Neonazi erschoss ihn heimtückisch

Lübcke-Mord: Die rechtsextreme Welt des Verdächtigen Stephan E.

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Der vor zwei Wochen erschossene Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke (CDU) ist Opfer eines Rechtsextremisten geworden. Davon geht die Bundesanwaltschaft aus.
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Der vor zwei Wochen erschossene Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke (CDU) ist offenbar Opfer eines Neonazis geworden. Der dringend tatverdächtige Stephan E. (45) ist den Behörden als Gewalttäter bekannt. Sein Strafregister ist lang.

München/Kassel– Bröckchenweise sickerten gestern immer neue Details durch. Dass die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernahm, nährte den Verdacht auf eine rechtsextrem motivierte Tat weiter. Am Nachmittag dann trat Martin Schmitt, Sprecher der Bundesanwaltschaft, vor die Presse. „Der Beschuldigte ist dringend verdächtig, Dr. Walter Lübcke heimtückisch durch einen Kopfschuss getötet zu haben. Wir gehen aufgrund des aktuellen Ermittlungsstands davon aus, dass es sich um einen rechtsextremistischen Hintergrund der Tat handelt. Hierfür sprechen insbesondere das Vorleben des Beschuldigten und seine öffentlich wiedergegebenen Meinungen und Ansichten. Inwieweit sich diese Annahme weiter erhärten lässt, müssen die weiteren Ermittlungen zeigen.“

In Zeiten, in denen die rechte Szene in Deutschland im Aufwind ist, erschüttert die Erklärung die politische Landschaft. Ein rechtsextrem motivierter Mord an einem Politiker, da muss man weit zurückgehen in der deutschen Geschichte. Viele Fragen sind noch zu beantworten, vor allem jene nach möglichen Mittätern. Handelte Stephan E. alleine? Oder ist er Teil eines Netzwerkes, das nun zur Gewalt greift? 

Fall Walter Lübcke: Gab es Hintermänner?

Bisher vermuten die Ermittler Ersteres. „Wir gehen natürlich auch der Frage nach, ob bislang unbekannte Hintermänner oder Tatbeteiligte in die Tat eingebunden waren“, sagte Schmitt. Bisher lägen keine Anhaltspunkte vor, „dass der Beschuldigte in eine rechtsterroristische Vereinigung eingebunden gewesen sein könnte“.

In der Nacht zum 2. Juni war der 65-jährige Walter Lübcke auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen-Istha mit einem Kopfschuss ermordet worden. An seiner Kleidung fanden die Ermittler DNA-Spuren, die über die DNA-Datenbank der Polizei zu Stephan E. führten. Denn der 45-Jährige ist mehrfach aktenkundig. Am Samstag nahm ihn eine Spezialeinheit in Kassel fest. Es erging Haftbefehl. Berichten zufolge soll E. im bayerischen Lichtenfels geboren sein. Bayerische Sicherheitskreise sprechen aber davon, es könne sich hier um eine Verwechslung mit einer namensgleichen Person handeln.

Lübcke-Mord: Warnung vor Stephan E. bereits im Jahr 2000

Über Stephan E. ist gestern einiges bekannt geworden. „Zeit online“ berichtete, 1991 habe er sich eines versuchten Totschlags schuldig gemacht. Im November 1992 hatte er auf einer Toilette des Wiesbadener Hauptbahnhofs einen Mann mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. 1993 verübte Stephan E. laut dem Bericht einen Anschlag auf ein Asylbewerberheim im hessischen Hohenstein-Steckroth. Damals löschten Bewohner ein brennendes Auto an der Unterkunft im Rheingau-Taunus-Kreis, ehe eine auf dem Rücksitz deponierte Rohrbombe detonieren konnte. E., damals 20 Jahre alt, soll angegeben haben, alleine und aus ausländerfeindlichen Motiven gehandelt zu haben. Bereits zuvor sei er wegen Brandstiftung und Verstößen gegen das Waffengesetz aufgefallen.

Wie die antifaschistische Plattform „Exif“ schreibt, soll ein ausgestiegener Neonazi im Jahr 2000 gewarnt haben, dass Stephan E. ein „sehr gefährlicher Typ“ sei. E. sei im hessischen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der NSU-Morde auch als ein Beispiel für gewalttätige Neonazis genannt worden. Eine Beteiligung an den NSU-Morden stand aber nicht im Raum.

Lübcke-Mord in Kassel: Waffen in Wohnung von Stephan E. gefunden

Nach Informationen des „Spiegel“ soll der 45-Jährige in der Vergangenheit im Umfeld der hessischen NPD aktiv gewesen sein. Vor zehn Jahren war er demnach auch an Angriffen von Rechtsradikalen auf eine DGB-Kundgebung in Dortmund beteiligt. Wegen Landfriedensbruchs habe er sieben Monate Haft auf Bewährung bekommen. Zudem soll er der Neonazi-Vereinigung „Combat 18“ nahestehen oder zumindest nahegestanden haben. „Combat 18“ ist eine neonazistisch-terroristische Organisation, die als bewaffneter Arm des inzwischen verbotenen Neonazi-Netzwerks „Blood and Honour“ gegründet wurde. Laut dem Netzwerk „Exif“ unterhielt Stephan E. Kontakte zu Stanley R., der eine zentrale Person des deutschen „Combat 18“-Ablegers sei. Ob Stephan E. auch zum Zeitpunkt des Mordes an Lübcke Teil eines Netzwerks war, ist bisher allerdings völlig offen.

Andere Medien berichteten, E. habe auf seinem Youtube-Kanal geäußert, wenn die Regierung nicht bald handle, werde es Tote geben. In seiner Wohnung seien Waffen gefunden worden, nicht aber die Tatwaffe.

Walter Lübcke reagierte harsch und unerschrocken

Walter Lübcke, Wirtschaftswissenschaftler, verheiratet und Vater zweier Kinder, galt als beliebt und volksnah. Und er nahm kein Blatt vor den Mund, was ihm schon in der Vergangenheit Morddrohungen eingebracht hatte. Als Regierungspräsident war er 2015 auch für die Einrichtung von Erstaufnahmelagern für Flüchtlinge in seinem Regierungsbezirk zuständig. Bei einer Bürgerversammlung wurde er für seine flüchtlingsfreundliche Haltung angefeindet. Lübcke reagierte harsch und unerschrocken. Es lohne sich, in Deutschland zu leben und sich für die hiesigen Werte einzusetzen, sagte er. „Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen – das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.“

Nach dem Mord tauchten hämische Reaktionen aus der rechten Szene im Internet auf, was zu einer politischen Debatte geführt hat. Kritik gibt es auch an rechts geprägten Äußerungen von Politikern, die die rechte Szene ermutigen könnten (siehe unten). Grüne, FDP und Linke forderten gestern eine Sondersitzung des Innenausschusses des Bundestages.

Walter Lübcke war am Samstag beigesetzt worden – dem Tag der Festnahme seines mutmaßlichen Mörders.

Mehr zum Fall Lübcke: Walter Lübcke (CDU) wurde unter mysteriösen Umständen ermordet. Es folgten ein SEK-Einsatz, eine Festnahme und die Freilassung des Verdächtigen.

Alle neuen Entwicklungen lesen Sie in unserem aktuellen News-Ticker zum Fall Lübcke.

Neonazi Stephan E., der am 25. Juni im Polizeiverhör ein Geständnis abgelegt hatte, hat sein Geständnis offenbar widerrufen.

Rechtsextremismus im Alltag zeigte sich auch auf schockierende Art im Straßenverkehr. Auf der Autobahn zeigte ein Trucker Reichskriegsflagge und „Adolf H.“-Schild.

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