„Luther ist hochaktuell“

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

REFORMATIONSFEST 2016 . Das Reformations-Gedenkjahr wird am heutigen Montag gleich zweimal groß eröffnet: Im schwedischen Lund erinnert der Lutherische Weltbund an das Ereignis, das vor 500 Jahren zur Trennung der christlichen Kirche geführt hat.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) begeht das Gedenken etwa zur gleichen Zeit in Berlin. Was aber genau wird gefeiert und wie war Martin Luther? Darüber sprachen wir mit Heinrich Bedford-Strohm, EKD-Ratsvorsitzender und bayerischer Landesbischof.

-Welche Bedeutung hat eigentlich der Reformationstag?

Eine ganz zentrale Bedeutung: An diesem Tag wird an den reformatorischen Aufbruch erinnert. Der wird traditionell nun einmal damit verbunden, dass Martin Luther seine 95 Thesen eben am 31. Oktober 1517 veröffentlicht hat. Wahrscheinlich hat er sie sogar an die Tür der Wittenberger Schlosskirche angeschlagen, aber darüber sind sich die Historiker nicht ganz einig. In jedem Fall waren Luthers Thesen ein kräftiger geistiger Impuls, der zur Reformation geführt hat.

-Wie wird gefeiert?

Am 31. Oktober diesen Jahres werden wir das Reformationsjubiläum eröffnen. Ich freue mich sehr darauf, dass wir in Berlin zu diesem Anlass einen großen Gottesdienst feiern werden. Wir werden dem emeritierten Bischof von Mainz, Kardinal Karl Lehmann, die Martin-Luther-Medaille verleihen – zum ersten Mal wird ein Katholik mit diesem Preis ausgezeichnet. Etwa zur gleichen Zeit wird Papst Franziskus im schwedischen Lund mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, Bischof Munib Younan, einen ökumenischen Gottesdienst feiern – auch das ist historisch einmalig. Das setzt genau den richtigen ökumenischen Grundton für dieses Jubiläum.

-Es gibt Luther-Biografien en masse, T-Shirts, Luther als Playmobil-Männchen. Wie fände der Reformator einen solchen Kult?

(schmunzelt) Ich glaube nicht, dass es ein Kult ist. Natürlich gibt es süffisante Kommentare von manchen über diese kleinen Accessoires. Aber die stehen ja nicht im Zentrum. Das ist nur der Versuch, auch äußerlich Interesse zu wecken und über die Person den Inhalt ins Zentrum zu stellen. Luther ist es nie um Personenkult gegangen. Es ging ihm immer um den Inhalt. Und genau so wollen wir auch dieses Jubiläum feiern. Wir wollen Christus neu entdecken, deswegen wollen wir es als Christusfest feiern. Das ist haargenau das, was Martin Luther wollte: Er wollte keine neue Kirche gründen, wollte keinen Personenkult, sondern schlicht und einfach Christus neu entdecken.

-Wie war dieser Martin Luther?

Ein leidenschaftlicher und sehr authentischer Mensch. Was er gesagt hat, kam von innen, manchmal auch sehr impulsiv von innen – in seinen Tischreden etwa. Luther war kein Mensch, der mit dogmatischen Formeln gesprochen hat. Der kam mitten aus dem Leben und hat ins Leben hineingesprochen. Das tut uns heute gut, diese sprachgewaltige Stimme, die ja auch für die deutsche Sprache von ganz zentraler Bedeutung gewesen ist. Diese bildgewaltige Sprache heute neu zu entdecken, ist großartig. Ich freue mich sehr, dass wir die neue Lutherbibel 2017 jetzt gerade rechtzeitig zum Reformationsjubiläum veröffentlichen konnten. Denn in dieser Bibel hat Luther wunderbare Bilder gefunden und die griechischen und hebräischen Urtexte wirklich in ein Deutsch übersetzt, das bis zum heutigen Tag Menschen anspricht. „Perlen vor die Säue werfen“, ist zum Beispiel ein Ausdruck, den wir in unseren Sprachschatz aufgenommen haben.

-Dass er die Bibel mit seiner Übersetzung dem Volk zugänglich gemacht hat, ist ja auch eine regelrechte Revolution gewesen.

Dass die Luther-Bibel sich schnell verbreitet hat, hat sicher eine wichtige Rolle gespielt. Die Bibel zu lesen, war nichts, was ein normaler Christenmensch damals tat. Luthers Übersetzung ist nicht die erste deutsche Übersetzung, aber sie ist die erste, die eine Breitenwirkung hatte. In der Tat war die Übersetzung der Bibel ein ganz wesentlicher Punkt, um Christus neu zu entdecken, die biblischen Geschichten Teil des eigenen Lebens werden zu lassen. Und es war verbunden mit einer ungeheuren Bildungsanstrengung für die Menschen. Jetzt konnten die Menschen selber in den Quellen lesen. Brauchten für ihr Verhältnis zum Herrgott den Priester nicht mehr.

-Also mehr Freiheit für den Christenmenschen?

Das ist sicher eine wichtige Wirkung gewesen, dass die unmittelbare Christusbeziehung eine ganz neue Bedeutung gewonnen hat und nicht mehr die Kirche notwendigerweise dazwischengeschaltet war. Das ist bis heute hochrelevant. Kirche wird von allen Menschen getragen – auch das Zweite Vatikanische Konzil spricht ja vom Volk Gottes. Insofern hat sich auch in der katholischen Kirche viel getan. Die Kraft der unmittelbaren Christusbeziehung ist für uns Evangelische von zentraler Bedeutung. Und die ist durch Martin Luther und die reformatorischen Impulse in ganz neuer Weise deutlich geworden.

-Kommen wir noch mal auf den Ablasshandel zu sprechen. Was hat Luther so in Rage versetzt?

Der Zorn richtete sich darauf, dass das, was eigentlich Teil der Beziehung zwischen Gott und den Menschen ist, plötzlich eine Geschäftsbeziehung geworden ist. Dass es plötzlich etwas geworden ist, das man buchhalterisch auflisten konnte und was dann auch mit sehr konkreten Geldleistungen verbunden war, die der Kirche zugutegekommen sind. Der Petersdom ist eben auch mit Geldern aus solchen Ablässen errichtet worden. Und Luther sagte: Das kann nicht sein, dass mittels solcher Äußerlichkeiten mit etwas umgegangen wird, was eben nicht mit Geld aufzurechnen ist, sondern was Teil der unmittelbaren Gottesbeziehung bleiben muss. Nämlich: dass die Menschen nicht dadurch, dass sie bestimmte Geldleistungen an die Kirche zahlen, vor Gott Heil finden. Sondern allein aus Gnade diese wunderbare Erfahrung machen dürfen, dass Gott bei uns ist in guten und in schweren Tagen. Und wir nicht erst ein bestimmtes moralisches Punktekonto auf einen bestimmten Stand bringen müssen. Wir dürfen uns in Christus ganz angenommen und geborgen wissen, trotz unserer Sünden. Gute Werke sind nur dann gute Werke, wenn sie der Liebe entspringen und nicht einer Berechnung.

- Für Luther eine zentrale Botschaft...

Er sagt: Diese Christusbeziehung gibt mir eine große innere Freiheit. Ich darf einfach meinem Gewissen folgen und muss mich nicht abhängig machen von äußeren Autoritäten – ob weltlich, ob geistlich. Wenn ich meinem Gewissen folge, dann kann ich auch anderen aus innerer Freiheit dienen. Christliche Freiheit hat also eine besondere Bedeutung: Sie öffnet den Blick auf meinen Nächsten, sie macht mich frei zum Dienst am Nächsten.

- Brandaktuell nach 500 Jahren.

Hochaktuell! Alles, was wir in der Flüchtlingsfrage als Kirchen im Moment sagen und tun, hat genau mit dieser Freiheit eines Christenmenschen zu tun. Und das ist heute ein ökumenisch geteilter Begriff.

-Für Luther war der Papst der Antichrist. Wie betrachten Sie heute den aktuellen Papst?

Ein Hindernis auf dem Weg zur möglichen Einheit? Ich erlebe den gegenwärtigen Papst als jemanden, der ganz anders als zu Zeiten Luthers genau diese Rückkehr zu Christus selbst vertritt und lebt. Deswegen fühle ich mich mit Papst Franziskus in dieser Sache völlig eins. Er weist darauf hin, dass Christusnachfolge immer heißt: Da sein für die Schwachen, eintreten für die Armen, die Schöpfung schützen, sich um Flüchtlinge kümmern.

-Luther wollte keine eigene Kirche, er wollte die Reform der katholischen Kirche. Könnte er heute katholisch sein?

Die Konfessionskirchen würde Luther sicher mit einer gewissen Distanz anschauen. Er hat selbst 1522 gesagt, dass er sich nicht wünscht, dass Menschen „petrisch“, „paulisch“ oder „lutherisch“ heißen, sondern sich nach dem Namen Jesu Christi benennen. „Ich bitte, man wolle von meinem Namen schweigen und sich nicht lutherisch, sondern einen Christen nennen. Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, daß man die Kinder Christi dürfte nach meinem nichtswürdigen Namen nennen? Nicht so, liebe Freunde! Laßt uns tilgen die parteiischen Namen und uns Christen heißen, nach Christus, dessen Lehre wir haben“, sagt er da. Deswegen glaube ich, würde heute nicht im Zentrum stehen, wie der Name lautet – wir müssen jetzt also nicht einen Antrag auf Umbenennung der lutherischen Kirche stellen. Aber wir müssen Konfessionalismus überwinden. Christus muss im Zentrum stehen!

-95 Thesen haben die Reformation ausgelöst, wie viele Thesen braucht es, um die Kirchen wieder zusammenzuführen?

Ich glaube, das ist keine Frage der Zahl der Thesen. Das ist eine Frage des Inhalts und eine Frage, ob der Inhalt erfahren wird. Diese Verbindung von Erfahrung der gelebten Ökumene und der inhaltlichen Reflexion ist, glaube ich, der Schlüssel für die Zukunft. Deswegen freue ich mich so darüber, dass wir an vielen Orten in ganz Deutschland genau solche Erfahrungen gelebter Ökumene machen. Ich erlebe immer wieder katholische und evangelische Pfarrer, die bestens miteinander arbeiten. Und Gemeindeglieder, die ganz selbstverständlich zum Ausdruck bringen, dass es keinen katholischen Christus und keinen evangelischen Christus gibt, sondern nur den einen Christus. Bei den Flüchtlingsprojekten fragt keiner nach der Konfession. Da fragen die Leute nach dem gelebten Glauben.

-Luther war kein Heiliger. Er war ein Macho, am Ende seines Lebens geprägt von erschreckendem Judenhass. Wie gehen Sie mit diesen dunklen Seiten um?

Wir sprechen sie in aller Deutlichkeit an. Ich bin davon überzeugt, dass das im Sinne Luthers wäre. Er war zu Buße fähig, hat sie sogar eingefordert. Nach so viel Leid, das durch christliche Antijudaismen verursacht worden ist, würde Luther selber Buße tun und sagen: „Ich habe fürchterlich geirrt mit dem, was ich damals gesagt habe.“ Er hat die menschliche Fehlbarkeit genau gekannt. Das kommt auch in den letzten Worten zum Ausdruck, die von ihm überliefert sind: „Wir sind Bettler. Das ist wahr.“

-Trotzdem kann man ihn feiern?

Wir feiern Christus, nicht Martin Luther. Wir feiern, dass er und die anderen Reformatoren Christus neu entdeckt haben.

Interview: Claudia Möllers

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare