Das Lied der Deutschen

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Am 3. Oktober, am Tag der Einheit, wird man es wieder singen, das Lied der Deutschen, Strophe drei: „Einigkeit und Recht und Freiheit.“ Doch 1841 war damit etwas ganz anderes gemeint. Auch dies: Das Lied war am Anfang – ein Flop.

Am 3. Oktober, am Tag der Einheit, wird man es wieder singen, das Lied der Deutschen, Strophe drei: „Einigkeit und Recht und Freiheit.“ Doch 1841 war damit etwas ganz anderes gemeint. Auch dies: Das Lied war am Anfang – ein Flop.

von Helmut Berschin*

München – Zu den ersten Studenten der 1819 eröffneten Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn gehörte ein Johann August Heinrich Hoffmann aus Fallersleben (heute ein Ortsteil von Wolfsburg). Er stellte sich, wie damals üblich, beim Rektor vor und wurde gefragt: „Was gedenken Sie einst zu werden?“ Hoffmann antwortete: „Magnifizenz, das weiß ich noch nicht – ich habe vorläufig mein Vaterland verlassen.“ Darauf der Rektor: „Warum wollen Sie nicht hierbleiben? Der preußische Staat weiß talentvolle Köpfe zu schätzen.“

Das „Vaterland“ Hoffmanns ist das Königreich Hannover, das er verlassen hat, um im „Ausland“ zu studieren – im Königreich Preußen, zu dem seit 1815 das Rheinland gehörte. Es gab damals politisch kein Deutschland, sondern nur einzelne deutsche Staaten, insgesamt 35, sowie 4 Freie Städte, die einen lockeren Staatenbund bildeten, den Deutschen Bund.

Ein „talentvoller Kopf“ war der 1798 als Sohn eines Kaufmanns geborene Hoffmann zweifellos. Schon als Germanistikstudent veröffentlichte er unter dem Namen „Hoffmann von Fallersleben“ einen althochdeutschen Text und reiste zu Bibliotheksstudien in die Niederlande, wo er die altniederländische Literatur dokumentierte. Daneben sammelte er Volkslieder und schrieb Gedichte. Ende 1821 ging Hoffmann nach Berlin, um dort eine Bibliotheksstelle zu suchen. Einen Studienabschluss hatte er nicht, aber der erübrigte sich, als ihm die Universität Leiden für seine Arbeit über „Altholländische Sprachdenkmale“ 1823 den Ehrendoktor verlieh. Über gute Beziehungen – sein Bruder war Beamter im preußischen Finanzministerium – erhielt er im selben Jahr eine Stelle an der Universitätsbibliothek Breslau.

Hoffmann arbeitete an der Universität Breslau bis 1842, zunächst als Bibliothekar, ab 1830 als Professor für deutsche Sprache und Literatur. In dieser Zeit machte er sich als Germanist einen Namen. Der Öffentlichkeit wurde er als Liederdichter bekannt. Er schrieb und sammelte Jägerlieder, Trinklieder, Kirchhoflieder und, vor allem, Kinderlieder, von denen einige wie „Alle Vögel sind schon da“ oder „Ein Männlein steht im Walde“ noch heute bekannt sind. 1840 veröffentlichte er bei Campe in Hamburg einen Gedichtband „Unpolitische Lieder“, in dem er die politischen Zustände in Deutschland geißelte.

Die „Unpolitischen Lieder“ verkauften sich vorzüglich; Hoffmann schob deshalb rasch einen zweiten Teil nach. Er brachte im August 1841 das Manuskript nach Hamburg zum Verleger Campe. Dann schiffte er sich nach Helgoland ein, um dort eine Badekur anzutreten. „Wenn ich dann so wandelte einsam auf der Klippe“, schreibt er in seinen Erinnerungen, „da ward mir so eigen zu Mute, ich musste dichten: So entstand am 26. August das Lied Deutschland, Deutschland über alles!“. Drei Tage später kam Campe nach Helgoland, um Hoffmann die ersten Exemplare der „Unpolitischen Lieder, Zweiter Teil“ zu übergeben. Sie spazierten am Strand, und Hoffmann sagte zu Campe: „Ich habe ein Lied gemacht, das kostet aber vier Louisdor.“ Das waren goldene Fünftalerstücke. Im Hotel las er ihm das Deutschlandlied vor. „Noch ehe ich damit zu Ende bin, legt Campe mir die vier Louisdor auf meine Brieftasche.“ Am 1. September lag „Das Lied der Deutschen“ als Einblattdruck in den Hamburger Buchhandlungen aus.

Vielleicht bekam Hoffmann „auf der Klippe“ die Inspiration fürs Lied, aber es entstand vor einem politischen Hintergrund, nämlich der Gefahr eines europäischen Krieges in der „Orientkrise“ 1840/41.

Frankreich unterstützte damals den ägyptischen Vizekönig, der sich von der türkischen Oberherrschaft lösen wollte. Die anderen Großmächte (England, Österreich, Preußen und Russland), die 25 Jahre zuvor das napoleonische Frankreich besiegt hatten, stärkten den türkischen Sultan. In der französischen Presse erklang deshalb im Sommer 1840 der Ruf nach der Rheingrenze, wie sie in der Revolutions- und napoleonischen Zeit 1794-1814 bestand, als Frankreich die linksrheinischen Gebiete erobert hatte. Aus der Orientkrise wurde so eine Rheinkrise, die in Deutschland ein enormes Echo auslöste, auch unter den Dichtern. Niklas Becker schrieb „Das Rheinlied“, das mehr als zweihundert Mal vertont wurde, und dessen Refrain

   

  Sie sollen ihn nicht haben,   Den freien, deutschen Rhein!

in die Schlussverse mündete:   

Bis seine Flut begraben

Des letzten Mann Gebein.

Unter Anspielung auf Beckers Erfolg hatte Campe zu Hoffmann gesagt: „Wenn es [das Deutschlandlied] einschlägt, kann es ein Rheinlied werden.“ Es schlug aber nicht ein. Am 18. Februar 1842 schrieb der Verleger an Hoffmann: „Das Lied der Deutschen hat kein Glück gemacht, die Kosten bekomme ich nicht heraus.“

Das Lied wurde aus zwei Gründen ein Flop. Es kam erstens politisch zu spät: Die Orientkrise war Mitte Juli 1841 diplomatisch beigelegt worden, die Kriegsgefahr vorbei. Zweitens war das Lied der Deutschen kein Kampflied wie Beckers „Rheinlied“; der Text wirkt mehr besinnlich als kriegerisch, nur der Beginn der ersten Strophe klingt für heutige Ohren aggressiv:

Deutschland, Deutschland           über alles,  

 Über alles in der Welt

Wie verstanden die Zeitgenossen diese Verse? Die Formel „Deutschland über alles“ geht zurück auf ein österreichisches Kampflied, das 1809 zur Erhebung gegen die napoleonische Herrschaft aufrief:

Wenn es nur will,

Ist immer Östreich über            alles! […] Ha was vermag der fremde      Würger [Napoleon],

Wenn Östreich will?

Die feste Wendung über alles bedeutet „stärker als alles“, hier: stärker als Frankreich. Hoffmann kannte dieses Lied und übertrug dessen Aussage auf die Situation von 1840: Deutschland würde die stärkste Großmacht sein, wenn es politisch geeint sei. In Versen:

     Wenn es stets zu Schutz              und Trutze

Brüderlich zusammenhält  

Diese Auffassung war damals allgemein, aber es gab ja keinen deutschen Gesamtstaat. Deshalb wird dieser in der dritten Strophe gefordert – aber nicht als Fürstenstaat, sondern Rechts- und Verfassungsstaat:

Einigkeit und Recht             und Freiheit Für das deutsche Vaterland!

Das Fehlen eines freiheitlichen deutschen Rechtsstaates traf Hoffmann auch persönlich: 1842 wurden seine „Unpolitischen Lieder“ verboten und er aus dem preußischen Staatsdienst entlassen. Es folgte ein unstetes Wanderleben als freischaffender Publizist. An der Revolution 1848/49 nahm er nicht aktiv teil. Erst 1860 wurde er Bibliothekar des Herzogs von Ratibor auf dessen Schloss Corvey (bei Höxter, Ostwestfalen), wo er 1874 starb.

Zu Lebzeiten Hoffmanns wurde das Deutschlandlied wenig gesungen. Auch im 1871 gegründeten Deutschen Reich blieb das zunächst so: Die „vaterländischen“ Gesänge waren die Kaiserhymne „Heil dir im Siegerkranz“ und das 1840 entstandene Kampflied „Die Wacht am Rhein“, das Beckers „Rheinlied“ verdrängte. Das „Lied der Deutschen“ spielte erst ab 1890, unter Kaiser Wilhelm II., eine offizielle Rolle. Im August 1914, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, wurde es schlagartig zum nationalen Glaubensbekenntnis. Im Ausland deutete man das Deutschland … über alles in der Welt aber nicht im Sinne von „Wir lieben Deutschland über alles“, sondern als „Deutschland soll über die Welt herrschen“.

Die Geschichte des Deutschlandliedes als staatliche Hymne beginnt erst nach dem Ende des Kaiserreiches. 1922 erklärte es Reichspräsident Ebert zur Nationalhymne: „So wie einst der Dichter, so lieben wir heute Deutschland über alles.“ Im Dritten Reich war nur die erste Strophe Hymne, gefolgt vom Nazi-Kampflied „Die Fahne hoch“. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten die beiden 1949 entstandenen deutschen Staaten jeweils eine eigene Hymne: Die DDR entschied sich für einen neuen Text („Auferstanden aus Ruinen“), die Bundesrepublik griff auf die dritte Strophe des Hoffmann’schen Liedes zurück. Diese war politisch unbelastet und angesichts der deutschen Teilung aktuell. Seit den 1980er-Jahren, als die Teilung Deutschlands verbreitet als „endgültig“ galt, wurde die Hymne bei offiziellen Anlässen meist nur noch instrumental gespielt und nicht gesungen: Der Text war nicht mehr politisch korrekt. Dann hatte er plötzlich seine historische Stunde.

Der 9. November 1989 lief im Deutschen Bundestag in Bonn zunächst wie ein normaler Sitzungstag ab. Die Beratungen begannen um 9.30 Uhr und kamen gegen Abend zum Tagesordnungspunkt 9 „Steuerliche Erleichterungen für die gemeinnützigen Sportvereine und andere gemeinnützige Vereine“, zu dem eine namentliche Abstimmung stattfand. Danach verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Nachricht, die Berliner Mauer sei „offen“. In Ostberlin hatte auf einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz das Politbüromitglied Günter Schabowski erklärt, ein neues Reisegesetz der DDR sehe die freie Ausreise für DDR-Bürger vor und auf die Frage, wann dieses Gesetz in Kraft trete, geantwortet: „Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich.“ Daraufhin machten sich die ersten Ostberliner auf den Weg zur Grenze und passierten sie nach Westberlin.

Im Bundestag wurde die Tagesordnung unterbrochen für eine Erklärung des Kanzleramtsministers Seiters zu den Vorgängen in Ostberlin. Es folgten Stellungnahmen der Fraktionsvorsitzenden von SPD, CDU/CSU und der Grünen, für die das Protokoll jeweils vermerkt: „Beifall bei allen Fraktionen.“ Als letzter sprach der FDP-Fraktionsvorsitzende. Auch er erhielt „Beifall bei allen Fraktionen“; dann heißt es im Protokoll: „Die Abgeordneten erheben sich und singen die Nationalhymne.“

Aber warum sangen die Abgeordneten die dritte Strophe des Deutschlandliedes? Niemand hatte sie aufgefordert. Was war geschehen in diesen Minuten, von denen später viele Abgeordnete sagten, es seien die bewegendsten Augenblicke ihres Politikerlebens gewesen?

Nach dem Beifall für die Rede des FDP-Fraktionschefs trat eine kurze Pause ein. Dann erhoben sich in der vorletzten Reihe drei Abgeordnete – der Westfale Dr. Unland, der Oberbayer Dr. Probst und der Niederbayer Ernst Hinsken – und begannen mit tragfähiger Stimme „Einigkeit und Recht und Freiheit“ zu singen. Andere Abgeordnete erhoben sich ebenfalls und stimmten mit ein, schließlich standen der ganze Bundestag und das Präsidium. Selbst die Grünen, deren Abgeordnete sonst bei der Nationalhymne den Saal verließen, hatten sich erhoben.

Nach der Nationalhymne eilten die Abgeordneten, viele mit Tränen in den Augen, aus dem Plenarsaal, um sich über die dramatischen Vorgänge in Berlin zu informieren. Die Bundestagspräsidentin wollte zunächst die Sitzung fortsetzen. Empörte Zurufe – „Schluss machen!“, „Schluss!“ – belehrten sie eines Besseren, und die Sitzung wurde um 21.10 Uhr geschlossen.

Ein knappes Jahr später, am 3. Oktober 1990, war Deutschland wiedervereinigt. Die Frage der Nationalhymne regelte Bundespräsident v. Weizsäcker in einem Brief vom 19. August 1991 an Bundeskanzler Kohl: „Die dritte Strophe des Hoffmann-Haydn’schen Liedes hat sich als Symbol bewährt. Sie ist die Nationalhymne für das deutsche Volk.“

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