Wo Liebe nichts wert ist

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Stefan Ziegler, 86, pflegt seine Frau Gertraud, 84 – seit vielen Jahren schon. Neulich baten sie zum ersten Mal um fremde Hilfe. Die bekamen sie nicht – dafür einen bedrückenden Einblick ins deutsche Pflegesystem. Und sie lernten, wie wenig Liebe dort wert ist.

Das Pflege-Problem

Stefan Ziegler, 86, pflegt seine Frau Gertraud, 84 – seit vielen Jahren schon. Neulich baten sie zum ersten Mal um fremde Hilfe. Die bekamen sie nicht – dafür einen bedrückenden Einblick ins deutsche Pflegesystem. Und sie lernten, wie wenig Liebe dort wert ist.

Von Carina Lechner

Zorneding – Neulich hat Stefan Ziegler, 86, eine seltsame Welt entdeckt: das deutsche Pflegesystem. In dieser Welt, das hat er schnell gelernt, zählt die Liebe wenig. Was dort regiert, ist eine kalte Währung: Minuten und Häufigkeiten. Nur darum geht es. Denn sie alleine entscheiden in dieser Welt, wie viel Pflege einem Menschen zusteht. „Die Menschlichkeit bleibt da auf der Strecke“, sagt Stefan Ziegler. „Das weiß ich jetzt.“ Er hat den Glauben an das deutsche Pflegesystem verloren.

Es ist nicht Stefan Ziegler selbst, der im Alltag Hilfe braucht, sondern seine Frau Gertraud. Sie ist 84, und er pflegt sie seit fünf Jahren. Jeden Morgen schmiert er ihr ein Brot mit Brombeermarmelade, die kocht er selbst ein, seit seine Frau fast nichts mehr sieht. Am Nachmittag nimmt er ihre Hand, dann spazieren sie durch die Nachbarschaft. Wenn sie sich auf dem Sofa ausruht, liest er ihr aus Büchern vor, sie schaffen 200 Seiten pro Woche.

In der Welt der Minutenpflege zählt das alles nichts. Denn als er vor ein paar Wochen die Kasse darum bat, die Pflegebedürftigkeit seiner Frau anzuerkennen, wurde das abgelehnt. Das heißt: Was Stefan Ziegler tagtäglich für seine Frau tut, wird mit keinem Cent Pflegegeld belohnt. Das hat er schwarz auf weiß bekommen, in einem „Gutachten zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit gemäß SGB XI“, elf Seiten lang.

Stefan Ziegler geht es nicht ums Geld: „Wir nagen nicht am Hungertuch“, sagt er. Er will sich die Pflegestufe nicht erstreiten, legt keinen Widerspruch ein. Aber das Pflegesystem, das menschliche Zuwendung in Minuten umrechnet, kränkt ihn. Stefan Ziegler setzte sich deshalb an seinen Computer und schrieb sich seinen Ärger von der Seele. Es wurde ein Brief daraus, den schickte er unserer Zeitung (rechts). Weil er glaubt, dass es vielen so geht wie ihm und seiner Frau. Und dass viele die Hilfe nötiger haben als er.

Jetzt sitzt Stefan Ziegler auf seinem Sofa in Zorneding, Kreis Ebersberg. Seine Gertraud, eine zierliche Person mit feinen, weißen Haaren, sitzt auf dem Sessel daneben. Auf einer Kommode liegen Puppen, die die Lehrerin früher, als sie noch sehen konnte, gebastelt hat. Auf den Tisch hat ihr Mann frische Rosen aus dem Garten gestellt, die letzten in diesem Jahr. Einst, als Elektroingenieur, tüftelte er an Messgeräten und Stromversorgungssystemen, heute ist er Hausmann. Er will, dass seine Frau und er es gemütlich haben. Und das bekommt er bisher sehr gut hin.

Gertraud Ziegler leidet unter einer Macula-Degeneration, einer Augenkrankheit, die vor allem ältere Frauen erblinden lässt. Seit fünf Jahren kann sie nur noch grob zwischen Hell und Dunkel unterscheiden. „Menschen“, sagt sie, und schaut durch die Besucherin hindurch, „erkenne ich nur an der Stimme.“ Im Haus, dort lebt das Paar seit über 50 Jahren, kennt sie jede Ecke, jeden Schrank, jedes Hindernis. In kleinen Schritten kann sie entlang der Wände gehen, sie tastet sich mit den Händen von einem Ort zum anderen. Das geht immer schlechter: Vor einiger Zeit stolperte sie über eine Stufe, brach sich das dünne Handgelenk. Seitdem ist sie noch vorsichtiger.

Die Treppe vom ersten Stock herunter schafft sie nicht mehr ohne ihren Mann. Jeden Morgen nach dem Aufstehen und Anziehen hakt Gertraud Ziegler sich bei ihrem Mann ein, dann gehen sie ganz langsam ins Erdgeschoss. „Wir haben unser eigenes System“, sagt die 84-Jährige und lächelt – einen Stufen-Countdown. „Noch zwei, noch eins“, zählt Stefan Ziegler dann runter. Das gibt ihr Sicherheit.

Sie und ihr Mann sind ein eingespieltes Team, sie kennen sich seit 1947. Als junges Mädchen wurde sie mit ihrer Mutter aus dem Sudetenland vertrieben, es verschlug sie nach Altötting. Dort wuchs auch Stefan Ziegler auf. In der Abitur-Prüfung am Gymnasium Burghausen saß er, der stattliche Bursche mit den großen Augen, hinter ihr, dem zarten Fräulein mit den kräftigen, dunklen Haaren. Sie verliebten sich, heirateten, bauten das Haus in Zorneding. Seit die Kinder aus dem Haus sind, und das ist lange her, haben die Zieglers viel zu zweit gemacht: Ausflüge, Sport, Theater, Oper. Dann brach die Blindheit über Gertraud Ziegler herein.

Zum Augenleiden kam starke Osteoporose, vor ein paar Jahren zerbröselten drei Wirbel. Seitdem plagt sie starkes Kreuzweh. Die meiste Zeit sitzt sie in ihrem Sessel, ihr Mann stopft weiche Kissen hinter ihren Rücken, damit sie es bequem hat. Wenn die Schmerzen schlimmer werden, legt sie sich aufs Sofa.

Auch Stefan Ziegler hat manchmal Schmerzen, aber bis vor kurzem war das kein Problem. Ja mei, sagt er, manchmal zwickt der Ischias-Nerv, dann fährt er halt nach München zu einem Arzt und lässt sich ein paar Spritzen verpassen. Der 86-Jährige kommt gut zurecht: Er fährt noch Auto, kauft im Supermarkt um die Ecke ein, kocht, wäscht, spült, recht Laub, klaubt Walnüsse vom Rasen auf, schneidet die Büsche zu. 700 Quadratmeter ist ihr Garten groß. Den Swimmingpool darin reinigt er selber.

„Ich hole im ganzen Jahr genau einen fremden Handwerker ins Haus“, sagt er und streckt stolz den Rücken durch: „Das ist der Kaminkehrer.“ Was kaputtgeht, richtet der 86-Jährige selbst, manchmal hilft sein Sohn. Wenn Stefan Ziegler Zeit hat, steigt er die Kellertreppe hinab, stellt sich an seine Werkbank und drechselt Schalen aus Holz. „Aber dazu komm ich fast nicht mehr“, sagt er. Die Pflege seiner Frau fordert ihn den ganzen Tag: „Es sind zig Kleinigkeiten.“ Gertraud Ziegler schaut durch ihre dicke Brille in seine Richtung und sagt: „Ich kann fast nichts mehr alleine.“

Aber jetzt ist auch noch Stefan Ziegler erkrankt. Ein „Alte-Männer-Leiden.“ Der 86-Jährige muss für eine Woche ins Krankenhaus, eine Routine-Operation. Seine Frau kann er in der Zeit nicht alleine lassen. Die Kinder will er nicht belästigen, die zwei Töchter und zwei Söhne sind berufstätig, haben eigene Familien, wohnen zum Teil weiter weg. Also hat Stefan Ziegler beschlossen, seine Gertraud für eine Woche in Kurzzeitpflege zu geben. Er schaute sich ein Heim in der Nähe an – und eine Mitarbeiterin brachte ihn auf die Idee, für seine Frau eine Pflegestufe zu beantragen. „Dann müssen’S nicht alles selber zahlen“, sagte die Frau sinngemäß. Die Kurzzeitpflege kostet 70 Euro pro Tag.

Den Zieglers geht es finanziell gut, das könnten sie sich leisten. Er war als Elektroingenieur bei einer großen Firma in München angestellt, verdiente gut, bekommt sogar eine Betriebsrente obendrauf. Sie war Volksschullehrerin, bis die Kinder kamen. Bisher sind sie nicht auf die Idee gekommen, für Gertraud Ziegler eine Pflegestufe zu beantragen. Aber: „Wir haben Jahrzehnte einbezahlt“, sagt die 84-Jährige. „Wir dachten, jetzt wollen wir mal was zurück.“ Ohne ihren Mann müsste sie im Heim betreut werden – das käme die Versicherung viel teurer.

Und so begann die kleine Entdeckungsreise der Zieglers in die Welt des deutschen Pflegesystems.

Sie stellten einen Antrag auf Pflegegeld, der landete beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK). Dann bekamen sie Besuch. An einem Vormittag Mitte Oktober klingelte eine Gutachterin bei den Zieglers. Sie setzte sich an den Holztisch im Wohnzimmer, klappte ihren Computer auf – und stellte Gertraud Ziegler Fragen. Können Sie noch alleine Zähne putzen? Brauchen Sie Hilfe beim Essen? Beim Anziehen? Gehen? In einem Computer-Programm setzte die Frau Häkchen in eine Liste. Stefan Ziegler versuchte zwischendrin, Dinge zu erkären. Den Tagesablauf zu schildern. Er wollte erzählen, was er den ganzen Tag für seine Frau macht. Wie lange er das schon macht. Und warum. „Aber ich durfte nichts sagen“, sagt der 86-Jährige. Die Gutachterin sprach nur mit seiner Frau. Nach einer Stunde war sie wieder weg.

Es ist nicht so, dass die Gutachterin schroff gewesen wäre – im Gegenteil. Eine „sehr freundliche Dame“ war das, betont Stefan Ziegler. Und eines dämmert den Zieglers sehr bald: Nicht die Menschen in diesem System sind das Problem – es ist das System selbst.

Ein paar Tage später liegt das Gutachten im Briefkasten. Das Wichtigste stand ganz vorne: Die Pflegebedürftigkeit von Gertraud Ziegler liege „unterhalb der Pflegestufe 1“. Antrag abgelehnt. Als Stefan Ziegler das liest, schwirrt ihm der Kopf. Als er weiterblättert und sieht, wie seine liebevolle Pflege in Minuten umgerechnet wurde, wird er wütend.

Körperpflege: vier Minuten pro Tag. Ernährung: elf Minuten. Ankleiden: zwei Minuten. Gehen, Stehen, Treppensteigen: sechs Minuten. So geht das seitenweise weiter. Am Ende das Ergebnis: „Zeitaufwand Grundpflege 21 Minuten, Zeitaufwand Hauswirtschaft 45 Minuten pro Tag“. Das reicht nicht für die Pflegestufe 1. „Im Vordergrund“, so liest sich das in Behördendeutsch, „steht der hauswirtschaftliche Versorgungsbedarf.“ Die Pflegeversicherung zahlt erst ab einem Tagesdurchschnitt von 90 Minuten, die Hälfte davon muss auf die Grundpflege entfallen. Stefan Ziegler will das nicht in den Kopf. Keine 90 Minuten? Er ist doch den ganzen Tag für seine Gertraud da.

Das System der Minutenpflege hat grobe Mängel – das wissen auch die, die es umsetzen müssen. Rolf Scheu ist beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung zuständig für die Pflegebesuche, allein in Bayern sind das 200 000 im Jahr. Er sagt: „Das Gesetz berücksichtigt bei weitem nicht den Hilfebedarf der Menschen.“ Seit es 1994 unter dem damaligen Gesundheitsminister Norbert Blüm eingeführt wurde, krankt es – weil nur die Grundpflege angerechnet wird: „Dass ein Angehöriger ständig da sein muss, fällt unter den Tisch“, kritisiert Scheu. Und wer pflege schon mit der Stoppuhr in der Hand? Die Minuten-Abrechnung sei eine „Hilfskrücke“. Der Realität entspreche sie nicht.

Ein Beispiel: Ein alter Mensch hat einen Schaden an einer Hand. Dann darf der Gutachter nur Verrichtungen, für die zwei Hände nötig sind, berechnen. Nahrungsaufnahme nicht – man isst ja nicht mit beiden Händen. „Für Laien ist das System undurchschaubar“, sagt Scheu.

Das Elend mit den Pflegestufen und Minutenrechnungen kennen auch die Politiker. Schon 2005, im Koalitionsvertrag von Union und SPD, haben sie einen „neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff“ angekündigt. Der, so erklärt Scheu vom MDK, fragt nur noch: Wie selbststständig ist der Pflegebedürftige noch? Wie abhängig ist er von Fremdhilfe? Nur: Eingeführt wurde er in jener Legislaturperiode nicht.

2009, im nächsten Koalitionsvertrag, diesmal zwischen Union und FDP, stand er wieder auf der Agenda. Ein bisschen was tat sich, Demenzkranke bekommen seit Januar 2013 Hilfe – der große Wurf blieb aus. Gerade haben sich die Gesundheitspolitiker wieder auf eine Reform geeinigt. „Wir wollen die Umsetzung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs“, berichtet CSU-Gesundheitspolitiker Johannes Singhammer aus den Koalitionsverhandlungen. Im Vertrag steht jetzt nur Vages.

Wenn alle das neue System wollen – warum ist es nicht schon da? Ganz einfach: Es wäre teurer. Experten rechnen mit bis zu zehn Milliarden Mehrkosten pro Jahr.

Rolf Scheu vom MDK ist überzeugt, dass die Zieglers nach dem neuen System Pflegegeld bekommen würden. Stefan Ziegler ist das egal. Er will mit dieser Bürokratie nichts mehr zu tun haben. Sein Glück: Er ist auf das deutsche Pflegesystem nicht angewiesen. Noch nicht.

    Ist seiner Frau eine Stütze: Stefan Ziegler, 86, mit seiner Gertraud, 84, in ihrem Wohnzimmer. Pflegegeld bekommen sie nicht. foto/Repro: S. Rossmann

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