisekarten liest man das Wort „Soße“ in Versalien. Das Doppel-S wird immer öfter vermieden. Wenn das große Eszett eingeführt wird, haben wir ein freies Spiel der Kräfte und können schauen, was sich durchsetzt.

-Fremdwort-Varianten wie „Majonäse“ oder „Ketschup“ haben sich in Ihrem Bericht nicht durchgesetzt und sollen abgeschafft werden. Warum?

Auch Varianten wie „Bravur“ oder „Belkanto“ sind ungebräuchlich, aber immer wieder in Wörterbüchern fortgeschrieben worden. Manchmal gibt es Argumente, die gegen eine Streichung sprechen. Joghurt kommt zum Beispiel aus dem Türkischen – und dort schreibt man es ohne „h“. Daher ist beides weiter zugelassen.

-Ein paar Rechtschreibe-Räte bestimmen von oben herab, wie man richtig schreibt. Müssen Sie eigentlich gegen dieses Image ankämpfen?

Es hat lange gedauert, Vertrauen aufzubauen, dass wir keine realitätsfernen Reformen anstreben. Der Rat ist sehr heterogen, da sitzen Wissenschaftler, Schriftsteller, Lehrer und auch Journalisten. Viel unabhängiger kann so ein Gremium nicht sein.

Interview: Tobias Gmach

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