Das letzte Stündchen hat geschlagen

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EU Will Zeitumstellung abschaffen . München – Die nächste Zeitenwende steht vor der Tür: Die EU-Kommission hat am Freitag die Abschaffung der Zeitumstellung beschlossen.

Damit folgt die Kommission dem Ergebnis einer Online-Befragung, bei der sich die Mehrheit gegen den Wechsel von Winter- auf Sommerzeit ausgesprochen hat – und eine kleine Mehrheit die Sommerzeit als bevorzugte Zeit angab. „Die Menschen wollen das, wir machen das“, sagte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gestern im ZDF. Doch was bedeutet die Entscheidung? Und woher kommt der ewige Streit um die Zeit? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Woher kommt die Zeitumstellung?

Der Wechsel von Winter- auf Sommerzeit, der uns zweimal im Jahr an den Uhren und einige am Rad drehen lässt, ist eine deutsche Erfindung. 1916, während des Ersten Weltkrieges, wurden erstmals die Uhren eine Stunde vorgestellt. Die deutsche Regierung wollte Energie sparen, besser gesagt: kriegswichtiges Material wie Kohle und Petroleum. Per Verordnung im „Deutschen Reichsgesetzblatt“ legte sie die erste Zeitumstellung auf die Nacht von 30. April auf 1. Mai. Unzählige Länder folgten: Drei Wochen nach der Einführung drehten auch die Briten und Franzosen an der Uhr.

Doch schon 1919 schaffte Deutschland die unbeliebte Kriegsmaßnahme wieder ab – um sie im Zweiten Weltkrieg 1940 wieder einzuführen, wieder als Energiesparmaßnahme. Nach Kriegsende drehten dann die Alliierten an den Uhren und sorgten für ein Zeitchaos: Den russischen Sektor Berlins passten sie an die mittlere Zeit des europäischen Russlands an, die Uhren wurden zwei Stunden vorgestellt. Teile der sowjetischen Besatzungszone blieben in der mitteleuropäischen Zeitzone. Im britischen Sektor dagegen herrschte westeuropäische Sommerzeit. 1980 führten beide deutschen Staaten die Sommerzeit wieder ein, 1996 kam die einheitliche Regelung für die Europäische Union.

Wird sie nun wirklich abgeschafft?

Wahrscheinlich schon, allerdings nicht sofort. Die EU-Kommission hat zunächst einmal nur ein Vorschlagsrecht. Das Europaparlament und die EU-Staaten müssen noch zustimmen. Wenn das noch vor Ende der Legislaturperiode im Mai 2019 passieren soll, müssen sie sich beeilen. Die Befürworter der Abschaffung sind sich sicher, dass es im EU-Parlament eine Mehrheit dafür gibt. Im Rat der Mitgliedsländer ist die Lage unübersichtlicher. Auch Deutschland hat sich bisher nicht positioniert (siehe Kasten).

Wollen die Bürger die Abschaffung?

Das wollte die EU-Kommission mit der Online-Umfrage herausfinden und das Ergebnis war eindeutig: 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer sind für ein Ende der Zeitumstellung. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass sich vor allem Menschen mit einer sehr klaren Meinung beteiligt haben. Allein drei Millionen der 4,6 Millionen Antworten kamen aus Deutschland, wo offensichtlich besonders viele Gegner der Umstellung sitzen: In einer repräsentativen Forsa-Umfrage vom März sprachen sich in Deutschland 73 Prozent der Befragten für die Abschaffung aus.

Es gibt Stimmen, die die Online-Befragung als „nicht repräsentativ“ bezeichnen. So sagt Statistik-Professor Walter Krämer von der TU Dortmund: „Dergleichen Umfragen sind immer mit ganz großer Vorsicht zu genießen.“ Menschen, die der Zeitumstellung positiv oder gleichgültig gegenüberstehen, hätten sich wahrscheinlich kaum beteiligt. Wenn die EU-Kommission auf Grundlage dieser Umfrage eine Empfehlung zur Zeitumstellung abgebe, sei dies fragwürdig.

„Bei anderen Leuten, die so etwas tun, würde man sagen, das sind Populisten“, kritisierte der Wissenschaftler, der sich in seinen Publikationen immer wieder mit Irreführung durch Statistiken beschäftigt hat. Krämer rät der Kommission, Geld in die Hand zu nehmen und ein renommiertes Umfrageinstitut mit einer repräsentativen Befragung zu beauftragen. Nur so könne sie ein realistisches Stimmungsbild erhalten.

Die Kommission hatte stets betont, dass das Votum nicht bindend sei. Nun will sie ihm trotzdem folgen.

Wie argumentieren die Kritiker?

Gegner der Zeitumstellung argumentieren, dass tatsächlich keine Energie gespart wird. Laut Umweltbundesamt schalten die Deutschen im Sommer zwar wegen der Zeitumstellung abends seltener das Licht an – im Frühjahr und Herbst wird morgens allerdings mehr geheizt.

Mediziner sehen zudem Risiken für die Gesundheit. In einer repräsentativen Studie des Forsa-Instituts im Auftrag der DAK-Gesundheit gab im Frühjahr rund ein Viertel der Befragten an, schon einmal gesundheitliche Probleme wegen der Zeitumstellung gehabt zu haben.

Wie geht es jetzt weiter?

Sollte die zweimalige Umstellung im Jahr tatsächlich abgeschafft werden, könnte jedes Land für sich entscheiden, ob es dauerhaft die Standardzeit – das wäre die Winterzeit – oder die Sommerzeit einführen möchte. Die Entscheidung, welche von beiden Zeiten dauerhaft gelten soll, ist eine nationale Angelegenheit und würde von einer Abschaffung der Zeitumstellung nicht berührt.

Führt das zu einem Zeit-Flickenteppich?

Gut möglich, dass es noch mehr zeitliche Unterschiede geben würde. Spanien etwa würde wohl kaum die Sommerzeit beibehalten – denn dann würde die Sonne in Madrid im Winter erst gegen 9.30 Uhr aufgehen. In der von Deutschland dominierten Online-Umfrage wollte hingegen eine Mehrheit die dauerhafte Sommerzeit.

Schon jetzt gibt es drei Zeitzonen in der EU. In Deutschland und 16 weiteren Staaten herrscht die gleiche Uhrzeit: die Mitteleuropäische Zeit, genannt MEZ. Darunter sind die Niederlande, Belgien, Österreich, Dänemark, Frankreich, Italien, Kroatien, Polen und Spanien. Acht Länder – Bulgarien, Estland, Finnland, Griechenland, Lettland, Litauen, Rumänien und Zypern – sind eine Stunde voraus: Dort gilt die Osteuropäische Zeit oder OEZ. Drei Staaten sind eine Stunde zurück, nämlich Irland, Portugal und Großbritannien, wo die Westeuropäische Zeit gilt, die WEZ.

„Portugal hat eine andere Zeit als Spanien, und Finnland hat eine andere Zeit als Schweden“, sagte der CDU-Politiker Peter Liese, ein langjähriger Gegner der Zeitumstellung. „Daher wäre es kein Problem, wenn sich einige Mitgliedstaaten für die ständige Winterzeit und andere für die ständige Sommerzeit aussprechen.“ Nur eines soll EU-weit wegen des Binnenmarkts einheitlich sein: Zeitumstellung oder nicht.

K. Brack und M. Winde

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